Besser unterwegs in Baden-Württemberg
Auf dem Weg zur Verkehrswende / Agora: Der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs ist unerlässlich
Vor einem halben Jahrhundert stand das Auto für Freiheit und Aufbruch. Heute steht es eher für Stillstand, Stau und Stress bei Mensch und Umwelt. Deshalb der breite Ruf nach der Verkehrswende. Der politische Konsens wird durch gegenteilige Stimmen nicht außer Kraft gesetzt. Wie konnte sich das Narrativ so drehen, und wie führt uns dieser Wandel direkt zur Verkehrswende? Bis 2030 hat sich Baden-Württemberg viel vorgenommen.
In der Landeshauptstadt Stuttgart zeigt die Regierung im bundesweiten Vergleich ein großes Engagement für die Verkehrswende. Sie setzt auf Digitalisierung, Innovation und Partizipation – von landesweiten ÖPNV-Tickets bis hin zur Fahrradförderung. Die größten Hürden bleiben. Fehlende Dynamik bei der E-Mobilität, fehlendes Personal und fehlende Begeisterung, alle Akteure mitzunehmen.
Die Landesregierung will bis 2030, dass jedes zweite Auto klimaneutral betrieben wird. Doch das Tempo beim Wechsel auf Elektroantrieb. bleibt hinter den Erwartungen zurück. Aktuell fahren etwa 420.000 E-Autos im Land, das sind erst 6 Prozent des Bestands. Die Ladeinfrastruktur wächst. Es gibt 25.000 öffentliche Ladepunkte. Bis zum Ende der Dekade sollen es 60.000 sein. Wegfallende Zuschüsse erschweren die Entwicklung.
„Der klimaneutrale Verkehr ist ein wichtiger Baustein zum Klimaschutz“, betont Philipp Kosok, Projektleiter Öffentlicher Verkehr bei Agora-Verkehrswende. Der unabhängige, gemeinnützige und überparteiliche Thinktank mit Sitz in Berlin setzt sich intensiv für eine klimaneutrale Transformation des Verkehrssektors in Deutschland ein.
Die Initiative verfolgt einen wissenschaftlich fundierten und lösungsorientierten Ansatz. Für den klimaneutralen Verkehr brauche es zum einen die Antriebswende und zum anderen die Reduktion des Energie- und Flächenverbrauchs, so Kosok. Zudem müsse das Verkehrssystem sozial gerechter und inklusiv werden.

„Wir sind nur langsam vorangekommen in den vergangenen zwei Jahrzehnten“, fasst Kosok die Lage zusammen. Eine Verkehrswende kann nachhaltig nur gelingen, wenn alle Verkehrsmittel zusammen betrachtet werden. „Der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs ist unerlässlich für lebenswerte Städte und Dörfer“, betont Kosok. Derzeit gibt es ein starkes Gefälle im Angebot zwischen Stadt und Land. Deshalb ist ein besseres Angebot notwendig, um das Ziel der Klimaneutralität mit Unterstützung der Verkehrswende bis 2045 zu erreichen.
Der Mobilitätssektor hat nach Ansicht etlicher Experten klare Fortschritte verschlafen, aber „immerhin sticht Baden-Württemberg positiv hervor“, ergänzt Kosok. Im Ländle ist man auch außerhalb der Großstädte vergleichsweise gut aufgestellt, lautet sein Fazit – wohl wissend, dass es im Detail an vielen Stellen hakt. „Baden-Württemberg zählt auch nach unserem ÖV-Atlas zu den guten Flächenländern“, sagt der Experte. Immerhin hat das Bundesland eine eigene ÖPNV-Strategie mit einem detaillierten Plan, „der plausibel erscheint“.
Der ÖV-Atlas von Agora-Verkehrswende bietet als interaktives Online-Tool einen Überblick. Darin schneidet Baden-Württemberg im deutschlandweiten Vergleich überdurchschnittlich gut ab – sowohl in der Stadt wie auf dem Land. Der ÖV-Atlas ist eine interaktive Karte, die das Angebot des öffentlichen Verkehrs (ÖV) in Deutschland visualisiert. Er zeigt, wie gut oder schlecht verschiedene Regionen in Deutschland (und ausgewählten Nachbarländern) mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossen sind und schafft damit Transparenz über Versorgungsunterschiede im Nahverkehr.
Die Umsetzung der ÖPNV-Strategie in Baden-Württemberg stockt leider. „Die Debatte um das Deutschland-Ticket hat den Fokus auf die Preise für den ÖV verengt, wodurch laufende Prozesse für ein besseres Angebot ausgebremst wurden“, erläutert Kosok. Die Landesregierung hat seinem Urteil nach vieles richtig gemacht, „aber nach wie vor handelt es sich um ein Autofahrerland“, moniert er.
Und das bedeutet einen hohen CO2-Ausstoß. Regionalzüge und Regionalbusse bieten eine gute Alternative. Hindernisse seien die früher oft ausschließliche Orientierung des Busverkehrs an Schülern und an den Grenzen der Landkreise, was die Nutzung erschwert. „Es nutzt nichts, wenn beispielsweise Freiburg innerorts das Angebot ausbaut, aber ab der Stadtgrenze kaum noch etwas fährt“, sagt Kosok. Man muss die Strategie an der Mobilität der Menschen orientieren, also über Kreisgrenzen hinaus.
Die Förderung von Elektro- und Radmobilität, die Verbesserung des ÖPNV und Maßnahmen zur Reduktion des Individualverkehrs wirken für die Entstehung eines zukunftsfähigen Stadtverkehrssystems – und helfen der Umwelt, sich zu erholen. [ dlu ]

Weitere Informationen zum Thema über:
Philipp Kosok, Projektleiter Öffentlicher Verkehr
Tel.: +49 151 7251 4109, philipp.kosok@agora-verkehrswende.de
Agora Transport Transformation gGmbH
Anna-Louisa-Karsch-Straße 2
10178 Berlin
Email: info@agora-verkehrswende.de
Webseite: https://www.agora-verkehrswende.de











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