Auch wenn man es nicht für möglich hält: Weidetiere sorgen für attraktive Landschaften im Umland und erhalten die Artenvielfalt.

Auch wenn man es nicht für möglich hält: Weidetiere sorgen für attraktive Landschaften im Umland und erhalten die Artenvielfalt.

Die Rückkehr der Weiden

Tierfreundliche Landschaftspflege stabilisiert Ökosystem

Die Geschichte der Weiden ist fast so alt wie die Geschichte der Menschheit. Sie entstanden, als die Menschen sesshaft wurden. Im Laufe der Jahrtausende entwickelten sich sogar die unterschiedlichsten Weideformen. Da gibt es Kurzrasenweiden, Pferdeweiden, Winterweiden, Umtriebsweiden und noch viele mehr. Eines haben alle gemeinsam: Sie werden immer weniger.

 

Die Industrialisierung der Landwirtschaft machte zahlreiche Weiden überflüssig. Für die Umwelt ist das eine Katastrophe, da Weiden nicht nur für die Tiere wichtig sind. Sie sind ein wichtiges Puzzleteil der ökologischen Infrastruktur.

Umweltfreunde machen schon lange auf diese Problematik aufmerksam und plädieren für die Rückkehr der Weiden. Mehr als 1300 Fachleute aus ganz Europa kamen Ende Februar beim Online-Kongress „Weiden! – Wege zur Bewahrung der Biodiversität“ unter dem virtuellen Dach der Umweltakademie Baden-Württemberg zusammen. Bei der in Kooperation mit der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg und dem Verein Naturnahe Weidelandschaften organisierten Veranstaltung diskutierten Experten, welchen Beitrag eine extensive und naturnahe Weidetierhaltung zur Erhöhung der Artenvielfalt und Stabilisierung von Ökosystemen leisten kann.

 

Ein Schäferwagen zum Übernachten in der Nähe der Schafherde, hat seine Vorteile.

Ein Schäferwagen zum Übernachten in der Nähe der Schafherde, hat seine Vorteile.

Düsterer Blick in die Zukunft

Das Fazit der Konferenz war düster. Die Teilnehmer waren sich darüber einig, dass sich die biologische Vielfalt im freien Fall befindet und dass zahlreiche Ökosysteme in naher Zukunft zusammenbrechen könnten. „Die bisherigen Konzepte zum Erhalt der Biodiversität sind zwar gut gemeint, im Wesentlichen gehen sie aber nicht weit genug. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel und eine Neuorientierung im Naturschutz, die sich an jahrhundertealten Traditionen orientiert“, erklärte Dr. Alois Kapfer, Vorsitzender des Vereins zur Förderung naturnaher Weidelandschaften Süddeutschlands e.V.

Am besten wäre es für die Natur, wenn robuste Weidetiere ganzjährig auf großen Flächen leben könnten. Sie gestalten durch Fraß und Tritte die Landschaft und sorgen für ein vielfältiges Lebensraummosaik. Der Dung bietet gleichzeitig Nahrung für zahlreiche Insekten, die wiederum eine wichtige Nahrungsquelle für Vögel aller Art sind. Außerdem transportieren Weidetiere über ihr Darmsystem, an ihren Füßen und über ihr Fell Diaspuren über weite Strecken. „Weidetiere sind im wahrsten Sinne des Wortes ein lebendiger Biotopverbund“, stellte Claus-Peter Hutter fest. Für den Leiter der Umweltakademie Baden-Württemberg helfen sie mit ihrer Vektorleistung, Pflanzen- und Tierbestände auf Landschaftsebene nachhaltig zu stabilisieren. „Für viele Arten verbessern sie die Bedingungen zur Kolonisation neuer Standorte und unterstützen die Anreicherung artenarmer Populationen oder Gebiete, während sie zugleich den genetischen Austausch fördern und damit einer Isolation von Tier- und Pflanzenbeständen entgegenwirken.“

Weiden schaffen außerdem interessante Landschaftsbilder und können so auch den Tourismus stärken. Selbst die Landwirtschaft würde von einer neuen Beweidung profitieren, da Fleisch und andere Produkte von freilebenden Weidetieren immer gefragter sind. Eine Beweidung ist also für alle Seiten interessant, sowohl aus ökologischer als auch aus ökonomischer Sicht. Darüber waren sich alle Experten einig.

 

In unwegsamem Gelände grasen Weidetiere häufiger, so wie das Grauvieh, denn sehr steile Weidehänge schafft ein Mäher nicht.

In unwegsamem Gelände grasen Weidetiere häufig, so wie Grauvieh, denn sehr steile Weidehänge schafft ein Mäher nicht.

Die Stuttgarter Erklärung

Zum Abschluss wurden die Wichtigkeit der Beweidung und die Forderungen der Kongressteilnehmer für Entscheidungsträger aus Politik und Naturschutz in einem handlungsorientierten Grundlagenpapier, der „Stuttgarter Erklärung zur Weidestrategie“, zusammengefasst. Die naturnahe Beweidung im Offenland und im Wald fördere wichtige Ökosystemleistungen und ermögliche die Verwirklichung gesellschaftlicher Ansprüche, heißt es einleitend.

Die anschließenden Forderungen im Wortlaut:

  • Konsequentes Umsteuern und eine Neuorientierung finanzieller Förderprogramme der Landwirtschaft und des Naturschutzes zum Wiederaufbau vernetzter extensiver Weidesysteme
  • Nutztiere wieder in der Landschaft extensiv und naturnah weiden lassen
  • Schnelles Umdenken im praktischen Naturschutz zur Schaffung weidefreundlicher politischer, naturschutzrechtlicher und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen
  • Aus tradiertem Wissen lernen und in der Natur- und Kulturlandschaftspflege in  einem zeitgemäßen Verständnis wieder anwenden
  • Paradigmenwechsel im Naturschutz auf EU-, Bundes- und Länder-Ebene
  • Ausschöpfung der landesbezogenen Ermessensspielräume bei der weidefreundlichen Ausgestaltung der EU-Agrarpolitik und bei den Vorgaben des normativen Naturschutzes  [ raa ]

 

Ohne Schafe keine Kulturlandschaften: Wo regelmäßig Schafe weiden, werden Wälder zurückgedrängt, bilden sich kaum Büsche. Wenn, dann sind es beispielsweise Wacholderheiden, so wie auf der Schwäbischen Alb. Diese zählen zu den artenreichsten Biotopen Mitteleuropas.

Ohne Schafe keine Kulturlandschaften: Wo regelmäßig Schafe weiden, werden Wälder zurückgedrängt, bilden sich kaum Büsche. Wenn, dann sind es beispielsweise Wacholderheiden, so wie auf der Schwäbischen Alb. Diese zählen zu den artenreichsten Biotopen Mitteleuropas.

 

Weitere Informationen und Rückfragen:

Akademie für Natur- und Umweltschutz
Dillmannstraße 3 – 70193 Stuttgart
Tel.: +49 711 126-2812

marion.rapp@um.bwl.de


Kernerplatz 9
70182 Stuttgart

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Fax. +49 (0)711 / 126-2881
E-Mail. poststelle@um.bwl.de
Web. um.baden-wuerttemberg.de

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Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg


21. September 2021


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