Luftbild vom BENKER-Industriegelände in Marktredwitz, aufgenommen vor dem Abriss

In Marktredwitz soll auf dem Benker-Industriegelände (aufgenommen vor dem Abriss) eine neue Siedlung entstehen.

10. März 2023

Wie entsteht aus einem alten Gelände ein attraktives Wohnviertel?

In Marktredwitz, nahe der Grenze zur Tschechischen Republik, wird auf einer Industriebrache eine Siedlung gebaut

Marktredwitz liegt im Tal des Flüsschens Kössein, eingebettet in einer reizvollen Mittelgebirgslandschaft zwischen den Höhenzügen des Fichtelgebirges und des Steinwaldes, nur wenige Kilometer von der Grenze zur Tschechischen Republik entfernt. Die Stadt hat gut 17.000 Einwohner. Bekannt ist Marktredwitz als attraktive Einkaufsstadt und als Standort weltweit erfolgreicher Industrieunternehmen. „Rawetz", wie die Einheimischen ihre Stadt nennen, ist auch Schulstandort mit breitgefächerten Angeboten und für Urlauber Ausgangspunkt abwechslungsreicher Wanderungen und Radtouren.

 

Zwischen der historischen Marktredwitzer Altstadt und dem für die grenzüberschreitende Landesgartenschau 2006 geschaffenen idyllischen Auenpark mit See liegt das Entwicklungsgebiet BENKER-AREAL. Nach dem Abbruch der ehemals für die Textilindustrie gewerblich genutzten Bausubstanz in den Jahren 2015 und 2016 wird das 2,5 Hektar große Gebiet aktuell neu bebaut. Alle Grundstücke sind bereits verkauft. In bester Lage entsteht ein komplett neuer Stadtteil – mit ausgezeichneter Anbindung an die Innenstadt mit vielen Einkaufsmöglichkeiten und Schulen, in direkter Nähe zum modernen Naturfreibad mit Skateanlage sowie Rad- und Wanderwegen.

 

Aus einer Industriebrache wird ein neues Stadtquartier

Stefan Büttner, Baudirektor und Leiter des Bauamts der Stadt Marktredwitz im oberfränkischen Landkreis Wunsiedel

Stefan Büttner ist Baudirektor und Leiter des Bauamts der Stadt Marktredwitz im oberfränkischen Landkreis Wunsiedel.

Stefan Büttner: „Energiezentrale für hocheffiziente Kraft-Wärme-Kopplung erzeugt gleichzeitig Strom.“

„Marktredwitz stand wie viele Kommunen vor der Frage, wie man mit einem schwer in die Jahre gekommenen Industriedenkmal umgeht – vor allem, wenn eine Komplettnutzung der Kubatur (Volumen eines Bauwerks) aus bauphysikalischen und statischen Gründen ausscheidet. Die Verantwortlichen der Stadt suchten das Gespräch mit den Fachbehörden und dem Landesamt für Denkmalpflege als wichtigem Kooperationspartner. So konnte der Kompromiss erarbeitet werden, große Teile der nicht wirtschaftlich nutzbaren Gebäude abzureißen. Einzelne Gebäude blieben erhalten und wurden mit dem Abriss umliegender Teile freigestellt – sie entfalten nun als Solitäre ihre volle Wirkung als Zeitzeugen der industriellen Geschichte in Marktredwitz.
Unter der Federführung von Oberbürgermeister Oliver Weigel und mir als Leiter des städtischen Bauamts wurden unzählige Gespräche geführt sowie der Stadtrat, Planer und vor allem auch die Bevölkerung mit ins Boot geholt. Um eine größtmögliche städtebauliche Qualität zu erreichen, entschied man sich nach der Bedarfsanalyse für eine Mehrfachbeauftragung. Herausforderung für die fünf Büros, mit denen man während der Planungsphase permanent in Kontakt stand, war, den Reiz des historischen Bestands mit moderner Neubebauung harmonisch in Einklang zu bringen und eine multifunktionale Nutzung zu ermöglichen.

 

Luftbild vom BENKER-Areal in der Stadt Marktredwitz nach Beendigung der Abrissarbeiten

Luftbild vom BENKER-Areal (aus der entgegengesetzten Richtung) der Stadt Marktredwitz nach Beendigung der Abrissarbeiten 2016: Rechts unten im Bild sieht man den Kamin vom alten Turbinenhaus, wo eine nachhaltige Nahwärmezentrale eingerichtet wurde, die zukünftig das komplette neue Quartier mit einer innovativen Wärmeversorgung versorgt.

 

Lebendiges Quartier an Gartenschaugelände

Was sich auch in Marktredwitz gezeigt hat: Gartenschauen sind Motor der Stadtentwicklung – denn das neue Stadtgebiet liegt direkt am ehemaligen Gartenschaugelände. Wenn dann die Verantwortlichen der Stadt, potenzielle Fördergeber, ein zukunftsorientiert denkender und handelnder Stadtrat lebendig kommunizieren und alle Optionen ergebnisoffen prüfen, kann aus einer Industriebrache ein neues, lebendiges Quartier entwickelt werden. In der oberfränkischen Stadt wurde für das BENKER-AREAL entschieden, zunächst ein Sanierungsgebiet über die Fläche zu legen. So war es möglich, die Städtebauförderung, die Bezirksregierung und das großartig unterstützende Landesamt für Denkmalpflege für Förderungen zu gewinnen. Alle Beteiligten haben von Beginn an das Verfahren eng begleitet.
Grundsätzlich ist es sicher immer komplexer, ein Gebiet zu revitalisieren, als „auf der grünen Wiese“ ein neues Gebiet zu beplanen. Denn zu bedenken sind beispielsweise Themen wie Bestandsbebauung im Umgriff, eventuelle Bodenverunreinigungen, veraltete Infrastruktur, natürlich auch Vorgaben des Denkmalschutzes. Nicht zu vernachlässigen sind emotionale Befindlichkeiten der Bevölkerung, die man in Marktredwitz ebenfalls von Beginn an ernst nahm und die Bürgerinnen sowie Bürger in die Entwicklungsprozesse eingebunden hat. Das komplette Verfahren wurde transparent und öffentlichkeitswirksam begleitet, um die Verfahrensschritte jeweils nachvollziehbar zu gestalten.

 

In Marktredwitz fand auf dem BENKER-Areal nach dem Abriss der Industrieanlagen die BR-Radltour 2016 statt.

In Marktredwitz fand auf dem leeren Benker-Areal nach dem Abriss der Industrieanlagen die BR-Radltour 2016 statt.

 

Modernste Technik in alten Mauern

Besonders charmant ist, dass ein historisches Gebäude sogar wieder seiner ursprünglichen Nutzung zugeführt wurde. So hat man im ehemaligen „Turbinenhaus“ der Benker-Fabrik eine nachhaltige Nahwärmezentrale eingerichtet, die das komplette neue Quartier mit einer innovativen Wärmeversorgung ausstattet. Im Zentrum steht die vom örtlichen Versorger ESM geplante Energiezentrale, in der seit der aktuellen Heizperiode mit hocheffizienter Kraft-Wärme-Kopplung gleichzeitig Strom und Wärme erzeugt werden. In den historischen Kamin wurde ein sogenannter „Inliner“ eingezogen und so raucht inzwischen sogar der alte Industrieschlot wieder. Bemerkenswert ist, dass man in Marktredwitz mit dieser innovativen Energiebereitstellung der Zeit weit voraus war, denn eine Energiekrise mit den Verwerfungen auf dem Gasmarkt war in der Planungsphase nicht absehbar.
Die Erschließungsarbeiten sind seit 2022 beendet und inzwischen hat die Stadt Marktredwitz am Eingang des neuen Quartiers ein modernes, schön gestaltetes Kinderhaus mit 175 Betreuungsplätzen errichtet, das im Herbst 2022 bezogen wurde. Das neue Parkhaus mit 254 Parkplätzen auf acht Ebenen wird voraussichtlich im Frühjahr 2023 fertiggestellt. Ein Investor hat ein Wohnquartier direkt am Auenpark errichtet – die ersten der 47 Wohneinheiten werden bereits im Frühjahr 2023 bezogen. In Bau befinden sich die Gebäude der Agentur für Arbeit, ein Bürokomplex für staatliche Behörden. Auch die Sanierungsarbeiten eines Investors am historischen „Querbau“ schreiten voran. Insgesamt betrachtet zahlt es sich aus, dass frühzeitig in ein Bewerberverfahren für potenzielle Investoren gegangen wurde. Investoren wurden ermutigt, Vorabentwürfe einzureichen, was zu einem lebhaften Wettbewerb führte. So konnte die Stadt Marktredwitz die Bewerber auswählen, die den Vorstellungen und den Ergebnissen der Mehrfachbeauftragung am nächsten kamen.
Fazit: Ein Projekt dieser Größenordnung ist nie das Werk einzelner Akteure! Nur wenn alle Player konzertiert an einem Strang ziehen, alle Bausteine ineinandergreifen, Netzwerke genutzt werden, die Handelnden offen kommunizieren und nicht zuletzt gemeinsam eine große Vision verfolgt wird, kann ein solcher Prozess erfolgreich umgesetzt werden.“

 

Plan von Marktredwitz - Neubebauung des Benker-Areals

In Marktredwitz entsteht auf dem freien Industriegelände des früheren Benker-Areals eine Wohnsiedlung: Was und wo gebaut werden soll, steht schon fest.

 

Weitere Informationen:  www.benker4.de

 

Kontakt:
Stadtbauamt Marktredwitz
Böttgerstraße 10
95615 Marktredwitz
Stefan Büttner
Tel.: +49 9231 501-161
Fax: +49 9231 501 333161
stefan.buettner@marktredwitz.de
www.marktredwitz.de/stadtbauamt

 

 

Weitere Statements zum Thema von:
Julia Diringer ist Wissenschaftlerin am Deutschen Institut für Urbanistik (Difu)
Roland Lauble, Ortsvorsteher von Beffendorf (Oberndorf am Neckar)
Roland Gruber, Gründer und Geschäftsführer von nonconform

Wir bedanken uns ganz herzlich dafür!

 

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Diskutieren Sie mit!

 

Wie lassen sich unsere Dörfer und Städte attraktiver gestalten?
Wie können Leerstände sinnvoll genutzt werden?
Welche Voraussetzungen müssten hierzu beachtet werden?

Haben Sie selbst Erfahrungen in diesem Bereich machen können?
Wir sind gespannt auf Ihre/Eure Statements!


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