Gebäude haben in Deutschland einen großen Anteil am Gesamtenergiebedarf und an den Treibhausgasemissionen. Allein der Betrieb der Gebäude verursacht laut Umweltbundesamt in Deutschland etwa 30 Prozent der CO₂-Emissionen. Dabei soll der Gebäudesektor gemäß Klimaschutzgesetz bis 2045 klimaneutral werden. Gerade Kommunen können hier einen wichtigen Beitrag zur CO₂-Reduktion leisten. So stellt sich für sie bei Bauprojekten immer wieder die Frage nach der besseren Lösung im Hinblick auf die CO₂-Bilanz: Sanierung oder Neubau? KOMMUNALtopinform hat vier Experten dazu befragt und interessante Antworten darauf erhalten.

Bei jedem Projekt muss immer wieder neu abgewogen werden

Portrait von Petra Wurmer-Weiß, Architektin und Beraterin der Beratungsstelle Energieeffizienz und Nachhaltigkeit bei der Bayerischen Architektenkammer
Bild: Tobias Hase

„Wie so oft ist die Antwort: Es kommt darauf an.

Dipl.-Ing. Petra Wurmer-Weiß ist Architektin und Beraterin der Beratungsstelle Energieeffizienz und Nachhaltigkeit bei der Bayerischen Architektenkammer.


Wenn wir von einer CO2-Bilanz beim Bauen sprechen, ist damit der Teil einer Ökobilanz gemeint, der den Beitrag eines Gebäudes zum Treibhauseffekt über seinen Lebenszyklus hinweg ausweist. Bei Gebäuden besteht diese Berechnung der Ökobilanz aus zwei Teilen, zum einen aus Betrieb und Nutzung über einen Zeitraum von in der Regel 50 Jahren, und zum anderen aus der Gebäudesubstanz selbst. Bei Betrieb und Nutzung geht es um die Summe aller CO2-Emissionen, die durch den Energieverbrauch für Heizen, Lüften und Kühlen entstehen.

Wenn Gebäude sehr energieeffizient sind, also sehr wenig Energie im Betrieb verbrauchen, dann verbessert das die CO2-Bilanz. Noch besser wird diese, wenn die Energie, die verbraucht wird, aus erneuerbaren Quellen stammt (zum Beispiel Luft-/ Wasser-/ Erdwärme-Wärmepumpe) und nicht aus fossilen Quellen (Öl oder Gas). Eine weitere Verbesserung wird erreicht, wenn durch das Gebäude selbst Energie erzeugt wird, etwa über Photovoltaik (PV).

Bei der Gebäudesubstanz selbst geht es um die Summe aller CO2-Emissionen, die bei Herstellung, Erneuerung und späterer Entsorgung der Bauteile (beispielsweise Fundamente, Wände, Decken, Dach) und der Gebäudetechnik entstehen.

Auch beim Gebäude können wir CO2 sparen, indem zum Beispiel möglichst viele Baustoffe aus nachwachsenden Rohstoffen (wie etwa Holz, Dämmstoffe aus Holzfaser, Hanf oder Zellulose) oder Lehmbaustoffe verwendet werden. Die Gebäudetechnik sollte außerdem möglichst suffizient, das heißt einfach und minimiert geplant werden (Stichwort „Low-Tech“). Besonders hilfreich für die CO2-Bilanz ist es, wenn das ganze Gebäude suffizient geplant wird, wenn also nur das gebaut wird, was wirklich nötig ist.


Altbau wird saniert, neues Mauerwerk teilt einen Raum.
Bild: Francesco Ungaro / Pexels


Wird nun ein Gebäude nicht abgerissen, sondern saniert, dann bleibt ein Teil der bereits gebauten Bestandteile (etwa Fundamente, Wände, Decken, Dach) erhalten und es wird kein neues CO2 emittiert, um diese Bauteile wieder neu herzustellen. Je mehr wir also von dem Bestandsgebäude wiederverwenden können, desto positiver wirkt sich das auf die CO2-Bilanz aus. Zudem kann die vorhandene Infrastruktur genutzt werden. Natürlich sollte auch beim Bestandsgebäude die Energieeffizienz verbessert, der Energiebedarf möglichst aus erneuerbaren Quellen gedeckt oder wenn möglich selbst Energie erzeugt werden. Dafür kann es erforderlich sein, das Gebäude  zum Beispiel zusätzlich zu dämmen, die Fenster auszutauschen, die Heizung zu erneuern oder PV-Module anzubringen. Häufig erreichen wir mit dem sanierten Gebäude zwar nicht die Energieeffizienz eines Neubaus, sparen aber Energie und vor allem Rohstoffe, indem wir Gebäude und Bauteile wiederverwenden. Dieser Verbrauch an Rohstoffen wird aber über eine CO2-Bilanz allein gar nicht abgebildet.

„Sanieren oder Neubau“, das muss bei jedem Projekt immer wieder neu untersucht und abgewogen werden. Dabei kommt es darauf an, wie viel wir vom Bestandsgebäude wiederverwenden können und wie hoch der Aufwand dafür ist. Und das wiederum hängt beispielsweise vom Zustand des Gebäudes ab und davon, wie gut wir es weiter nutzen können. Ein wichtiger Aspekt dabei ist sicher die CO2-Bilanz und ein sparsamer Umgang mit unseren Ressourcen. Aber auch eine suffiziente Planung und die Identität, die bestehende Gebäude im gewachsenen Quartier stiften, sind weitere wesentliche Parameter, die im Zweifelsfall für eine Bestandssanierung sprechen können. Und diese Faktoren sind im Gegensatz zur CO2-Bilanz leider noch nicht messbar. Wir arbeiten daran!


große Stadtbaustelle
Bild: Bente Jønsson / Pixabay


Kontaktdaten:
Beratungsstelle Energieeffizienz und Nachhaltigkeit (BEN)
der Bayerischen Architektenkammer
Waisenhausstraße 4
80637 München
Tel.: 089 139880-88
info@beratungsstelle-ben.de
www.beratungsstelle-ben.de


Ein weiteres Statement zum Thema von:
Dominik Campanella von Concular, Experte für kreislaufgerechtes Bauen
Winfried Heusler, Institutsleiter des ift Rosenheim und Fassadenexperte
Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand beim DGNB e.V.

Wir bedanken uns ganz herzlich dafür!

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Diskutieren Sie mit!

Welche Erfahrungen haben Sie in Ihrer Kommune beim Gebäudebau gemacht?
Wie viele Wohnungen fehlen in ihrem Landkreis?
Gibt es genügend geeigneten unbewohnten Altbau, der nachhaltig saniert werden kann?
Wie viele neue Gebäude wurden in den letzten fünf Jahren bei Ihnen vor Ort gebaut?


Wir sind gespannt auf Ihre/Eure Erfahrungen!

Symbolbild zum Thema Lesen was Kommunen bewegt.

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