Bei einer Party kann recht schnell so einiger Müll zusammenkommen. Ein Problem, dem sich Kommunen stellen müssen.

Bei einer Party kann recht schnell so einiger Müll zusammenkommen. Ein Problem, dem sich Kommunen stellen müssen.

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Wohin mit all dem Müll?

Theorie und Praxis der Entsorgung

Bilder von zugemüllten Stränden und von einem Meer, in dem stellenweise mehr Plastikteile als Fische schwimmen, sorgen weltweit für Schlagzeilen. Dabei ist Plastikmüll nicht die einzige Katastrophe, mit der die Erde fertig werden muss. Chemische Abfälle oder sogar Atommüll machen sie zu einer tickenden Zeitbombe, während Bürger fleißig Yoghurtbecher und Salatreste sortieren und Kommunen mit zahlreichen Regularien kämpfen. Müll ist ein so vielschichtiges Problem, dass es jeden von uns berührt.

Abfall ist nicht gleich Abfall

Früher brachte man einfach den ganzen Müll aus den Städten hinaus, heute ist die Entsorgung strengen und genau festgelegten Gesetzen unterworfen. Es gibt dutzende von Verordnungen, selbst der Begriff „Abfall“ ist genau definiert. Ein unnützes Ding wird beispielsweise erst dann zu Abfall, wenn der Besitzer es nicht mehr braucht und wenn es beweglich ist. So ist ein Autowrack nicht unbedingt „Abfall“. Der Besitzer entscheidet, ob er es noch braucht. Das ist wichtiger, als man glaubt, da gerade Metallschrott oft kostbare Rohstoffe enthält. Kompliziert ist es auch bei verseuchtem Erdreich. So lange es in der Erde bleibt, ist es unbeweglich und deshalb kein Abfall. Erst in dem Moment, in dem es ausgehoben ist, wird es zu Abfall.

Alle Arten von Abfall sind seit Dezember 2001 in der Abfallverzeichnis-Verordnung festgehalten. So gibt es beispielsweise „Abfälle aus der fotografischen Industrie“ und „Siedlungsabfälle“. Die Verordnung wurde über die Jahre immer wieder erneuert und angepasst. Am 1. August 2017 trat außerdem die „Gewerbeabfallordnung“ in Kraft, die regelt, dass Abfälle aus Papier, Holz, Metall und Glas bereits an der Anfallstelle getrennt werden müssen. So gibt es für jede Müllart bestimmte Regeln. Eines haben alle gemeinsam: Wer seinen Müll einfach nur in die Natur kippt, macht sich strafbar. Dabei ist es egal, ob es sich um einen Coffee-to-Go-Becher oder um Giftmüll handelt. Nur der Strafrahmen ändert sich.

 

In Deutschland wird Mülltrennung und Recycling groß geschrieben.

In Deutschland wird Mülltrennung und Recycling groß geschrieben.

Richtig entsorgen – ein Wirrwarr an Regeln mit wichtigen Grundpfeilern

Wer wie was entsorgt, ist von vier verschiedenen Gesetzesblöcken abhängig. Es gelten

  • die Abfallrahmenrichtlinie der EU
  • das Bundesgesetz zur Förderung der Kreislaufwirtschaft und umweltverträglichen Bewirtschaftung von Abfällen (KrWG und KrW-/AbfG)
  • die Gesetze der Länder, die sich auf Bereiche beziehen, die im Bundesrecht nicht erfasst sind
  • die Abfallsatzungen der Kommunen

 

Da im Privatleben die Abfallsatzungen der Kommunen für die Bürger gültig sind, kann es sein, dass im gleichen Bundesland zwei Kommunen unterschiedlich entsorgen. Allerdings müssen die Verordnungen immer dem KrWG der Bundesregierung entsprechen, das auf folgender fünfstufigen Abfallhierarchie aufbaut:

  •  Vermeidung
  • Vorbereitung zur Wiederverwendung
  • Recycling
  • Sonstige Verwertung
  • Beseitigung

Die Müllproduktion muss also so weit wie möglich eingeschränkt werden. Anschließend müssen Industrie, Handel und Verbraucher ihren Müll nach den vorliegenden Verordnungen trennen. Die Kommunalverwaltung muss gleichzeitig dafür sorgen, dass dieser getrennte Müll recycelt oder anderweitig verwertet oder völlig beseitigt wird.

Wilde Müllkippen gibt es in Deutschland eher weniger, aber dennoch kommen sie in Wäldern, in unübersichtlichen oder abseits liegenden Gebieten vor.

Wilde Müllkippen gibt es in Deutschland eher weniger, aber dennoch kommen sie in Wäldern, in unübersichtlichen oder abseits liegenden Gebieten vor.

Engpässe und andere Sorgen

Bei der Entsorgung kann es aber auch zu Engpässen kommen. Bestimmte Deponien können überfüllt, Recyclingsanlagen überlastet sein. So hat die Bauwirtschaft beispielsweise immer wieder größere Probleme. Bauabfälle machen rund 60 Prozent der gesamten Abfallmenge aus. Bei Straßenarbeiten, Sanierungs- und Bauprojekten entstehen jährlich rund 200 Millionen Tonnen Bauabfälle. Gleichzeitig gab es 2016 nur noch 1108 Deponien – 2006 waren es noch rund 2000!

2017 gab es deshalb einen ein massiven Entsorgungsengpass für Styropor-Dämmstoffe. Die Lage war so kritisch, dass der Müll ins Ausland exportiert werden musste. Deutschland hatte sein Problem gelöst – global gesehen wurde es jedoch nur verschoben. Im Sommer 2018 meldete die Deutsche Handwerkzeitung, dass man für die Zukunft weitere und noch größere Engpässe für andere Bauabfälle befürchtet, da die vorhandenen Deponien spätestens 2025 überfüllt sind. Bereits heute müssen Entsorger in der Bauwirtschaft mit Transportwegen von rund 200 Kilometern rechnen. Dabei hat auch Bauschutt ein großes Recycling-Potential. Er wird seit Jahren für Frost- und Tragschutzschichten oder im Leitungstiefbau als Verfüllmaterial verwendet. Der Zentralverband des Baugewerbes fordert deshalb, dass bereits vor Beginn einer Baumaßnahme genau untersucht wird, wie viel Müll anfällt und wie man die verschiedenen Sorten von Müll weiterverwerten kann.

 

Gift- und Atommüll – der Horrorgruß an die Zukunft

Radioaktive und hochgiftige Abfälle sind dagegen ein ganz anderes Kapitel. Weltweit konnten bisher noch keine zufriedenstellenden Lösungen gefunden werden, da man viele Giftarten und radioaktives Material zwar „verstecken“, aber nicht für immer verschwinden lassen kann.

Radioaktive Abfälle stammen meist aus Atomkraftwerken. Ein kleiner Teil kommt auch aus der Medizin oder aus der Pharmaindustrie. Laut Bundesgesetz müssen die Verursacher für die Kosten der Entsorgung aufkommen. Bis 2016 hat die Entsorgung von radioaktivem Müll 32 Milliarden Euro Kosten verursacht. So kostete der Schacht Konrad beispielsweise 3,4 Milliarden und der Salzstock Gorleben 1,74 Milliarden. Die Atommüllverursacher haben laut Bundesumweltamt 40 Milliarden zurückgelegt.

Vorläufig kann man also sicher sein, dass diese enormen Rechnungen auch bezahlt werden. Man mag sich gar nicht ausdenken, was passieren könnte, falls es nach einer Wirtschaftskrise oder einem anderen Negativereignis in der Weltgeschichte kein Geld mehr geben sollte. Schließlich bleibt der Menschheit der Atommüll so lange erhalten, dass ein zuverlässiger Blick in die Zukunft absolut unmöglich ist. In rund 100 Jahren wird die Strahlung leicht nachlassen, aber ganz verschwunden wird sie erst in 3 Millionen Jahren sein.

Auch der Umgang mit Giftmüll ist schwierig. Zahlreiche Giftmüll-Skandale haben seit den 60er Jahren die Bundesrepublik und andere Länder erschüttert. Erst 2015 wurde bekannt, dass eine Giftmüll-Mafia nördlich von Neapel Nacht für Nacht giftige und radioaktive Abfälle aus ganz Europa verbrennt und die Krebsrate in der Gegend drei Mal so hoch wie normal ist.

Aber auch in Deutschland läuft nicht alles perfekt. 2012 fand man auf einer Deponie im Kreis Mühldorf viele Tonnen Bauschutt mit unzulässig hohen Schadstoffwerten. Der Gründer und Geschäftsführer des Entsorgungs- und Recyclingunternehmens Technosan aus Krailling bei Starnberg bekam vier Jahre Haft. 2013 stellte das Bayerische Umweltministerium in einem Untersuchungsbericht fest, dass das „Überwachungssystem unzureichend beziehungsweise manipulationsanfällig“ ist.

Plastik gehört inzwischen zum Müllproblem Nummer eins!

Plastik gehört inzwischen zum Müllproblem Nummer eins!

Deutschland, Europameister im Recyclen

Im Fall „Technosan“ wurde wieder einmal deutlich, dass die Zusammenarbeit der Kommunen mit privaten Entsorgungsunternehmen voller Fallgruben ist. Jede Kommune muss für sich den richtigen Weg finden und gleichzeitig den immer anspruchsvolleren Auflagen gerecht werden. Trotzdem ist ein Trend erkennbar: Immer mehr Kommunen nehmen die Entsorgung in die eigene Hand. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2017 zeigte, dass der öffentliche Anteil bei der Abfallentsorgung von 38,7 Prozent (2006) auf 47,3 Prozent (2016) gestiegen ist. Der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs- Wasser- und Rohstoffwirtschaft e.V. hat außer dieser Statistik noch weitere interessante Zahlen ermittelt. So produziert die Bundesrepublik 420 Millionen Tonnen Abfall pro Jahr. Nur 11 Prozent davon sind sogenannte Siedlungsabfälle – Tendenz sinkend. Und noch eine gute Nachricht aus der Statistik: Deutschland recycelt inzwischen 66 Prozent seiner Siedlungsabfälle und ist damit Europameister. EU-weit werden nur 45 Prozent der Siedlungsabfälle wiederverwertet. Deutschland ist übrigens auch das einzige Land in Europa, in dem die Deponie unbehandelter Abfälle verboten ist. Deshalb fallen in Deutschland nur 1 Kilo per Einwohner an. In Italien sind es 558 Kilo, in Schweden 4 Kilogramm. Der EU-Durchschnitt liegt bei 122 Kilogramm.

 

Weitere Links:

Müll-Liste: https://www.gesetze-im-internet.de/avv/anlage.html

Bußgeldkatalog für Müll in der Umwelt: https://www.bussgeldkatalog.org/umwelt-muell/#rhpf

Statistik 1: https://www.euwid-recycling.de/news/wirtschaft/einzelansicht/Artikel/gutachten-private-entsorger-im-nachteil.html

Statistik 2:  https://www.bde.de/themen/bde-research/abfallmengen-anlagen-und-abfallintensitaeten/

 

Selbst die Meere sind voll von Plastikmüll und ein kleiner Teil davon wird immer wieder an die schönsten Strände gespült.

Selbst die Meere sind voll von Plastikmüll und ein kleiner Teil davon wird immer wieder an die schönsten Strände gespült.


Ingrid Raagaard

Journalistin und Autorin

Web. www.torial.com/ingrid.raagaard

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Ingrid Raagaard


18. Dezember 2018


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