Verena Bentele hat große Erwartungen an die neue Bundesregierung und hakt bei Olaf Scholz nach.

Verena Bentele hat große Erwartungen an die neue Bundesregierung und hakt bei Olaf Scholz nach.

„Unverständlich, dass Barrierefreiheit heute als neues Thema entdeckt wird“

Es galt als entschieden: Absolute Teilhabe im ÖPNV ab kommendem Jahr / Zwar richtig gedacht, aber schlecht gemacht: An hindernisfreien Zugängen fehlt es überall!

Der Gesetzgeber hat 2013 eine bindende Verpflichtung für die Schaffung eines komplett barrierefreien ÖPNV ab 2022 verankert. Betroffene, die sich darauf gefreut hatten, sehen sich enttäuscht. Fehlende Rampen und Aufzüge, schwer zugängliche Haltepunkte, spärlich eingesetzte Informationssysteme, ungeeignete Busse und Bahnen … zahlreiche Hindernisse stehen ihrer Teilhabe im Weg. Verena Bentele kämpft als Präsidentin des VdK Deutschland an vielen Fronten und spricht über umsetzbare Projekte und Visionen für Verkehrskonzepte.

Frau Bentele, der Alltag spiegelt ein anderes Gesicht wider…

In der Tat. Für uns im Sozialverband VdK ist ganz klar, dass es hier um eine gesetzliche Verpflichtung geht, die vom Gesetzgeber nicht entsprechend gut umgesetzt wurde. Natürlich ist ein vollständig barrierefreier ÖPNV investitionsintensiv, die umfassende Umrüstung ist eine Riesenanstrengung. Wir hoffen, dass es in den nächsten Jahren Bewegung und Entwicklung zu dem Thema gibt. Positiv sehen wir, dass sich in vielen Nahverkehrsplänen die Aufmerksamkeit auf dieses Thema gerichtet hat und Anstrengungen unternommen wurden. Aber das reicht nicht. Ein Grundproblem ist häufig, dass erst im Nachhinein die Barrierefreiheit eingeplant wurde. Umrüsten und Sanieren ist immer teurer, als von Anfang an richtig zu planen.

 

An welchen Stellen hakt denn das Problem am meisten?

Ich denke, das ist eine Mischung aus vielem. Wenn Rampen und Aufzüge an einem Haltepunkt fehlen, sind Umwege bis zu einem geeigneten Bahnhof notwendig. Relevant sind Fahrzeuge, die nicht ebenerdig begehbar sind, das betrifft S-Bahnen, Regionalzüge und Busse.

Bei der Bahn gibt es die Regel, dass Bahnhöfe, die weniger als 1000 Fahrgäste am Tag haben, in der Priorisierung weiter hinten liegen. Viele ältere Menschen leben im ländlichen Raum, für sie ist das Auto derzeit leider oft die einzige Möglichkeit der Fortbewegung. Dies liegt vor allem daran, dass in den letzten Jahrzehnten kaum an die Lebensrealität der Menschen gedacht wurde. Auch Menschen mit großen und schweren Gepäckstücken oder Kinderwagen brauchen Rampen und Aufzüge.

 

In Bahnsteighöhenkonzepten sind drei Bahnsteighöhen im Gespräch: 55, 76 und 96 Zentimeter, differenziert nach Art der Züge und Region…

Von mobilitätseingeschränkten Menschen höre ich viele abenteuerliche Reisegeschichten. Mir liegt es fern, schlecht über den ÖPNV zu sprechen. Ich fahre, wenn möglich, mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Mit meiner Erblindung von Geburt an bin ich sozusagen Dauertester. Nur wenn intensiv in den öffentlichen Personennahverkehr investiert wird, sind Erreichbarkeit und Barrierefreiheit auf dem Land und in der Stadt umsetzbar. Damit schlagen wir mehrere Fliegen mit einer Klappe.

Die absolute Teilhabe für Menschen mit Behinderung, für Ältere, auch für Kinder und Jugendliche wäre garantiert, und zudem ist ein solches Verkehrskonzept klimafreundlich.Von Seiten des Bundes muss mit zweckgebundenen Förderprogrammen deutlich mehr in den Aus- und Umbau des ÖPNV investiert werden. Das ist ein wichtiges Thema für die neue Bundesregierung.

Früh übt sich ... die VdK-Präsidentin Verena Bentele hat 2019 die Patenschaft für die Sehfrühförderung der Ki.D.T. GmbH in Berlin übernommen.

Früh übt sich … die VdK-Präsidentin Verena Bentele hat 2019 die Patenschaft für die Sehfrühförderung der Ki.D.T. GmbH in Berlin übernommen.

Oft ist die Rede von Rollator und Rollstuhl, Behinderungen sind aber vielfältiger… 

Alle Menschen mit einer Behinderung haben ihre Herausforderung. Ich orientiere mich mit dem Blindenstock und brauche dafür Leitlinien. Fährt ein Bus an die Haltestelle und keine Ansage teilt mit, welche Linie das ist, muss ich Fahrgäste oder Busfahrer fragen. Das gleiche gilt für Durchsagen: Hörbehinderte benötigen ein Display. Neulich erfuhr ich, dass es in Köln einen nagelneu gebauten U-Bahnhof gab, wo eine Orientierungslinie für Blinde direkt an einer Wand endet. Das ist absurd. Wir vom VdK fordern, dass Menschen mit Behinderungen und  Interessenvertreter in den Umbau mit einbezogen werden.

 

Was versteht der Gesetzgeber unter der Formulierung „angemessene Vorkehrung“?

Während Barrierefreiheit sich auf Vorkehrungen im Vorhinein und auf die Bedürfnisse einer ganzen Gruppe bezieht, geht es bei „angemessenen Vorkehrungen“ um das Individuum. Laut Gesetz sind angemessene Vorkehrungen Maßnahmen, die im Einzelfall geeignet und notwendig sind, damit ein Mensch mit Behinderungen gleichberechtigt alle Rechte ausüben kann. Aus zeitlichen und finanziellen Gründen muss nicht sofort die ganze Haltestelle umgebaut werden.

 

Macht eine Strategie nach Prioritäten Sinn?

Ja, individuell angepasste Lösungen müssen den Menschen ermöglichen, alle Haltepunkte zu nutzen – welcher Art auch immer. Man muss sich für oder gegen etwas entscheiden. Dazu gehört eine Priorisierung. Ganz vorn stehen Haltestellen mit hohem Verkehrsaufkommen. Für andere Haltepunkte könnten ein Bürgerbus oder eine mobile Rampe vorerst ein sinnvoller Ersatz sein bis  umgebaut wird.

Verena Bentele eröffnete 2019 das Weihnachtspostamt.

Verena Bentele eröffnete 2019 das Weihnachtspostamt.

Können Sie eines der Vorzeigebeispiele nennen?

Für ein barrierefreies Verkehrskonzept kann ich als Aufgabenträger den Zweckverband Verkehrsverbund Bremen/Niedersachen empfehlen, der sich vorbildhaft der Herstellung vollständiger Barrierefreiheit im ÖPNV angenommen hat. (Anmerkung der Redaktion: Auf der nachfolgenden Seite lesen Sie darüber mehr)

 

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, was gehört dazu?

Zuerst wünsche ich mir einen Rechtsanspruch, dass angemessene Vorkehrungen getroffen werden müssen, um Barrierefreiheit herzustellen. Ohne Verpflichtung wird es nicht gehen. Ein anderer Wunsch ist, dass Bund, Länder und Kommunen dabei eng zusammenarbeiten. Und als Drittes wünsche ich mir, dass Interessenvertreter, Verbände und Menschen mit Behinderung stärker in Planungen einbezogen werden. Damit könnten viele Umwege vermieden werden.   [ sf ]

 

Portraitfoto Verena Bentele vom Sozialverband VdK Deutschland e. V.

Markenzeichen: Lebensfreude und Temperament

Geboren in Lindau machte Verena Bentele, die blinde zwölffache Paralympicssiegerin im Biathlon und Skilanglauf, den Behindertensport populär.

Nach dem Magisterabschluss in Literaturwissenschaften arbeitete sie als selbstständiger Coach und Personalberaterin. Von Anfang Januar 2014 bis Mai 2018 war die Schwäbin Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen.

Seit Mai 2018 ist Verena Bentele Präsidentin des Sozialverbandes VdK Deutschland. 2013 bestieg sie den Kilimandscharo und als erster blinder Mensch den Mount Meru im selben Bergmassiv.


Sozialverband VdK Deutschland e. V.

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19. April 2022


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