Altstadt von Landshut im Sommer

Im Sommer sorgen gemütliche Cafés und andere Lokale für regen Besuch in der Altstadt von Landshut.

10. März 2023

Wo gibt es Lösungen für Leerstände?

KOMMUNALtopinform befragte vier Experten in Sachen Ortsbelebung

Mit Beginn der Pandemie wurden in den vergangenen zwei bis drei Jahren vielerorts Gaststätten und andere Lokale geschlossen. Innenstädte und Dorfzentren verloren dadurch zunehmend an Attraktivität. Die Bevölkerung entschied sich oft, anderswohin auszuweichen. So stirbt das Leben in Dörfern und Städten aus. Die Frage ist: Was kann man dagegen tun?

 

Julia Diringer ist Wissenschaftlerin am Deutschen Institut für Urbanistik (Difu), dem Stadtforschungsinstitut im deutschsprachigen Raum für Städte, Kommunalverbände und Planungsgemeinschaften. Stadt- und Regionalentwicklung, kommunale Wirtschaft, Städtebau, soziale Themen, Umwelt, Verkehr, Kultur, Recht, Verwaltungsthemen oder Kommunalfinanzen: Das 1973 gegründete unabhängige Berliner Institut beschäftigt sich auf wissenschaftlicher Ebene praxisnah mit allen Aufgaben, die Kommunen zu bewältigen haben. Der Verein für Kommunalwissenschaften ist alleiniger Gesellschafter des in der Form einer gemeinnützigen GmbH geführten Forschungsinstituts.

 

Unterschiedliche Nutzung bringt frischen Wind in Innenstädte

Portrait von Julia Diringer, der Wissenschaftlerin am Deutschen Institut für Urbanistik (Difu), dem Stadtforschungsinstitut im deutschsprachigen Raum für Städte, Kommunal- verbände und Planungsgemeinschaften

Julia Diringer ist Wissenschaftlerin am Deutschen Institut für Urbanistik (Difu), dem Stadtforschungsinstitut im deutschsprachigen Raum für Städte, Kommunalverbände und Planungsgemeinschaften.

Julia Diringer: „Die alltägliche Innenstadt braucht eine Vielfalt an Angeboten und Anlässen.“

„Die Innenstadt ist ein Gemeinschaftswerk. Die jetzt notwendige Transformation kann sich für Kommunen als Chance erweisen, die Stadtgesellschaft in diesen wichtigen Prozess einzubinden. Für „frischen Wind in der Innenstadt“ braucht es große Ideen und die Bereitschaft mutige Entscheidungen zu treffen. Innenstädte hatten schon vor Corona mit Problemen zu kämpfen. Welche Option haben Kommunen für die Gestaltung ihrer Zentren? Dieser Frage ging das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) in einer Studie nach. Erkenntnisse und Empfehlungen: Klassische Nutzung wie Einkauf und Gastronomie reichen nicht mehr.
Ukrainekrieg, Klimawandel, Onlineshopping, Coronapandemie – die Folgen wirken sich auf Deutschlands Innenstädte aus. Sinkende Umsätze im lokalen Einzelhandel, weniger Kundschaft in der City, steigende Gewerbe- und Wohnungsmieten durch eskalierende Energiepreise, mangelnde Aufenthaltsqualität durch Hitze – dies sind einige Auswirkungen. Welche Möglichkeiten haben Kommunen, um in den Stadtzentren Leerstand zu vermeiden, bezahlbares Wohnen zu ermöglichen und den Innenstadtbesuch attraktiv zu machen?
Diesen Fragen ging das Difu in einem interdisziplinären Forschungsprojekt nach. Die daraus entstandene Studie „Frischer Wind in die Innenstädte“ soll einen Debattenbeitrag zur künftigen Ausrichtung der Innenstädte liefern und eine kritische Reflexion der Innenstadtpraxis anregen.

 

Marathonlauf vieler Menschen auf der Straße einer Stadt

Nicht nur Angebote in Gebäuden können Orte beleben, auch Feste und Aktionen, wie ein jährlicher stattfindender Marathonlauf zum Beispiel, sorgen für mehr Attraktivität.

 

Kernaussagen und Beispiele:

  • Kommunen benötigen ein widerspruchsfreies gemeinsames Zielbild für ihre Innenstadt, das die langfristig gewünschte Entwicklung definiert. Ein Beispiel kann die alltägliche Innenstadt sein. Damit die Innenstadt die Stadtgesellschaft verbindet, braucht es eine Vielfalt an Angeboten und Anlässen – von Hochglanz bis ohne Glanz, um das Verweilen für alle zur Normalität werden zu lassen.
  • Die vorhandene Nutzungsvielfalt sollte erweitert werden, und weiter entfernte Nutzungen sollten in die Innenstadt integriert werden – beispielsweise Bildung, nichtkommerzielle Kultur- und Freizeitangebote, Gesundheitsangebote, soziale Einrichtungen, Wohnen, Verwaltung.
  • Multifunktionalität sollte ein selbstverständlicher Bestandteil der Gebäude- und Flächennutzung werden. So können Gebäude morgens anderen Zwecken dienen als abends. Mischen ist möglich und notwendig und muss gesteuert werden, um Konflikte zu vermeiden.
  • Sechs zentralen Schwerpunkten – so genannten Transformationsbausteinen – wird derzeit zu wenig Relevanz bei der Innenstadtentwicklung beigemessen. Diese können jedoch wirksame Impulse für die Resilienz und frischen Wind in die Innenstädte tragen: Klimaanpassung, Klimaschutz, Mobilitätswende, sozialer Zusammenhalt, Gemeinwohlorientierung und Kreislaufwirtschaft.
  • Die urbane Transformation bietet viele Möglichkeiten, die Innenstadt im Kaleidoskop der Zukunftsthemen zu positionieren: So können freiwerdende Flächen neu oder anders genutzt werden. Versiegelte Straßen und Plätze, Dach- und Fassadenflächen, auch Gebäude für Klimaschutz, Klimaanpassung sowie Energieerzeugung können eine stärkere Rolle spielen. Aufenthalts- und Lebensqualität können durch eine mobilitätsgerechte Stadt – gut erreichbar, aber wenig fahrende oder parkende Autos – verbessert werden. Als Begegnungsort der Stadtgesellschaft zeigt sich in der Innenstadt auch das Aufeinandertreffen unterschiedlicher sozialer Realitäten. Durch vielfältige Angebote für das Miteinander kann die Innenstadt zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen und ihn fördern. Eine stärkere Ausrichtung der Innenstadt auf das Gemeinwohl ist zudem notwendig, um unsoziale Logiken des Immobilienmarktes zu durchbrechen und Zugänglichkeit, breite Nutzungsmischung und bezahlbare Flächen für Kleingewerbe, Handwerk, Kunst, Kultur und Soziales zu ermöglichen. Mit dem europäischen Green Deal wird Kreislaufwirtschaft zu einem Handlungsfeld für die kommunale Wirtschaftsentwicklung, die auch die Innenstädte betrifft. Denkt man all diese Perspektiven weiter, könnte die Innenstadt in ihrer zentralen Funktion auch ein Schaufenster der zukunftsorientierten Transformation werden.
  • Da die Handlungsspielräume der Kommunen insbesondere durch ein vielerorts geringes kommunales Flächenvermögen in der Innenstadt eingeschränkt sind, bedarf es auch einer Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten.
  • Welche Rolle eine zeitgenössische Innenstadt tatsächlich ausfüllen kann, muss für jede einzelne Stadt entschieden werden. Dafür braucht es eine gemeinsame Verständigung über die langen Linien der Transformation – und Ausdauer.

Außerdem haben das Difu und weitere Partner im Auftrag des Umweltbundesamtes die Publikation „Gemeinsam planen für eine gesunde Stadt“ erarbeitet. Die Broschüre gibt Empfehlungen, wie Gesundheitsaspekte künftig adäquater in der Planung Berücksichtigung finden. Sie zeigt auf, an welchen Stellen gesundheitliche Belange in die Lärmaktionsplanung, Grün- und Freiraumplanung sowie die Stadt(entwicklungs)planung einfließen und wie die zuständigen Fachämter und Gesundheitsämter besser zusammenwirken können.“

 

Kontakt:
Deutsches Institut für Urbanistik (Difu)
Julia Diringer, Wissenschaftlerin
Zimmerstraße 15
10969 Berlin
+49 30 39001-283
diringer@difu.de
www.difu.de

 

 

Weitere Statements zum Thema von:
Roland Lauble, Ortsvorsteher von Beffendorf (Oberndorf am Neckar)
Stefan Büttner, Baudirektor und Leiter des Bauamts der Stadt Marktredwitz
Roland Gruber, Gründer und Geschäftsführer von nonconform

Wir bedanken uns ganz herzlich dafür!

 

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Diskutieren Sie mit!

 

Wie lassen sich unsere Dörfer und Städte attraktiver gestalten?
Wie können Leerstände sinnvoll genutzt werden?
Welche Voraussetzungen müssten hierzu beachtet werden?

Haben Sie selbst Erfahrungen in diesem Bereich machen können?
Wir sind gespannt auf Ihre/Eure Statements!

 


... Kommunen & Bürger antworten

Redaktion KOMMUNALtopinform
Verlag und Medienhaus Harald Schlecht
Auf dem Schildrain 8
78532 Tuttlingen

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Web. www.kommunaltopinform.de/frag-doch-mal

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