Windkraftanlage im morgendlichen Nebel

Auch wenn große Windkraftanlagen Landschaftsansichten stören, ihr Potential für die Energiewende ist enorm.

„Frag doch mal …“ welche Vorteile die Windenergie bietet

Die Bevölkerung zieht mit: Widerstand gegen Windkraftanlagen lässt nach

Viele Jahre lang wurde die Windenergie stiefmütterlich behandelt, einige Nachteile der Windkraftanlagen sorgten dafür. Da nun aber auch verschiedene Umweltschutz-Gruppierungen deren langfristige Vorteile erkennen, lassen sich inzwischen auch eingefleischte Windkraftgegner zunehmend von diesem Potential für die Energiewende überzeugen.

 

Jörg Dürr-Pucher ist einer derjenigen, der sich auch für Windkraftanlagen ausspricht, und versucht, sowohl Tier- als auch Umweltschützer mit den Nachteilen dieser nachhaltigen Energiequelle zu versöhnen. Viel zu wichtig ist es, dass die Energiewende möglichst bald gelingt.

 

Es wird einiges dafür getan, um windenergiesensible Vögel und Fledermäuse zu schützen.

Jörg Dürr-Pucher, Vorsitzender der Plattform Erneuerbare Energien Baden-Württemberg

Jörg Dürr-Pucher ist Vorsitzender der Plattform Erneuerbare Energien Baden-Württemberg.

Jörg Dürr-Pucher: „Im Moment bin ich optimistisch, dass die Energiewende gelingt.“

„Ich glaube, dass wir dabei sind, die Talsohle beim Ausbau der Windenergie im Land zu durchschreiten. Ich hoffe, dass es bei Planung und Bau von Windparks in Zukunft schneller voran geht, denn es gibt bisher durchaus einige hausgemachte Planungsprobleme bei Wind- und Solarparks, die die Landesregierung jetzt auch mit Hilfe der eingerichteten Task Force ausräumen will. Entscheidend sind die schnelle und rechtssichere Ausweisung von Flächen, auf denen dann in deutlich beschleunigten Verfahren Wind- und Solarparks gebaut werden können. Mehr Solarparks könnte man bereits im kommenden Jahr sehen. Bei Windparks wird das sicherlich bis 2025 dauern.
Besonders groß sind die Planungsprobleme bei Windparks. Hier dauert die Planungsphase in Baden-Württemberg im Schnitt sieben Jahre, in manchen Fällen bis zu zehn oder sogar 15 Jahre. Bei Solarparks liegen Planungszeiträume nur bei 15 bis 24 Monaten.
Die Verfahren bei Solar- und Windparks sind sehr unterschiedlich. Windparks sind im Außenbereich privilegiert und unterliegen dem Bundesemissionsschutzrecht, Solarparks dagegen dem Baurecht. Für einen Solarpark muss man den Flächennutzungsplan ändern, einen Bebauungsplan erlassen und eine Baugenehmigung erteilen. Das ist alles durch die Kommunen zu regeln. Windenergie unterliegt dagegen einer bundesweiten Genehmigung. Da beginnt die Planung schon mit der Frage, wo man überhaupt planen darf. Welche Wälder oder Wiesen sind möglich? In Baden-Württemberg gibt es zum Beispiel viele bewaldete Kuppen, die geeignet sind, schon deshalb, weil es meist keine ökologisch hochwertigen Wälder sind. Deshalb findet man im Land auch viele Windkraftanlagen in Wäldern.

In den letzten beiden Jahren nahmen die örtlichen Widerstände ab. Die Bevölkerung hat verstanden, dass der Bau von Wind- und Solarparks auch bei ihnen in der Region dringend notwendig ist. Dennoch sind die Proteste kleiner, aber lautstarker Minderheiten anstrengend, da sie schon den Anfang der Planung behindern. Anwohner haben allerdings kein Klagerecht, klagen können ausschließlich anerkannte Naturschutzverbände. Nun haben aber einige Windenergiegegner Naturschutzverbände gegründet, die dann klagen können und gegen die geplanten Windparks protestieren.
Es ist richtig, dass Windparks nicht unsichtbar sind, man sieht sie in der Landschaft. Das gilt besonders für die großen modernen Anlagen, die auch im Binnenland viel Strom produzieren können. Ein wichtiger Fortschritt ist die bedarfsorientierte Nachtkennzeichnung. In Zukunft blinken die roten Lichter in den Windparks nachts nur noch dann, wenn sich ein Flugzeug nähert.

Es wird einiges dafür getan, um windenergiesensible Vögel und Fledermäuse zu schützen. Statt generelle Abschaltzeiten festzulegen, wird es zukünftig durch optische Systeme Windräder gezielt dann abzuschalten, wenn sich Vögel nähern. Der Artenschutz wird ja häufig am Beispiel des Rotmilans diskutiert, dessen Bestand in Baden-Württemberg in den vergangenen Jahren erfreulicherweise stark zugenommen hat. Diese positive Entwicklung wird sicherlich anhalten, auch wenn sich in den kommenden Jahren dann die notwendigen 2,500 bis 3000 Windenergieanlagen im Land drehen.
Besonders wichtig wäre es jetzt, durch klug geplante Repowering-Projekte dafür zu sorgen, dass viele alte Windkraftanlagen aus den 90er Jahren abgebaut und durch neue und viel produktivere Anlagen ersetzt werden. So könnte man mit deutlich weniger Windparks spürbar mehr sauberen Strom erzeugen. Bei ihnen sind die Rotorblätter höher als die übliche Flughöhe der Vögel. Das Kollisionsrisiko nimmt mit den neuen und modernen Anlagen also deutlich ab.

 

Rotmilan fliegt nahe einer Windkraftanlage

Windräder sind zwar tatsächlich eine Gefahr für einige Vogelarten wie beispielsweise den Rotmilan. Dennoch sprechen sich inzwischen auch Vogelschützer wie der Landesbund für Vogelschutz (LBV) für diese erneuerbare Energiequelle aus, denn der Klimawandel stellt eine noch viel größere Gefahr für die Artenvielfalt dar als alle in Betrieb genommenen Windkraftanlagen zusammen. Darüber hinaus werden bei neueren Anlagen die Rotorblätter viel höher angebracht, sodass die Flugbahnen von Vögeln kaum mehr gestört werden.

 

Man muss sich hier wirklich vor Augen halten, was eine moderne Windkraftanlage an einem durchschnittlichen Standort in Baden-Württemberg leisten kann. Eine Anlage mit fünf bis sechs MW Leistung produziert zwölf bis fünfzehn Millionen Kilowattstunden sauberen Windstrom pro Jahr. Damit wird der private Strombedarf eines 12.000-Einwohnerorts gedeckt.
Wir gehen davon aus, dass Baden-Württemberg bis zum Jahr 2040 zwischen 2.500 und 3000 Windenergieanlagen benötigt, um knapp 30 Prozent seines bis dahin durch Elektromobilität und den Einsatz von Wärmepumpen deutlich steigenden Strombedarf von etwas mehr als 100 Terawattstunden zu decken. Im Vergleich dazu: Im deutlich kleineren Bundesland Rheinland-Pfalz drehen sich bereits heute fast 3000 Windenergieanlagen. Viele Windparks werden jetzt genau an den Stellen entstehen, wo sie vor sechs Jahren noch gescheitert sind.

Wichtig wird es zudem, den Bau von Wind- und Solarparks besser mit dem Netzausbau zu verknüpfen. Bei vielen aktuell geplanten Solar- und Windparks wird es schwierig, den Strom überhaupt im Stromnetz unterzubringen. Dafür werden Erdkabel genutzt, es gibt also keine Strommasten, die in der Landschaft stören. Die Erzeugungszeiten von Solar- und Windstrom ergänzen sich gegenseitig sehr gut. Mehr Windstrom im Winterhalbjahr, deutlich mehr Solarstrom im Sommerhalbjahr. Deshalb können Solar- und Windparks am gleichen Netzverknüpfungspunkt einspeisen. Solche Hybridkraftwerke stärken die Versorgungssicherheit und reduzieren den Stromnetzausbau deutlich.
Solarparks kann man fast überall in Baden-Württemberg bauen. Dafür werden wir bei gutem PV-Zubau auf Dächern, an Fassaden und über Parkplätzen wohl nur ca. 20.000 Hektar Fläche benötigen. Bei Windparks ist das schon schwieriger. Nur etwa zehn Prozent der Landefläche sind dafür geeignet. Wir brauchen deshalb mittlere und große Windparks an den Stellen, an denen wirklich viel Wind weht. Lieber fünf oder zehn sehr große Windkraftanlagen an geeigneten Stellen als wie früher oft zahlreiche einzelne Windenergieanlagen weit verstreut in der Landschaft.

Trotzdem brauchen wir die neuen Gleichstromleitungen von Norden nach Süden, weil der hohe Energiebedarf im Süden Deutschlands auch in Zukunft nicht komplett aus eigenen regenerativen Quellen gedeckt werden kann. Deshalb sind in Bayern und Baden-Württemberg neben Sonne und Wind auch die nicht volatilen Erneuerbaren Energien Biomasse, Wasserkraft und Tiefengeothermie so entscheidend für die Energiewende. Bayern hat im Gegensatz zu Baden-Württemberg immerhin beim Bau von Solarparks eine Erfolgsgeschichte vorzuweisen. Neue Windparks wurden von politischer Seite in beiden Bundesländern verhindert. Man hatte auch Angst um den Tourismus, aber die Entwicklung in vielen Bundesländern zeigt, dass die Touristen auch dann kommen, wenn es mit Sinn und Verstand geplante Windkraftanlagen in der Landschaft gibt.
Meiner Erfahrung nach waren die meisten Probleme, die den Bau von Wind- und Solarparks behindert haben, hier hausgemacht, weil in einigen Behörden Mitarbeiter sind, die Windenergieanlagen verhindern wollen. Aber das ändert sich nun. Politik, Verwaltung und Gesellschaft ändern im Angesicht von Klimakrise und Ukrainekrieg Ihre Haltung zum dringend notwendigen Ausbau der Erneuerbaren. Im Moment bin ich optimistisch, dass die Energiewende im Land gelingen wird.“

 

Windparlanlage auf einem großen freien Feld

Leider gibt es große Planungsprobleme bei Windparks. In Baden-Württemberg dauert die Planungsphase im Schnitt sieben Jahre, in manchen Fällen bis zu zehn oder sogar 15 Jahre. Bei Solarparks liegt diese nur bei 15 bis 24 Monaten.

 

 

Kontakt:
Clean Energy GmbH
Geschäftsführer Jörg Dürr-Pucher
Fritz-Reichle-Ring 6,  78315 Radolfzell
Tel.: +49 7732 939-1142
Fax: +49 7732 939-1141
duerr-pucher@clean-energy.biz
www.clean-energy.biz

 

 

Weitere Statements zum Thema von:
Petra Denk, Professorin an der Hochschule Landshut
Egon Leo Westphal, Vorstandsvorsitzender der Bayernwerk AG

Wir bedanken uns ganz herzlich dafür!

 

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Können wir mit den erneuerbaren Energien noch rechtzeitig das Ruder herumreißen?
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17. September 2022


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