Demokratie lebt von kulturellen Werten
Herausforderungen der kommunalen Kulturarbeit in der aktuellen Zeit
Kulturarbeit ist wichtiger denn je in dieser polarisierenden Zeit, findet Jochen Gnauert, Kulturamtsleiter Unterschleißheims, der in den weitreichenden Einsparmaßnahmen, die vielerorts die Kulturämter und sogar sein eigenes Amt treffen, einen problematischen Haltungswandel sieht. Die Aufgaben werden komplexer, um die Zukunft der Kultur in den Kommunen zu sichern. Das Gespräch fand per Videokonferenz statt.

Jochen Gnauert, Regisseur und Kulturmanager, Geschäftsbereichsleitung Kultur in Unterschleißheim, bemerkt über alle Fraktionen hinweg einen Haltungswandel, dass Kulturarbeit nicht mehr diese Wichtigkeit habe, wie vorher in den Kommunen.
„Gerade in derzeitigen Zeiten unserer erschöpften Gesellschaft hat Kultur Wertvolles zu bieten:
Empathie und Miteinander spüren und erleben, offene Fragen einer komplexen Zeit immer wieder neu und sinnlich erfahrbar verhandeln.“
Sie waren Opernregisseur, leiteten lange eine Konzert- und Beratungsagentur, waren Geschäftsführer der Bad Reichenhaller Philharmoniker und sind jetzt Kulturamtsleiter, Sie kennen also die verschiedensten Seiten des kulturellen Betriebs. Was ist das Besondere an der kommunalen Kulturarbeit?
Während man in der Kultur- und Kreativwirtschaft das Ziel verfolgt Geld zu verdienen, haben wir das Privileg mit öffentlichen Mitteln den kulturellen Bildungsauftrag zu erfüllen. Das Kulturamt ist dabei Dienstleister für die Bürgerschaft und kreativer Impulsgeber der Stadt.
Unterschleißheim ist mit rund 30.000 Einwohnern die größte Stadt des Landkreises München. Was macht die Kultur in Unterschleißheim aus?
Die durch die Lage zu München und durch eine kluge Wirtschaftsstrategie resultierenden Steuereinnahmen ermöglichten bisher ein umfangreiches Kulturangebot mit Veranstaltungen aller Genres. Wir bieten daneben Jugendangebote im JugendKulturHaus Gleis1, ein kommunales Kinoprogramm, ein Marionettentheater, ein Stadtmuseum und Stadtarchiv sowie eine Stadtbibliothek. Und wir haben einen Erinnerungsort – die Flachsröste Lohhof – geschaffen, wo zur Zeit des Nationalsozialismus ein Zwangsarbeiterlager war, um aus der Geschichte zu lernen. Daneben haben wir hier eine sehr lebendige Stadtgesellschaft mit 120 Nationen und über 120 Vereinen, mehrere Laientheater, Orchester und Chöre, aktive Kirchengemeinden und eine reiche Künstlerszene.
Warum brauchen wir Kultur vor Ort?
Kultur kann mit ihren unmittelbaren Live-Angeboten erstmal Demokratie stärken, denn sie schafft Teilhabe, Begegnung auf Augenhöhe und macht Empathie sinnlich erfahrbar, und sie stärkt den Zusammenhalt, gerade in Zeiten einer, wie ich finde, Empathie müden und erschöpften Gesellschaft. Regionale Kultur bringt Menschen zusammen, miteinander ins Gespräch, lässt sie ihr Jetzt und Hier und das Wir spüren. Sie übernimmt damit eine Vielzahl von gesellschaftlichen Aufgaben. Klar ist, dass Demokratie von diesen kulturellen Werten lebt, die wir dort verhandeln und die seit Generationen erarbeitet und teilweise erkämpft wurden. Dem müssen sich die Kommunen und auch wir in Unterschleißheim stellen.

Links im Bild: Stadtmuseumsleitung Veronika Leikauf erläutert ein Ausstellungsobjekt.
Bild: Jochen Gnauert
Welche Leitvision verfolgen Sie dabei?
Unser Anspruch ist es einen stabilen und gemeinsam getragenen städtischen Kulturraum zu schaffen, der interkulturell und generationsübergreifend ist, der immer kreativ und inklusiv ist, der überraschen soll, der mutig und selbstbewusst ist. Weil wir dann etwas anbieten für alle, aber auch mit allen.
Können Sie das näher erläutern?
Seit den Siebzigerjahren hat man Kultur für alle angeboten, heutzutage gehen wir weiter, wir wollen die Teilhabe stärken, Inklusion sehr weit denken, sodass wir Kultur mit allen machen, deswegen haben wir einen Slogan hier in Unterschleißheim, „Wir alle sind Unterschleißheim“, wir alle sind alt und jung, mit deutschem oder anderem Pass. Teilhabeangebote zu erweitern, bedeutet bei uns stärker in der Lebenswelt unserer potenziellen Kulturinteressenten verankert zu sein – und es macht einfach mehr Freude.
Wie sieht das in der Praxis aus?
Ich habe zum Beispiel festgestellt, dass wir viele Angebote für Erwachsene, für Kinder und Familien haben, aber zu wenig für Jugendliche. Deshalb gehen wir regelmäßig in Schulen, halten P-Seminare, diskutieren mit den jungen Menschen und binden sie als „Jugend-Kulturbotschafter“ in unsere Spielzeitplanung ein. Sie erhalten Gestaltungsmöglichkeiten und eigene Ressourcen, um selbst Dinge zu entscheiden. Deren Jugend-Kompetenz erweitert unseren Horizont und die zielgruppengerechten Angebote, wie zum Beispiel vom Kino-Open-Air über „Museumnacht“, Hipp Hopp- und Graffiti-Workshops bis hin zum Kneipenquiz. Aber dazu müssen sie mitmachen dürfen. Das ist, glaube ich, einer der Schlüssel.

Was ist momentan die größte Herausforderung der kommunalen Kulturarbeit?
Erst einmal die Finanzierung und personelle Ausstattung sicherzustellen für unsere öffentlichen Kultureinrichtungen, daneben auch – mittels einer aktivierenden Kulturpolitik – die nachhaltige Ertüchtigung unserer freien Szene. Und das betrifft jetzt nicht nur Unterschleißheim, wir KulturamtsleiterInnen stimmen uns regelmäßig in unterschiedlichen Verbänden – zum Beispiel Inthega, Kulturpolitische Gesellschaft – oder Landesgruppen darüber ab.
Kommunen übernehmen mit 39 Prozent (Kulturfinanzbericht 2024) den größten Anteil an den öffentlichen Kulturausgaben. Aktuell sind viele Kommunen aber enormen Sparzwängen unterworfen. Auch Unterschleißheim hat ja einen „Sparhaushalt“ aufgelegt, betrifft dies auch die Kultur?
Auch unsere kommunalen und privaten Kulturakteure und -institutionen stehen unter enormem Veränderungsdruck ihre Zukunftsfähigkeit zu sichern, nachdem wir 20 Prozent einsparen müssen und vakante Stellen nicht nachbesetzt werden. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen macht es Sinn sich zu vergegenwärtigen, wie klug und weitsichtig die Gründerväter unseres Grundgesetzes 1949 bei der Nichterwähnung eines Staatszieles Kultur agierten, wo auch Kultur als „freiwillige Leistung“ von Kommunen formuliert wurde.
Ziel war es aber nicht ein Instrument für potentielle Einsparmöglichkeiten zu schaffen, sondern alleine eine Dezentralisierung der inhaltlichen Kulturarbeit nach den Erfahrungen mit den Nationalsozialisten – ohne eine wertende Komponente von Kultur in Konkurrenz zu anderen Staatszielen. Dies ist auch ein Zeichen, nicht nur in Unterschleißheim, für einen Wechsel in der Haltung zu Kultur.
An was zeigt sich dieser Haltungswechsel noch?
Wenn derzeit von Teilen der politischen Akteure – nicht nur seitens der ausgrenzenden AfD – stärker eine sogenannte Neutralitätspflicht auch der Kulturverwaltungen eingefordert wird, widerspricht dies der in unserem Grundgesetz – Artikel 5, Absatz 3 – verankerten Kunstfreiheit. Aber gerade als öffentliche Kulturverwaltung wollen wir ja mit dem meritorischen Gut Kultur Angebote mit Haltung anbieten, wir wollen gesellschaftlich etwas Sinnstiftendes bewirken, wir sind ja nicht die Eventabteilung einer Stadt.

Wie arbeiten Sie hier dagegen?
Wichtig ist mir mit den gesellschaftlichen und politischen Akteuren unserer Stadtgemeinschaft regelmäßig im Austausch zu sein, zuzuhören und unsere Argumente für die wertvolle Kulturarbeit zum Beispiel in den Gremien wie unserem Kulturausschuss zur Diskussion zu stellen. Daneben schauen wir, dass die von uns angebotenen oder geförderten Kulturangebote auf unsere Kulturstrategie „Inklusion und Teilhabe“ einzahlen. Wir wollen wissen, was mit den öffentlichen Mitteln für kulturpolitische Ziele erreicht werden.
Könnten Sie Praxisbeispiele dafür nennen?
Wenn wir bei interkulturellen Angeboten bleiben: Wir haben zum Beispiel letztes Jahr ein interkulturelles Kochbuch mit 25 Menschen aus 25 Nationen gemacht, indem wir sie gebeten haben ihre 25 Lieblingsgerichte und die Geschichten dahinter zu erzählen. Oder wir machen zum Weltfrauentag Themen, die Frauen stärken oder wir haben uns erfolgreich beim Bezirk Oberbayern für das Zamma-Festival beworben. Der Bezirk veranstaltet diesen Juli in unserer Stadt mit einem Etat von 200.000 Euro dieses inklusive Kulturfestival für und mit allen, die mitmachen wollen. Prämisse war, es sollen sich immer neue Partner zusammenfinden für ein bisher noch nicht dagewesenes Projekt, ein Premierenfestival also. So erzeugt man ein Wir-Gefühl, um ins Gespräch zu kommen und dass auch nach dem Festival nachhaltig in der Stadt weiterwirkt. Man schaut also, wo sind Projekte, die unsere Kultur-Konzeption Inklusion und Teilhabe stärkt, und versucht dann diese einzubinden.
Was ziehen Sie für Schlüsse aus den aktuellen Entwicklungen?
Da die herausfordernde Haushaltslage vieler Kommunen oft zu der kulturpolitischen Entscheidung führt bei Kultur als „freiwillige Leistung“ überproportional einzusparen (außer in Hamburg), wird zum einen die seit Generationen aufgebaute und weltweit einzigartige Kulturvielfalt in Deutschland unwiderruflich beschädigt, zum anderen führt es zu einer Zunahme der prekären Verhältnisse unserer Kunstschaffenden – sie werden weniger engagiert – und schon jetzt verzeichnen wir eine signifikante Steigerung der Berufsabbrüche bei Künstlerinnen und Künstlern. Sie wechseln verstärkt die Branche.
Zukünftig wird es auch für kommunale Kulturverwaltungen Aufgabe sein, überkommunale Fördermittel (Stiftungen, Bezirk, Landkreis, Land, Bund, EU) in die Haushaltsgestaltung einzuplanen. Wir überprüfen schon jetzt, wo weitere Fördermöglichkeiten zur Verfügung stehen, wo es mögliche Allianzen gibt. Wir haben zum Beispiel in Unterschleißheim viele neue gebildet, sei es mit der Theaterakademie oder der Musikhochschule in München, internationalen Wettbewerben oder Stiftungen. Dort gibt es für deren Künstlerinnen und Künstler und Produktionen Bedarf an Räumen, die wir sowieso vorhalten und als Spielstätte ohne festes Ensemble auf hochwertige Produktionen von außen angewiesen sind. Daneben hilft auch unsere intensive Netzwerkarbeit innerhalb der Stadt: Ich habe deshalb das Netzwerk Kultur Unterschleißheim gegründet, um alle Kulturakteure hier vor Ort enger zusammenzubinden, um die Sichtbarkeit von Kultur zu stärken und gemeinsame Projekte zu initiieren.
Aber es bleiben komplexe Aufgaben auch in Zukunft für das Kulturamt, vielleicht drängender denn je. Auch bei uns stehen die öffentlichen und privaten Kulturanbieter vor Veränderungsdruck, um die Zukunftsfähigkeit in dieser Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche zu sichern. Unsere Aufgabe ist es vor allem die notwendigen Ressourcen, Finanzen und Personal zur Verfügung zu stellen.
Welchen Rat könnten Sie anderen Kommunen geben?
Meine bestens informierten Kolleginnen und Kollegen benötigen meines Erachtens keinen Rat, sie sind genauso an Vernetzung und nachhaltiger Kulturplanung interessiert. Wir alle sind im Austausch und wissen, welchen Wert eine gestaltende Kraft für die Belebung unserer Städte hat und wie sich strategische Allianzen positiv auf unsere Kommunen auswirken, was zum Beispiel mit der NordAllianz der nördlichen Kommunen des Landkreises München geschaffen wurde. Wenn wir uns zusammentun, werden wir stärker. Eins plus Eins ist drei.
Ein letzter Satz?
Gemeinsam mit den Menschen vor Ort: mutig sein und Haltung zeigen. [ pb ]

Stadt Unterschleißheim
Rathausplatz 1
85716 Unterschleißheim











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