Alternativen? Keine!
Weg von der Neuproduktion – weil sich der Kreislauf nicht von alleine schließt
Die Wirtschaft muss sich verändern. Weg von Neuproduktion hin zu Recycling und Reparatur. Das Ziel: eine möglichst unabhängige lokale und regionale Kreislaufwirtschaft. Was auf EU- und Bundesebene längst beschlossene Sache ist, muss nun in der Fläche gestaltet werden. Ein Gespräch mit Diplom-Ingenieurin Sandra-Wagner-Endres vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu).
Sie wollen, dass sich in unseren Kommunen Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft zirkulär miteinander vernetzen. Was bedeutet das konkret?
Sandra Wagner-Endres: Generell sollten Städte und Regionen den zentralen Gedanken verinnerlichen: Wir müssen in Zukunft nicht nur ressourcenschonend wirtschaften, sondern auch alle Ressourcen wiederverwenden, bei denen dies derzeit möglich ist. Dieser Gedanke muss strategisch und konzeptionell jetzt in den Kommunen und Regionen verankert werden. Ein Kreislauf schließt sich ja nicht von alleine. In diese Richtung haben wir in den vergangenen zwei Jahren mit 23 Städten und einer Region gearbeitet. Ziel muss es sein, so wenig Abfall wie möglich zu produzieren und so viele Wertstoffe wie möglich wiederzuverwenden.

Wie sieht das dann im Alltag aus?
In einer kreislauffähigen Stadt werden beispielsweise Produkte vor Ort repariert oder als Dienstleistungen neu angeboten. Etwa ein Miet-Angebot von Fernsehern oder selten benötigten Elektrogeräten. Nicht mehr nutzbare Produkte werden ortsnah recycelt und die einzelnen Materialien als Rohstoffe zurückgewonnen. Gebäude werden modular und nach nachhaltigen Kriterien errichtet und sind generell rückbaufähig. Eine Stadt ist ein Rohstofflager, Wasser und Abfallwirtschaft folgen dem Prinzip regenerativ. Die Gemeinden und die urbanen Quartiere sind grün und fördern die Lebensqualität der Menschen genauso wie die Biodiversität. Reparaturwerkstätten, Secondhandläden und Sharing-Angebote sind gut erreichbar. Auf smarten Plattformen wird geteilt, getauscht und Dienstleistung vermittelt.
Welche Vorteile hätte eine Kreislaufwirtschaft für wen?
Vorteilhaft ist eine Kreislaufwirtschaft für alle Beteiligten – angefangen bei den Konsumenten bis zu den Unternehmen, Kommunen und Regionen. Dafür braucht es allerdings eine entsprechende Nachfrage und mit der Nachfrage auch ganz neue Geschäftsmodelle. Eng damit verbunden ist ein sozialer und kultureller Wandel in diesem Land.
Richten wir den Fokus mal auf die Kommunen.
Klimaschutz und die Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung sind für Städte und Kommunen maßgeblich. Eine ressourcenerhaltende lokale und regionale Wirtschaft hilft Kommunen bei der Reduktion der Treibhausgase, stärkt die heimischen Lieferketten, erzeugt weniger Abhängigkeiten von kritischen Rohstoffen, schafft Resilienz in Krisenzeiten und hält die Unternehmen vor Ort. Dabei bedeutet Kreislaufwirtschaft im Umkehrschluss nicht, globale Wirtschaftsverflechtungen abzuschaffen und weltweite Lieferketten aufzulösen. Vielmehr geht es darum, Wertschöpfung nachhaltig und lokal-regional werterhaltend auszurichten.

Um ein solches Modell umzusetzen, braucht es ja auch die beiden anderen Akteure Wirtschaft und Gesellschaft. Wie bekommt man diese mit ins Boot?
So ist es. Eine Kreislaufwirtschaft hätte für die Unternehmen verschiedene ökonomische Vorteile: Statt Rohstoffe weltweit teuer einzukaufen, könnten die allermeisten in recycelter Form wieder vor Ort besorgt oder in einem erweiterten Geschäftsmodell auch selbst wiedergewonnen werden. Dafür müssten allerdings die rechtlichen Rahmenbedingungen verbessert werden – ökologisch agierende und investierende Unternehmen sollten auch wirtschaftlich profitieren können, beispielsweise wenn es um Haftungsfragen beim Einsatz wiederverwendeter Bauteile geht . Anreize und einheitliche Vorgaben helfen dabei meist mehr als Verbote. Außerdem würden im Recyclingsektor neue Unternehmen entstehen, von denen dann auch die Kommunen profitieren. In Bezug auf die Konsumentinnen und Konsumenten zeigen viele Studien schon jetzt, dass Produkte sich höherer Beliebtheit erfreuen, wenn sie unter ökologischen Bedingungen produziert und vor allen Dingen auch reparaturfähig sind. Ein Trend, der sich in Zukunft noch verstärken dürfte.
Bislang ist das ja nicht mehr als ein Zukunftsmodell und vieles davon haben Kommunen gar nicht in der Hand. Welche Details wären durch die Kommunen zu beeinflussen?
Kommunen können positive Anreize für Unternehmen schaffen, sich in diese Richtung zu verändern und damit Aufmerksamkeit zu generieren. Ebenso gilt das für Unternehmens-Neugründungen, zum Beispiel im Bereich Recycling, Reparatur oder Sharing. Kommunen, die sich das auf die Fahnen schreiben, werden für Start-ups und Firmengründungen interessanter.
Hilfreich wäre auch die Einführung eines Materialkatasters für Gebäude, angefangen bei den eigenen kommunalen Liegenschaften. Da könnten Kommunen echte Vorreiter werden. Ein wichtiger Hebel können zirkuläre und nachhaltige Kriterien in der öffentlichen Beschaffung sein, um Veränderungen zu befördern. Auch die kommunale Wirtschaftsförderung kann aktiv werden, um die Kreislaufwirtschaft in der Region zu verankern. Kommunen könnten zum Beispiel darüber nachdenken, Flächen für Material-Rückgewinnung im Baubereich auszuweisen, eine Bauteilbörse einzuführen.
Die Übergangsphase wird eine längere sein.
Welche ersten Schritte sollten Kommunen jetzt gehen?
Zunächst einmal schauen: Welche Akteure und Anbieter gibt es in der Region schon, worauf kann man aufsetzen, ansetzen und neu skalieren? Wie kann man Engagierte einbinden und neue gewinnen? Das Re-Use-Kaufhaus in Berlin ist ein Beispiel für Wiederverwendung und Kooperation mit städtischen Unternehmen. Neben konkreten Projekten brauchen Kommunen langfristige Strategien, Konzepte, Leitbilder und Ziele als Kompass für den Übergang zur Kreislaufwirtschaft.

Die allermeisten Kommunen ächzen unter den Alltagsaufgaben und den nicht vorhandenen finanziellen Spielräumen. Warum macht es dennoch Sinn anzufangen?
Das ist ein Argument, aber Fakt ist auch: Der Klimawandel wartet nicht, bis wir Zeit haben, uns mit ihm zu beschäftigen. Aufschieben ist schon jetzt keine Option mehr. Das gilt aber nicht nur für den Klimawandel, sondern auch für die aufgrund der geopolitischen Lage absehbaren Engpässe in Sachen Lieferketten und Rohstoffe. Wenn wir jetzt nicht im großen Stil mit der Rückgewinnung von Rohstoffen und ressourcenschonender Produktion sowie kluger Nutzung beginnen, wird es nur noch teurer. Es gibt zum Umdenken längst keine Alternative mehr – nicht für Unternehmen, nicht für die Politik und auch nicht für uns Konsumentinnen und Konsumenten.
Gibt es schon jetzt kommunale oder regionale Strategien, an denen Kommunen andocken könnten?
In europäischen Städten, wie Amsterdam, Paris oder der Region Brüssel, gibt es zahlreiche Beispiele, wie Städte und Regionen Kreislaufwirtschaft strategisch-konzeptionell verankert haben, aber auch viele gute Beispiele für konkrete Projekte in unterschiedlichen Bereichen. Für einzelne Sektoren gibt es bereits jeweilige Handlungsleitfäden für Kommunen, etwa im Baubereich. Pilotprojekte lassen sich ebenfalls finden. Hilfreiche Informationen finden sich auch auf den Websiten von Initiativen wie Cradle-to-Cradle-NGO. Die Bundesregierung hat im Rahmen der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie eine interaktive Deutschlandkarte erstellt, mit deren Hilfe man Akteure und Projekte in der eigenen Region finden kann, die im Bereich Kreislaufwirtschaft unterwegs sind. Die Ergebnisse unseres Verbundprojektes Kreislaufstadt werden in Kürze veröffentlicht. Auch dort können Kommunen konkrete Instrumente und Beispiele finden, wie sie das Thema in der eigenen Stadt und Region anpacken können.
Sie sehen eine solche Kreislaufwirtschaft mittelfristig sogar als Standortvorteil für Kommunen und Unternehmen. Wie sieht dieser genau aus?
Mittelfristig kann eine konsequent umgesetzte Kreislaufwirtschaft durchaus zum Standortvorteil für Kommunen und Unternehmen werden. Regionen, die frühzeitig auf zirkuläre Wertschöpfung setzen, profitieren doppelt: Zum einen entstehen neue Geschäftsmodelle – etwa im Bereich Reparatur, Wiederverwendung oder Recycling –, die Arbeitsplätze schaffen und regionale Wertschöpfung stärken. Das kann sich auch positiv auf die Arbeitskräfte- und Fachkräftegewinnung auswirken, da Menschen zunehmend nicht nur sichere, sondern auch sinnstiftende Arbeit suchen. Zum anderen werden Ressourcen effizienter genutzt, was Unternehmen unabhängiger von globalen Lieferketten und Preisschwankungen macht. Für Kommunen bedeutet das nicht nur wirtschaftliche Impulse, sondern auch eine stärkere Resilienz – ökologisch wie ökonomisch. Wer heute in zirkuläre Infrastrukturen und Kooperationen investiert, schafft also die Grundlage für zukunftsfähige Wirtschaftsstrukturen.
Wie sehen die politischen Rahmenbedingungen derzeit aus?
Die sind bereits beschlossen. Maßgeblich sind der Europäische Green Deal mit dem Circular-Economy-Action-Plan und neu der Clean Industrial Deal, der vorsieht, dass 24 Prozent der EU-Rohstoffe bis 2030 in Kreisläufen genutzt werden sollen. Ebenso wichtig bleiben die Bedingungen der EU-Taxonomie und die Rahmenbedingungen der Corporate Sustainability Reporting Directive für Unternehmen, die den Übergang zur Kreislaufwirtschaft vorsehen. In Deutschland wurde im Dezember 2024 die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie beschlossen, die Kommunen, Regionen und Unternehmen entsprechende Anhaltspunkte bietet. Was im Bund beschlossen wurde, soll nun mit Unterstützung von Bund und Ländern durch die Beteiligten auf lokaler und regionaler Ebene umgesetzt werden.
Das Interview führte Annette Lübbers. [ al ]

Deutsches Institut für Urbanistik
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