Bayern bohrt sich in die Zukunft
Kommunen holen die nötige Wärme aus der Tiefe und bringen dabei die Geothermie in die Fläche
Strategien für die kommunale Wärmeplanung: Immer mehr Städte und Gemeinden richten den Blick nach unten – in die Tiefe. Denn dort liegt eine Energiequelle, die lange unterschätzt wurde: die Geothermie. Sie entwickelt sich zunehmend zu einer großen Chance für die kommunale Daseinsvorsorge.
Die Wärmewende ist keine abstrakte politische Aufgabe – sie passiert direkt vor Ort. In den Rathäusern, in den Stadtwerken, in den Quartieren. Für viele Kommunen in Bayern stellt sich ganz konkret die Frage: Wie versorgen wir unsere Bürger künftig sicher, bezahlbar und klimafreundlich mit Wärme?
Welche Wege führen zur erfolgreichen Umsetzung? Der Schaden von Staufen, wo technische Fehler zu haarsträubenden Rissen führten, wirkt noch nach, aber die Geothermie entwickelt sich weiter und das immer erfolgreicher. Die Wärmewende entscheidet sich vor Ort – in Städten, Gemeinden und Quartieren.
Für viele Kommunen in Bayern rückt dabei eine Energiequelle in den Fokus, die lange im Schatten stand: die Geothermie. Unter ihren Füßen liegt ein enormes Potenzial, das zunehmend systematisch erschlossen wird. 85 Prozent der installierten tiefengeothermischen Wärmeleistung in Deutschland entfallen bereits auf den Freistaat. Besonders der Großraum München zeigt, wie sich diese Ressource strategisch nutzen lässt.
Eine verlässliche Energie direkt unter den Füßen
Kommunen stehen unter Druck: Klimaziele müssen erreicht, fossile Energien ersetzt und gleichzeitig stabile Preise gewährleistet werden. Genau hier bietet Geothermie einen entscheidenden Vorteil.
Unter großen Teilen Südbayerns befindet sich heißes Thermalwasser mit Temperaturen von mehr als 100 Grad Celsius. Für Kommunen bedeutet das: eine Energiequelle, die jederzeit verfügbar ist – unabhängig von Wetter, Jahreszeit oder internationalen Krisen.
Während Windräder stillstehen können und Solaranlagen nachts keinen Strom liefern, fließt die Wärme aus der Tiefe konstant. Für Städte und Gemeinden, die Wärmenetze betreiben oder aufbauen, ist diese Verlässlichkeit ein enormer Pluspunkt.
Das Prinzip dahinter ist klar und nachvollziehbar: Heißes Wasser wird aus der Tiefe gefördert, gibt seine Energie an das Wärmenetz ab und wird anschließend wieder zurückgeführt. Ein geschlossener Kreislauf – lokal, effizient und umweltschonend.

Vom Pilotprojekt zur Infrastruktur
Was früher als technisches Experiment galt, wird heute Schritt für Schritt zur kommunalen Infrastruktur. Im Raum München zeigt sich, wie diese Entwicklung aussehen kann. Hier investieren Stadtwerke seit Jahren konsequent in Geothermie und bauen ihre Fernwärmenetze aus. Neue Anlagen entstehen nicht mehr als Einzelprojekte, sondern als Teil eines langfristigen Versorgungssystems.
Doch nicht nur Großstädte profitieren. Auch kleinere Kommunen im Umland – etwa in Grünwald, Geretsried oder Polling – treiben eigene Projekte voran. Für viele von ihnen ist Geothermie längst mehr als eine Option: Sie wird zum strategischen Baustein der Wärmeplanung.
Für die Verantwortlichen vor Ort bedeutet das auch eine neue Rolle. Sie sind nicht mehr nur Verwalter bestehender Systeme, sondern Gestalter einer neuen Energiezukunft.
Kommunen als Motor
Ob ein Projekt gelingt, entscheidet sich nicht in Berlin oder Brüssel – sondern im direkten Austausch mit den Menschen vor Ort. Kommunen müssen Flächen sichern, Netze planen, Investitionen stemmen und vor allem Vertrauen schaffen.
Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen: Wenn Bürger frühzeitig informiert und eingebunden werden, wächst die Akzeptanz deutlich. Transparenz wird damit zu einem der wichtigsten Erfolgsfaktoren.
Geothermie hat dabei einen besonderen Vorteil: Sie ist vor Ort unsichtbar, leise und benötigt vergleichsweise wenig Fläche. Ist eine Anlage erst in Betrieb, verschwindet sie aus dem Alltag – liefert aber zuverlässig Wärme für ganze Quartiere.
Hin zur breiten Anwendung
Noch ist Geothermie für viele Kommunen mit Herausforderungen verbunden. Projekte sind komplex, Genehmigungen dauern lange und die Anfangsinvestitionen sind hoch. Kleinere Gemeinden stoßen hier an ihre Grenzen.
Genau deshalb arbeitet etwa die Fraunhofer-Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geotechnologien (IEG) daran, die Technologien der tiefen und oberflächennahen Geothermie einfacher, planbarer und effizienter zu machen. Ein Ziel ist es, aus aufwendigen Einzelprojekten standardisierte Lösungen zu entwickeln, die sich schneller umsetzen lassen.
»Die industrielle und kommunale Wärmewende macht den Standort zukunftsfest und die Energieversorgung resilienter. Dazu trägt auch das Fraunhofer IEG mit seiner angewandten Forschung bei«, erklärt Dr. Alexander Heim, Geschäftsfeldkoordinator Wärmeversorgung an der Fraunhofer-Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geotechnologien (IEG). »Wir freuen uns, unsere Lösungen mit Energieversorgern, Industrie und öffentlicher Hand auszutauschen und vor Ort anzuwenden. Gemeinsam wollen wir die Energiewende in Betrieben, Gemeinden und Quartieren umsetzen.« Mit Machbarkeitsstudien, Technologieentwicklung und Anwendungsoptimierungen unterstützt das Fraunhofer IEG alle Energieakteure bei der Transformation ihrer Wärmeversorgung.
Digitale Werkzeuge spielen dabei eine wichtige Rolle: Sie helfen, Risiken besser einzuschätzen, Kosten zu kalkulieren und Wärmenetze optimal zu planen. Für Kommunen und Energieversorger bedeutet das mehr Sicherheit bei Investitionsentscheidungen, genaue und zukunftsfeste Planung sowie einen effizienten Betrieb. Passende Tools hierfür werden am Fraunhofer IEG entwickelt und angewendet.
Neue Chancen – auch im Bestand
Die technologische Entwicklung schreitet spürbar voran. Verbesserte Bohrtechniken, langlebigere Materialien und der Einsatz von KI-gestützten Analysen machen Projekte effizienter und zuverlässiger.
Besonders interessant für Kommunen: Auch oberflächennahe Geothermie ist längst nicht mehr nur etwas für Neubaugebiete. Durch neue Bohrverfahren kann Wärme auch unter bestehenden Gebäuden erschlossen werden. Damit rückt die Technologie stärker in die gewachsenen Ortskerne, Bestandsquartiere und in die Wärme- und Kälteversorgung größerer Einzelgebäude.
Gleichzeitig entstehen neue Kombinationsmöglichkeiten. Wärmenetze, Speicher und unterschiedliche erneuerbare Quellen lassen sich miteinander verbinden. Für Kommunen entsteht so ein flexibles Gesamtsystem – statt einer einzelnen Lösung.

Bilder: Fraunhofer IEG
Dynamik wächst
Trotz aller Fortschritte bleibt der Weg anspruchsvoll. Fachkräfte fehlen, Genehmigungen brauchen Zeit und die Finanzierung großer Projekte ist für viele Kommunen eine echte Hürde.
Doch die Dynamik wächst. Mehr Erfahrung, bessere Daten und neue Geschäftsmodelle erleichtern den Einstieg. Und je mehr Projekte umgesetzt werden, desto stärker sinken langfristig die Kosten.
Klarer Auftrag – große Chance
Die politische Zielrichtung ist eindeutig: Geothermie soll künftig einen wesentlichen Teil der Wärmeversorgung übernehmen. Für Kommunen ist das kein fernes Zukunftsbild, sondern ein konkreter Handlungsauftrag.
Die Bayerische Staatsregierung setzt bewusst auf erneuerbare Energien und sieht in der Geothermie einen zentralen Baustein. Auch Umweltminister Thorsten Glauber betont die Bedeutung dieser Entwicklung und wirbt für einen konsequenten Ausbau: „Die Energiezukunft ist erneuerbar. Erneuerbare Energien sind Freiheitsenergien. Anstatt mit großen Risiken den letzten Rest an fossilen Energieträgern aus dem Boden zu holen, sollten wir uns auf den Ausbau aller Erneuerbaren Energien konzentrieren. Dazu haben wir die Weichen gestellt. Erneuerbare Energien liegen im überragenden öffentlichen Interesse und dienen der öffentlichen Sicherheit", sagt der Umweltminister.
Für Städte und Gemeinden bedeutet das vor allem eines: Sie können ihre Energieversorgung aktiv neu gestalten – unabhängiger von Importen, stabiler in den Kosten und klimafreundlicher im Betrieb.
Zukunft von hier
Für etliche Kommunen ist Geothermie mehr als nur eine Technologie. Sie ist eine Möglichkeit, die Wärmewende selbst in die Hand zu nehmen.
Unter ihren Füßen liegt eine Ressource, die leise arbeitet, kaum sichtbar ist und doch das Potenzial hat, ganze Regionen zu versorgen. Wenn es gelingt, Projekte schneller umzusetzen, Risiken zu reduzieren und Menschen mitzunehmen, könnte genau diese Wärme aus der Tiefe zum Rückgrat der kommunalen Energieversorgung werden, so die Verantwortlichen.
Die Entscheidung fällt dabei nicht irgendwo – sondern vor Ort. In den Städten. In den Gemeinden. Und genau dort beginnt bereits heute die Energiezukunft. [ dlu ]

Informationen zum Bayerischen Geothermie-Atlas unter:
www.lfu.bayern.de/geologie/geothermie/geothermie_tief/geothermie_atlas/index.htm
Fraunhofer-Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geothermie IEG
Am Hochschulcampus 1
44801 Bochum
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