Bayerns "Kommunale Verwaltungen" zwischen Aufbruch und Erwartungsdruck
Was die vergangene Legislaturperiode in Bewegung gebracht hat und welche Erwartungen die Bürger jetzt haben
Die zurückliegende kommunale Legislaturperiode in Bayern war von Umbrüchen geprägt, die so kaum jemand vorhergesehen hatte. Die Entwicklungen der letzten Jahre haben Verwaltungen gezwungen, schneller, vernetzter und krisenfester zu handeln und damit auch ihre Qualifizierungsstrategien grundlegend neu auszurichten. Die globale Corona-Pandemie erforderte die prompte Einführung von Homeoffice, E-Akte und digitalen Bürgerdiensten. Gleichzeitig mussten Krisenstäbe aufgebaut und Notfallstrukturen erarbeitet werden. Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine stellte die Kommunen ab 2022 vor die Herausforderung, in kürzester Zeit Unterbringung und die Integration Geflüchteter in Bildung und Arbeitsmarkt zu organisieren, und das in einer Phase, in der die Verwaltungen von der Pandemie ohnehin stark beansprucht waren. Diese und weitere Migrationsbewegungen verlangten eine deutlich stärkere interdisziplinäre Zusammenarbeit. Gesundheitsamt, Ordnungsamt, IT und Sozialamt mussten plötzlich eng abgestimmt agieren. Und die wirtschaftliche Unsicherheit rückte die Frage nach regionaler Wettbewerbsfähigkeit in den Mittelpunkt.
Gleichzeitig hat der Freistaat mit dem Bayerischen Digitalgesetz und dem kommunalen Digitalpakt ambitionierte Rahmenbedingungen geschaffen. Doch wie hat sich das alles in der Praxis ausgewirkt? Was ist tatsächlich vorangekommen und wo bleiben Baustellen?
Um diese Fragen fundiert beantworten zu können, hat die Bayerische Verwaltungsschule (BVS) im Herbst 2025 das BVS-Stimmungsbarometer 2026 in Auftrag gegeben. Dabei handelt es sich um eine repräsentative Umfrage unter 1.000 wahlberechtigten Personen aus allen sieben bayerischen Regierungsbezirken, durchgeführt vom Meinungsforschungsinstitut Arlington Research. Ergänzt wurde die quantitative Erhebung durch qualitative Interviews mit fünf bayerischen Bürgermeistern. Der vollständige Report erscheint im April 2026 – doch einige zentrale Erkenntnisse möchte ich hier bereits teilen.
Die gute Nachricht zuerst: Das Fundament stimmt
In Gesprächen mit Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern in Bayern wird häufig die Sorge geäußert, die eigene Verwaltung könne den gestiegenen Erwartungen vielleicht nicht gerecht werden. Die von uns erhobenen Daten können diese Bedenken weitestgehend zerstreuen: 89 Prozent der befragten Bürgerinnen und Bürger, die in den letzten zwölf Monaten Behördenkontakt hatten, zeigten sich zufrieden oder sehr zufrieden mit den gemachten Erfahrungen. Dieser Wert zeigt: Die bayerischen Kommunalverwaltungen leisten grundlegend gute Arbeit. Das ist, gerade nach den enormen Belastungen der letzten sechs Jahre, keine Selbstverständlichkeit.
89 % Zufriedenheit
Doch hohe Grundzufriedenheit bedeutet keineswegs Stillstand, im Gegenteil. Die Befragten formulieren in mehreren Bereichen klare Verbesserungserwartungen. Und genau hier zeigt sich, wo die zurückliegende Legislaturperiode Fortschritte gebracht hat – und wo in den kommenden Jahren von den neu gewählten Kommunalvertretern nachgelegt werden muss.

Der blinde Fleck: Kommunikation und Transparenz
Die vielleicht überraschendste Erkenntnis aus dem BVS-Stimmungsbarometer betrifft weder die Digitalisierung noch die Wirtschaft, sondern die Kommunikation. Sie ist das meistgenannte Handlungsfeld überhaupt. Und die Zahlen sind deutlich: Fast zwei Drittel der Befragten (64 Prozent) wissen oft gar nicht, wie es zu den politischen Entscheidungen in ihrer Gemeinde kommt, die dann ihr Leben direkt betreffen.
Das ist kein Protest im klassischen Sinne, aber ein erhebliches Informationsdefizit, das durchaus Frust erzeugen kann. Die gute Nachricht: Es lässt sich beheben. Initiativen wie Erklärvideos nach Stadtratssitzungen, Bürger-Apps oder die Kommunikation über soziale Medien werden von den Bürgern laut den befragten Bürgermeistern sehr gut angenommen. Das zeigt enormes Potenzial und zeigt gleichzeitig, dass Kommunikation keine Nebensache, sondern ein zentrales Instrument moderner Gemeindeverwaltung darstellt. Was es dafür braucht, sind ausgeprägte Kommunikations- und Moderationsfähigkeiten, einen transparenten Dialog mit den Bürgern, Social-Media-Kompetenz, Konfliktmoderation und nicht zuletzt eine professionelle Krisenkommunikation. Genau in diesen Feldern bieten wir als BVS gezielte Qualifizierungsangebote an.
Digitalisierung: Aufgeschlossen, aber ungeduldig
Die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung in der Verwaltung massiv beschleunigt. Mit dem Bayerischen Digitalgesetz verankerte der Freistaat 2022 als erstes Bundesland ein Recht auf digitale Verwaltungsleistungen, Kommunen werden beim Rollout digitaler Dienste unterstützt. Grundsätzlich, so zeigt es unser Stimmungsbarometer geht die Bevölkerung diesen Weg grundsätzlich mit.
Gleichzeitig sind die Erwartungen konkret. Die Bürger wollen Transparenz, Sicherheit und Bürgernähe. Drei Viertel (75 Prozent) der Befragten erwarten, von Behörden über jeden Einsatz Künstlicher Intelligenz informiert zu werden. Die Botschaft ist klar: Digitalisierung ja, aber behutsam, nachvollziehbar und mit dem Menschen im Mittelpunkt.
75 % erwarten Transparenz beim KI-Einsatz
Dabei bedeutet Digitalisierung eben nicht nur, ein Webinar anzubieten oder ein Formular online zu stellen. Es geht darum, digitale Souveränität in der gesamten Verwaltung zu verankern. Ein grundlegendes Verständnis für digitale Prozesse, IT-Sicherheitsbewusstsein, die Fähigkeit zur kompetenten Nutzung KI-gestützter Werkzeuge und zur digitalen Bürgerkommunikation sollten in der heutigen Zeit standardmäßig zum Know-how gehören, und zwar beim Sachbearbeiter bis hin zur Amtsleitung, quasi IT- und Datenschutzkompetenz als Grundqualifikation für alle.
Eine zentrale Herausforderung bleibt dabei, was die befragten Bürgermeister als „digitalen Flickenteppich“ beschreiben: uneinheitliche Standards, inkompatible Softwarelösungen und Medienbrüche, bei denen digital eingereichte Anträge für die interne Bearbeitung ausgedruckt werden müssen. Der Bund hat dieses Problem erkannt und erprobt gemeinsam mit Bayern und Hessen seit Anfang 2026 einen neuen Umsetzungsansatz für die flächendeckende Bereitstellung digitaler Verwaltungsdienste. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung – aber es braucht mehr davon.
Wirtschaftliche Perspektiven: Der ländliche Raum braucht Aufmerksamkeit
Neben Kommunikation und Digitalisierung treiben die Menschen in Bayern wirtschaftliche Sorgen um und das stärker, als man angesichts der hohen Verwaltungszufriedenheit erwarten würde.
Mehr als drei Viertel aller befragten Bürger (77 Prozent) fordern, dass mehr für die Schaffung und Erhaltung lokaler Arbeitsplätze im ländlichen Raum getan werden muss.
Das wirtschaftliche Gefälle zwischen den Regierungsbezirken spiegelt sich auch in den Arbeitslosenquoten für November 2025 (also etwa zum Zeitpunkt unserer Erhebung) wider: Während Schwaben und die Oberpfalz mit Quoten von 3,5 beziehungsweise 3,6 Prozent vergleichsweise gut dastehen, weisen Mittelfranken (4,5 Prozent) und Oberfranken (4,2 Prozent) deutlich höhere Werte auf. Hinzu kommt, dass Bayerns Wirtschaftsleistung im ersten Halbjahr 2025 mit einem realen Rückgang von 0,4 Prozent sogar etwas schwächer ausfiel als der bundesdeutsche Durchschnitt. Die Botschaft der Befragten ist eindeutig: Ohne wirtschaftliche Perspektiven vor Ort kann auch die beste Verwaltung keine adäquate Lebensqualität sicherstellen.
Neue Anforderungen, neue Kompetenzen
Die Bürger in Bayern formulieren keinen pauschalen Frust, aber sie haben konkrete, sachbezogene Erwartungen an ihre Verwaltung, die sich auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen: Sie erwarten eine Verwaltung, die ihre Entscheidungen nachvollziehbar macht, digitale Möglichkeiten souverän nutzt und sich als Partnerin für wirtschaftliche Perspektiven in der eigenen Gemeinde versteht.
Für die Kommunen bedeutet das eine solide Grundlage bei steigenden Anforderungen. Wer heute kommunale Verantwortung übernimmt, benötigt ein völlig anderes Profil an Fähigkeiten als noch vor zehn Jahren. Wichtig sind insbesondere Krisen- und Resilienzkompetenz, also die Fähigkeit, unter Unsicherheit zu entscheiden, Szenarien zu planen und Ressourcen flexibel zu steuern. Es bedarf digitaler Souveränität, die weit über die Bedienung von Software hinausgeht. Es braucht interkulturelle Sensibilität für eine Bevölkerung, deren Lebensrealitäten vielfältiger geworden sind. Und es ist Führungskompetenz im Wandel vonnöten: die Fähigkeit, hybride Teams zu leiten, agile Arbeitsmethoden einzuführen und gleichzeitig die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden im Blick zu behalten.
Genau hier sehen wir als BVS unsere Aufgabe
Wir qualifizieren seit über 100 Jahren Fach- und Führungskräfte im öffentlichen Dienst und begleiten Verwaltungen bei Modernisierungsprozessen – von der Ausbildung über die Fortbildung bis hin zu strategischer Beratung über unsere Tochtergesellschaft, die Bayerische Akademie für Verwaltungs-Management (BAV). Unser Leitprinzip „Aus der Praxis für die Praxis“ bedeutet, dass unsere Lehrbeauftragten mit langjähriger Verwaltungserfahrung anwendungsorientiertes Wissen vermitteln und nachhaltige Netzwerke innerhalb der Verwaltung stärken.
Mit der 2024 gegründeten Digitalakademie Bayern haben wir ein Kompetenzzentrum für digitale Verwaltungsmodernisierung geschaffen, das gezielt Seminare zu E-Government, Datenkompetenz, Künstlicher Intelligenz und digitaler Kommunikation anbietet. Im Digital Learning Lab arbeiten wir mit innovativen Formaten wie Virtual-Reality-Trainings und KI-gestützten Lernmodulen. Gleichzeitig modernisieren wir derzeit die Beschäftigtenlehrgänge I und II grundlegend, um Quereinsteigende und erfahrene Verwaltungsmitarbeitende gleichermaßen zeitgemäß zu qualifizieren.
Der demografische Wandel trifft auch den öffentlichen Dienst massiv. Viele erfahrene Kräfte gehen in den nächsten Jahren gleichzeitig in den Ruhestand. Die Beschleunigung der Digitalisierung allein wird dieses Problem nicht lösen, aber sie kann helfen, Kapazitäten freizusetzen und den öffentlichen Dienst als Arbeitgeber attraktiver zu machen.
Die Tatsache, dass die Bürger in Bayern ein konkretes, sachbezogenes Interesse an dem haben, was vor Ort geschieht, ist ein gutes Zeichen für die kommunale Demokratie und ein klarer Auftrag an alle, die in und mit der öffentlichen Verwaltung arbeiten.
Bayerische Verwaltungsschule (BVS)
Ridlerstraße 75
80339 München











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