Dieses Dorf hat Zukunft
Vom Schlafdorf zum Goldmedaillen-Gewinner
Klettgau-Grießen gewinnt den Landesentscheid von Baden-Württemberg beim Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“. 2026 will der bunte Haufen auf Bundesebene in Berlin punkten.
„Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!“ – schallt es laut vom Dorfplatz im beschaulichen Grießen. Der 2000-Seelen-Ort in der südbadischen Gemeinde Klettgau an der Schweizer Grenze steht Kopf. Dass es eine Abordnung aus Bürgern, Vereinsvertretern und der Gemeinde bereits 2024 zusammen geschafft hat, den Bezirksentscheid des Wettbewerbs „Unser Dorf hat Zukunft“ zu gewinnen, war schon eine tolle Sache. Dass es nun mit erneutem Kraftaufwand gelang, die Landes-Jury von den vielfältigen Zukunfts-Projekten des Dorfes zu überzeugen, sei „schlicht der Hammer“, sagt Kathrin Kern, eine der Organisatorinnen. „Mein Lieblingssatz ist seither: ‚Grießen repräsentiert das Land Baden-Württemberg auf Bundesebene in Berlin’“. Wie viele Grießener bekommt sie derzeit das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht.
Die viele Arbeit hat sich gelohnt. Nun interessieren sich auch Zeitungen, Radio und sogar das Fernsehen für das einstige Schlafdorf. Die Preisverleihung ist im November. „Und dann gilt es, diesen Schwung in die nächste Runde mitzunehmen und im besten Fall winkt der Sieg beim Bundesentscheid“, freut sich Bürgermeister Ozan Topcuogullari und dankt allen mitwirkenden Akteuren.

Wie kam es dazu?
Rückblende. Wie vielerorts auf dem Land ging es auch in Grießen gefühlt stetig bergab. Innerhalb weniger Jahre schlossen die Apotheke, der Bäcker, die Postfiliale, der letzte Hausarzt ging in Rente, und auch die einst beliebten Krämermärkte dümpelten vor sich hin. Dann kam Corona und die allgemeine Stimmung sackte vollends ab. Eine Gruppe von fünf Frauen aus dem Ort hatte die Nase voll. Sie taten sich zusammen und bildeten zunächst die „Interessengemeinschaft Zukunft Grießen“ um auszuloten, woran es genau fehlt und wo Mitstreiter aus der Bürgerschaft, aus Vereinen und nicht zuletzt der Gemeinde zu finden sind. „Seither ist unglaublich viel passiert“, erzählt Kathrin Kern. „Wir scheinen einen Nerv getroffen zu haben, und viele Menschen wollen aktiv mitwirken, statt zu lamentieren. Kurz darauf haben etwa 40 Grießener – Alteingesessene wie Zugezogene – in den Arbeitsgruppen Infrastruktur/Markt, Alt und Jung, Jugend, Kommunikation und Senioren mehrere Projekte gestartet und natürlich haben wir auch den Bürgermeister, die Verwaltung und die Gemeinderäte mit einbezogen.“
Zusammen mit Vereinen und der noch ganz jungen Klettgau Genossenschaft, die mit etwa 450 Mitgliedern das lange leerstehende Gasthaus Linde im Ortszentrum kaufte, kam wieder Leben ins Dorf. Das Ziel der KlettGeno ist es, noch weitaus mehr Menschen für den Begegnungsort Linde zu begeistern und nach dem anstehenden Umbau viele (Übernachtungs-)Gäste in den neuen Räumen willkommen heißen zu dürfen.
„Die Aufbruchstimmung im Ort ist mittlerweile enorm, und die Menschen packen freiwillig mit an, debattieren, arbeiten und feiern zusammen. Der Gewinn des Wettbewerbs ist das i-Tüpfele und gerade drehen alle ein wenig durch“, lacht Kathrin Kern.
Daumen drücken für den Bundesentscheid!
Aus der Interessengemeinschaft wurde mittlerweile die Zukunftswerkstatt Grießen. Um bei den vielen (neuen) Aktivitäten nicht den Überblick zu verlieren und alle informiert zu halten, berichten zwei engagierte Frauen mit viel Humor täglich auf Instagram, was im Dorf und in der Umgebung los ist. Insta-Crashkurse in der Linde exklusive. Natürlich geht es dabei auch um den Wettbewerb und die nächste Runde. Wieder werden die Köpfe rauchen, welche der vielen Projekte der Delegation aus Berlin 2026 vorgestellt werden – zunächst in Grießen und im zweiten Teil reist dafür eine Abordnung in die Hauptstadt und appelliert: „Bitte jetzt schon Daumen drücken!“

Mit diesen Projekten gewann Grießen zunächst den Bezirks- und nun den Landesentscheid:
- Förderverein IDee (Innovatives Dorfleben, Nachbarschaftshilfe) – Kleiderkammer, Mittagstisch, Babysitterbörse, Repair Café
- Klettgau Genossenschaft – Kauf und Reaktivierung Linde mit Seniorenkaffee, Pub Quiz, Konzerten, Lesungen, Bingo-Abenden, Vernissagen
- Siedlerbund-Naturschutzgruppe – Baumschnittkurse, Obstbaumbörse, Renaturierungsarbeiten, Orchideenpflege und Nistkastenbau
- Zukunftswerkstatt Grießen – Vereinsgemeinschaft „Grießen feiert“ mit 900 Jahr-Feier, Belebung Krämermärkte, Bürgerdialog, Jungendgruppe, Insta-Kanal „Leben in Grießen“ und Podcast „Uf’m Bänkle mit…“
- Gemeinde – Medizinisches Versorgungszentrum mit vier angestellten Ärzten im ehemaligen Rathaus Grießen, Breitbandausbau, Renovierung und Verpachtung Schlachthaus

Der Wettbewerb
Bereits zum 28. Mal richtet das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft den Wettbewerb “Unser Dorf hat Zukunft” aus. Auf Bezirks-, Landes- und schließlich Bundesebene müssen die teilnehmenden Dörfer mit maximal 3000 Einwohnern ihr gemeinschaftliches Engagement unter Beweis stellen und zeigen, wie sie ihren Ort attraktiver und zukunftsfähiger gestalten. Bewertet werden alle
Aspekte der Dorfentwicklung: soziale Einrichtungen, kulturelle Angebote, lebendiges Vereinsleben, attraktive und verantwortungsvolle Bau- und Grüngestaltung sowie Arbeitsplätze. Ziele des Wettbewerbs sind unter anderem das aktive Angehen der Herausforderungen der Zukunft, die Steigerung der Lebensqualität auf dem Land und das Erzielen von „Nachmach-Effekten“ bei anderen Gemeinden.
Förderverein IDee e.V. – Zukunftswerkstatt
Herrenstraße 1
79771 Klettgau-Grießen











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