Nahaufnahme angebissener Berliner mit Marmeladenfüllung, im Hintergrund unscharf: eine bunte Häuserfassade eines alten Ortes

Roland Gruber ist überzeugt davon, dass Städte und Dörfer eigentlich wie Krapfen sind: Ohne Füllung fehlt etwas.

10. März 2023

Wie kann man Städte mit gehaltvollem Leben füllen?

Städte gelten als Impulsgeber für die Bevölkerung – das funktioniert aber nur mit den passenden Ideen

Roland Gruber ist Gründer und Geschäftsführer des österreichischen Unternehmen „nonconform“. Zusammen mit seinem interdisziplinären Team beschäftigt er sich seit über 20 Jahren mit dem Thema Ortskern- und Quartiersrevitalisierung und hat mit der „nonconform ideenwerkstatt“ ein partizipatives Format geschaffen, das Nutzerinnen und Nutzer aktiv an der Revitalisierung ihres Ortes beteiligt.

 

Mit bislang sieben nonconform-Leerstandskonferenzen (zuletzt im September 2022 in Oberbayern zum Thema: „Jemand daheim? Ideen für das halbleere Einfamilienhaus“) beleuchtet nonconform darüber hinaus kontinuierlich unterschiedliche Facetten un- oder untergenutzter Gebäude. Nach dem Motto „miteinander weiterdenken“ geht es Gruber darum, die nachhaltige Entwicklung und Revitalisierung von Gebäuden, öffentlichen Räumen und Infrastrukturen gemeinsam mit den Anwohnerinnen und Anwohner zukunftstauglich voranzutreiben.
Für KOMMUNALtopinform hat er einige Tipps zusammengefasst.

 

Leere Hüllen in den Städten brauchen gehaltvollen Inhalt

Roland Gruber ist Gründer und Geschäftsführer von nonconform.

Roland Gruber ist Gründer und Geschäftsführer von nonconform.

Roland Gruber: „Wir brauchen einen Krapfen-Effekt!“

„Die Metapher vom Donut aufgreifend stellt sich die Frage, wie die verödete Mitte in unseren Orten wieder mit Leben gefüllt werden und wie sie zum Krapfen mit gehaltvoller Füllung werden kann. Akzeptieren müssen wir, dass klassische Nutzungen – wie der Handel in seiner ursprünglichen Form – nicht mehr in den Kern der Dörfer und Städte zurückzuholen sind. Die leeren Hüllen brauchen experimentelle Ideen für ein gehaltvolles Inneres, die das Leben wieder attraktiv machen. Diese Transformationen starten mit einem partizipativen, kraftvollen und kollektiven Moment, um den spannendsten gemeinsamen Nenner zu finden und erfordern Mut und langen Atem der handelnden Akteure. Damit schließlich aus dem Donut ein Krapfen wird, sind professionelle Kümmerer sinnvoll. Sie tragen im Prozess dafür Sorge, dass die Zukunftsstrategie mit den geplanten Projekten umgesetzt wird. Sie stellen das Gesicht der Veränderung dar, kümmern sich darum, die richtigen Menschen in den richtigen Situationen zusammenzubringen und dass neue Ideen und Vorschläge offen weiterentwickelt werden. Außerdem bauen sie nützliche Netzwerke auf, machen Wissen sichtbar und managen Umsetzungen.

Immer mehr Dörfer und Städte haben kein Zentrum mehr, sie sehen aus wie ein Donut. Das Leben findet am Stadtrand statt, in peripheren Eigenheimsiedlungen und Einkaufszenten, aufrechterhalten mit einem hohen Mobilitätsaufwand. Dieser Donut-Effekt ruiniert die Städte nicht nur für die kommenden Generationen: Öffentliche Begegnungsräume verlieren ihre Bedeutung und Orte ihre Identität und Attraktivität.

Um dem weiteren Verstummen der Stadt- und Dorfzentren etwas entgegenzustellen braucht es mutige Akteure aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, die gemeinsam ein Verständnis für den Wandel erschaffen. Fundus und Humus dafür liegen im konsequenten Aufspüren und in der umfassenden Transformation der regionalen Schätze und Besonderheiten. Das ist ein vielschichtiger, demokratischer Aushandlungsprozess über gemeinsame Zukunftsbilder, die mit neuen Formen des Wohnens und Arbeitens, der Mobilität und mit Orten der Gemeinschaft das Leben in die Zentren zurückbringen können.
Wir brauchen einen Krapfen-Effekt. Die Metapher vom Donut aufgreifend, stellt sich die Frage, wie die verödete Mitte wieder mit Leben gefüllt werden kann, wie sie wieder zum Krapfen mit gehaltvoller Füllung werden? Akzeptieren müssen wir, dass klassische Nutzungen wie der Handel in seiner ursprünglichen Form nicht mehr in den Kern der Dörfer und Städte zurückzuholen sind. Die leeren Hüllen brauchen experimentelle Ideen für ein gehaltvolles Inneres, die das Leben wieder attraktiv machen. In einem sich gegenseitig stützenden Netzwerk sind die dafür zentralen Aspekte auszugestalten: Neue Wohnformen, gemeinschaftliche Treffpunkte für den sozialen Zusammenhalt, Nahversorgung mit Gütern und Kultur, vernetzte und flexibel nutzbare Mobilität und eine Wirtschaft, die regionale und innovative Impulse setzt.

Wie lassen sich alte Hüllen vitalisieren? Ein Wirtshaus bleibt nicht nur Schank- und Gastraum, sondern bietet auch Raum für Seminare, für junges Wohnen und für die Poststelle mit Ladenzone für Kulinarik. Die ehemalige Handelsstraße wird öffentliches Wohnzimmer und ein Ort für Spezialisten, bei denen die Musikschule die erste Geige in der Begegnungszone spielt. Schulen vernetzen sich zu einem 360 Tage offenen Bildungscampus mit Mensa, Reperaturwerkstatt und täglich frisch gekochtem Essen. Die leerstehende Wurstfabrik wird zum Labor für Handel, Co-Creation, Kultur, zu einem Käsekeller mit Marktflächen und bietet Wohnen für Menschen mit Beeinträchtigung.

Aufbruch braucht einen partizipativen, kraftvollen und kollektiven Moment. Wenn Menschen an der Zukunftsgestaltung ihrer Lebenswelt beteiligt werden, wenn sie sich in die Veränderung ihres eigenen Ortes mit ihren Ideen und Vorstellungen einbringen können, kann das gemeinschaftliche Leben in Dörfern und Städten gestärkt werden. Bürgerinnen und Bürger sind vom ersten Akt der Ideenfindung bis zur konkreten Umsetzung als lokale Expertinnen und Experten in die Veränderungsarbeit einzubeziehen. Dieser Aufbruch mit professioneller Begleitung, bringt gemeinsame Visionen und ist Wegbereiter für einen Strategiewechsel für die Entwicklung der Region.

 

Tobias Hanig ist Altstadtkümmerer und kümmert sich um die Altstadt in Burghausen.

Altstadtkümmerer Tobias Hanig sorgt sich um die Neubelebung der Altstadt in Burghausen.

 

Damit schließlich aus dem Donut ein Krapfen wird, ist ein Kümmerer notwendig. Diese Person trägt im Prozess dafür Sorge, dass die Zukunftsstrategie mit den geplanten Projekten umgesetzt wird. Sie stellt das Gesicht der Veränderung dar, kümmert sich, die richtigen Menschen in den richtigen Situationen zusammenzubringen und darum, dass neue Ideen und Vorschläge offen weiterentwickelt werden. Außerdem baut sie nützliche Netzwerke auf, macht Wissen sichtbar und managt Umsetzungen.

Hohe Qualitätsstandards sind für die Realisierung der Ideen gefordert. Es geht nicht um gut gemeint, sondern um gut gemacht. Deshalb sind auch bei kleineren Interventionen die besten Partner für die partizipative Entwicklung und die bauliche Umsetzung zu suchen. So gewinnt das Leben in Dörfern und Städten eine Qualität, die geprägt ist durch gelebte Gemeinschaft, bunte Nutzungen, lebendige Urbanität, kurze Wege und natürlich durch schöne Räume. Es braucht mehr Mut fürs Ausprobieren, weniger Reden und mehr Tun.“

 

Weitere Informationen unter:  www.kommunal.at

 

Kontakt:
nonconform zt gmbh
büro für architektur und partizipative raumentwicklung
Lederergasse 23/8/EG
1080 Wien
Tel.: +43 1 9294058
office@nonconform.at
www.nonconform.at

 

 

Weitere Statements zum Thema von:
Julia Diringer ist Wissenschaftlerin am Deutschen Institut für Urbanistik (Difu)
Roland Lauble, Ortsvorsteher von Beffendorf (Oberndorf am Neckar)
Stefan Büttner, Baudirektor und Leiter des Bauamts der Stadt Marktredwitz

Wir bedanken uns ganz herzlich dafür!

 

_________________________

 

Diskutieren Sie mit!

 

Wie lassen sich unsere Dörfer und Städte attraktiver gestalten?
Wie können Leerstände sinnvoll genutzt werden?
Welche Voraussetzungen müssten hierzu beachtet werden?

Haben Sie selbst Erfahrungen in diesem Bereich machen können?
Wir sind gespannt auf Ihre/Eure Statements!


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