Beispielübungen helfen, Konflikte erfolgreich zu managen. Mario Staller ist überzeugt, je mehr man wisse, welche Einflüsse wie wirken, umso einfacher könne man die Situationen deuten und damit umgehen.

Beispielübungen helfen, Konflikte erfolgreich zu managen. Mario Staller ist überzeugt, je mehr man wisse, welche Einflüsse wie wirken, umso einfacher könne man die Situationen deuten und damit umgehen.

Einflüsse für Gewaltbereitschaft sind keine Einbahnstraße

Für optimale Einsatzbedingungen und zur Sicherheit der Rettungskräfte muss die Ausbildung auf Basis realer Situationen ständig hinterfragt und angepasst werden

Gefühlt nehmen Übergriffe auf Rettungskräfte zu. Sind die Helfer der Prellbock für Gewaltbereitschaft und warum ausgerechnet die, die in Notsituationen helfen? Dazu unterhielten wir uns mit Professor Mario Staller. Der Professor für Psychologie und Training sozialer Kompetenzen an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen in den Bereichen Konfliktkommunikation, Gewalt- und Trainingsforschung ist profunder Kenner der Thematik.

Herr Professor Staller, von Gewalt wird in unterschiedlichen Kontexten gesprochen. Ist das verwirrend?

Keinesfalls, der Gewaltbegriff ist sehr breit. Da geht es um verbale, körperliche und strukturelle Gewalt. Wichtig ist zu differenzieren, vor allem wenn die Frage gestellt wird, ob die Gewalt zunimmt. Die Wahrnehmung auf die Sache hat Auswirkung auf die Antwort.

 

Was sagt denn die Gewaltstatistik dazu?

Wir leben in einer sehr sicheren Gesellschaft. Die Daten zeigen nach unten. Die Wahrnehmung scheint aber gegenläufig zu sein. Hier machen auch Medien etwas mit dem Kopf jedes Einzelnen. Denn: Auch wenn nur ein Fall überall bespielt wird und sich über Social Media noch verstärkt,  bleibt es immer noch nur ein Fall. Natürlich ist jeder Fall einer zu viel.

 

Aber was läuft schief, wenn Gewalt ausgerechnet gegen die geht, die eigentlich helfen?

Aus Studien wissen wir, dass es sich bei zirka 75 Prozent der Gewaltausführenden um betreute Patienten handelt, häufig unter Alkoholeinfluss. Schaut man in die Interaktion, ist das verständlich, denn die emotionale Anspannung ist in dem Moment groß. Unter Alkohol sind rationales Denken und Emotionen nicht gut ansprechbar. Wenn dann in der Interaktion Retter nicht emphatisch reagieren, kann das von anderen Personen problematisch aufgenommen werden. Sie reagieren darauf, die Situation schaukelt sich hoch und wir haben einen eskalierenden Konflikt. Beleidigungen können problematisch sein. Aber wenn man wahrnimmt, dass die betroffene Person wahrscheinlich im nüchternen Zustand ganz anders reagiert, kann man damit auch anders umgehen.

Mario Staller: „Das Thema Ausbildung steckt bundesweit leider noch in den Kinderschuhen.“

Mario Staller: „Das Thema Ausbildung steckt bundesweit leider noch in den Kinderschuhen.“

Ist es denn möglich, Gewaltbereitschaft anderer Menschen sofort zu erkennen?

Das wäre zu einfach. Es gibt unglaublich viele Einflüsse. Natürlich spielt eine Rolle, was man demjenigen beigebracht hat. Aber es geht auch darum, ob derjenige den Umgang mit Konflikten und Provokationen gelernt hat und wie seine Selbstkontrollfähigkeit ist. Bei steigenden Temperaturen nimmt auch die Bereitschaft zur Eskalation zu, wie auch bei Hunger. Mit vollem Magen ist man entspannter. Das heißt, je mehr Einsicht ich in die aktuelle Situation habe, umso leichter fällt die richtige Entscheidung für mein Handeln. Man muss unterscheiden, wie die Situation wirklich ist und wie sie sich für mich anfühlt.

 

Und wie können Rettungskräfte eskalierende Situationen managen?

Heute wissen wir, dass viel in der Interaktion zwischen den beteiligten Parteien entsteht. Für den Rettungsdienst bedeutet das zu wissen, wann und wie bei einem Einsatz Gewalt entsteht. Wir schulen die Leute so, dass sie als Konfliktmanager eine solche Situation gut navigieren können, sodass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht in Gewalt endet.

 

Unter Ihrer wissenschaftlichen Mitwirkung läuft eine Studie zur Gewaltprävention. Welche Informationen rücken dabei in den Fokus?

Ausschließlich für den Rettungsdienst im Einsatz haben wir gemeinsam mit dem Verein „Helfer sind tabu“ für den Rheinhessen-Nahe-Kreis eine Plattform implementiert. Die Kollegen tragen dort in ihr Einsatztagebuch auch die Situation vor Ort ein. Anhand dieser Einträge sehen wir, dass es vor zwei Jahren rund 140.000 Einsätze gab, darunter waren 27 Gewalthandlungen registriert. Im Vorjahr waren es zirka 107.000 Einsätze mit insgesamt 26 Fällen. Das gibt uns die Möglichkeit, die Gesamtsituation zu betrachten. Möglicherweise gibt es auch Kollegen, die eine Beleidigung nicht als mitteilungswert empfanden. Ganz klar, die Ergebnisse sind alles andere als banal. Es geht nicht darum, sich die Welt oder die Realität schön zu reden, sondern realistisch auf die Fälle zu schauen. Für den Einzelnen ist es schlimm und tragisch. Deshalb arbeiten wir in unseren Schulungen auch darauf hin, dass man die Möglichkeit einer aufgeladenen Stimmung einkalkuliert, sich aber darauf vorbereiten und so entspannter sein kann. Wir bilden Trainer aus, die danach als Multiplikatoren mit ihren Leuten vor Ort arbeiten. Diese Trainer kommen zu regelmäßigen Updates zu uns.

Rettungskräfte im Ausbildungskurs – laut Mario Staller werden Trainer ausgebildet, die danach als Multiplikatoren mit ihren Leuten vor Ort arbeiten.

Rettungskräfte im Ausbildungskurs – laut Mario Staller werden Trainer ausgebildet, die danach als Multiplikatoren mit ihren Leuten vor Ort arbeiten.

Kann die Plattform bundesweit genutzt werden?

Wir wollen das Tool auch anderen zur Verfügung stellen, das war der Hintergrund unserer Entwicklung. Damit bekäme jeder eine aussagefähige Plattform und kann schauen, welche Bereiche besonders problematisch sind. Wir selbst nutzen unsere wissenschaftlichen Auswertungen für die Weiterentwicklung der Schulungsprogramme.

Die Studien zeigen uns deutlich, dass alles mit dem Interaktionssystem zu tun hat und wir mit unseren Programmen frühzeitiger ansetzen müssen.   [ sf ]

 

Die Psychologin Cordula Jüchser untersuchte 2019 gemeinsam mit dem Pädagogen Daniel Richter an der Universität Koblenz die Aussagen von 1717 Rettungskräften.

Die Psychologin Cordula Jüchser untersuchte 2019 gemeinsam mit dem Pädagogen Daniel Richter an der Universität Koblenz die Aussagen von 1717 Rettungskräften.

Info:  Auf dem Land ist auch nicht alles gut!

Flächendeckend für Rheinland-Pfalz untersuchte Cordula Jüchser, Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin, 2019 gemeinsam mit dem Pädagogen Daniel Richter an der Universität Koblenz die Aussagen von 1717 Rettungskräften.

Erstmals stand im Fokus einer Studie zum Thema Gewalterfahrung die Frage, ob ein Unterschied zwischen dem ländlichen Raum und den Metropolen besteht.

Von den zufälligen anonymen Studienteilnehmern kamen 65,4 Prozent aus Gemeinden unter 20.000 Einwohner und 15,8 Prozent aus Städten bis 80.000 Einwohner. Unter anderem gaben 34,2 Prozent der Rettungskräfte an, in den letzten zwölf Monaten Gewalt erlebt zu haben.

Fazit zu Stadt und Land: Die zahlreichen Meinungsbilder unterscheiden sich kaum.

 

Kontakt:

Universitätät Koblenz

Universitätsstraße 1,  56070 Koblenz

M.Sc. Psych. Cordula Jüchser

Tel.: +49 261 – 287-1919

juechser@uni-koblenz.de

www.uni-koblenz.de


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8. Juni 2022


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