Ein Rückblick zum 38. Lindauer Seminar
von Prof. Karsten Kerres - 12. und 13. März 2026
Auch 2026 gelingt es dem Lindauer Seminar wieder, seinem exzellenten Ruf als europaweit bedeutendstes Seminar zu allen Themen rund um das Kanalmanagement gerecht zu werden. Mehr als 25 Referentinnen und Referenten aus Wissenschaft und Praxis präsentierten ihre Überlegungen und Erfahrungen aus Forschung und Praxis. Unter der Leitung von Univ.-Prof. Max Dohmann, Prof. Wolfgang Günthert, Prof. Karsten Kerres, Univ.-Prof. Karsten Körkemeyer und Prof. Florian Winter diskutierten die über 670 Teilnehmenden über aktuelle sowie zukünftige Herausforderungen und mögliche Lösungsansätze. Auch im Foyer sowie auf dem Außengelände der Inselhalle Lindau bot sich den Teilnehmenden die Gelegenheit zum fachlichen Austausch. Über 90 Aussteller präsentierten dort innovative Produkte und Dienstleistungen aus den Bereichen Reinigung, Inspektion und Sanierung.
Die Eröffnung und Begrüßung der Teilnehmer erfolgten traditionell durch die Familie Jöckel – in diesem Jahr vertreten durch Tobias Jöckel – und durch die Oberbürgermeisterin der Stadt Lindau, Dr. Claudia Alfons.
Aktuelle Herausforderung
Prof. Dr.-Ing. Max Dohmann, Aachen, eröffnete den fachlichen Teil des Seminars mit seinem Vortrag „Entwicklungen in der deutschen Siedlungsentwässerung – Wunsch und Wirklichkeit“. Ausgehend von einem Rückblick auf die vergangenen sechs Jahrzehnte der Kanalisationstechnik skizzierte er die Entwicklung von ersten optischen Inspektionsverfahren über grabenlose Sanierungstechniken bis hin zu heutigen Anwendungen der Digitalisierung und Künstlichen Intelligenz in der Siedlungsentwässerung. Prof. Dohmann erläuterte dabei insbesondere die Potenziale KI-basierter Systeme für die Kanalzustandserfassung und die Prognose von Zustandsverschlechterungen sowie Ansätze zur Ressourcennutzung, beispielsweise durch Abwasserwärmenutzung. Gleichzeitig verwies er auf den erheblichen Investitionsbedarf zur Erneuerung veralteter Kanalnetze und machte deutlich, dass die überwiegend gebührenfinanzierte Siedlungsentwässerung durch die Anforderungen der Klimaanpassung zunehmend unter wirtschaftlichen Druck gerät.

Die Klimaresilienz als kommunale Herausforderung
Dr.-Ing. Suzanne Mösel, Technische Beigeordnete und Bürgermeisterin der Stadt Neckarsulm, thematisierte in ihrem Vortrag „Klimaresilienz als kommunale Herausforderung“ die vielfältigen Belastungen der Kommunen resultierend aus Klimaanpassung, Fachkräftemangel, finanziellen Einschränkungen und steigenden gesellschaftlichen Erwartungen. Sie machte deutlich, dass der hohe politische Stellenwert der Klimaanpassung vielerorts mit begrenzten personellen und finanziellen Ressourcen kollidiere und die Zielerreichung unter den aktuellen Rahmenbedingungen zunehmend erschwere. Im Mittelpunkt standen Maßnahmen zur klimaresilienten Stadtentwicklung und Siedlungsentwässerung, darunter Flächenentsiegelung, dezentrale Versickerung, Retentionsflächen sowie der Ausbau blau-grüner Infrastruktur. Dr. Mösel betonte, dass Klimaresilienz einen grundlegenden Stadtumbau erfordere, um Wasser verstärkt vor Ort zurückzuhalten statt es schnell abzuleiten. Gleichzeitig verwies sie darauf, dass notwendige Maßnahmen häufig an Fragen der politischen und gesellschaftlichen Akzeptanz sowie an der finanziellen Leistbarkeit scheiterten.
Die Bedrohung kritischer Infrastrukturen durch Cyberangriffe
Moritz Samrock, Laokoon Security GmbH, beleuchtete die zunehmende Bedrohung kritischer Infrastrukturen durch Cyberangriffe. Anhand aktueller Beispiele wie dem Angriff auf den ukrainischen Telekommunikationsanbieter Kyivstar zeigte er in seinem Vortrag „Cyberkrieg vor der Haustüre – Wie verteidigungsfähig sind unsere kritischen Infrastrukturen?“, dass Cyberangriffe inzwischen gezielt als militärisches Mittel eingesetzt würden und erhebliche Auswirkungen auf Kommunikations- und Versorgungssysteme haben könnten. Gleichzeitig verwies er darauf, dass die Resilienz betroffener Systeme in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen sei und viele Angriffe heute schneller erkannt und abgewehrt würden. Im weiteren Verlauf machte Herr Samrock deutlich, dass nicht nur große Betreiber kritischer Infrastrukturen, sondern grundsätzlich jedes Unternehmen von Cyberbedrohungen betroffen sei. Entscheidend seien daher ein proaktives Handeln, die kontinuierliche Überprüfung bestehender Schutzmaßnahmen sowie ein intensiver Austausch zwischen Betreibern, Wirtschaft und Behörden, um die Widerstandsfähigkeit der digitalen Infrastruktur nachhaltig zu stärken.
Kommunale Aufgaben in der Siedlungsentwässerung
Anne Lang, Gemeinde Eichenau und AmperVerband, berichtete in ihrem Vortrag „Auswirkungen von hoch ansteigendem Grundwasser auf Abwasseranlagen“ über die betrieblichen und hydraulischen Probleme infolge stark ansteigender Grundwasserstände. Zur Verringerung der Belastungen des Kanalnetzes und zur Sicherstellung eines sicheren Betriebs wurden umfangreiche Sanierungsmaßnahmen an Schächten und Rohrleitungen durchgeführt. Ziel der Maßnahmen war insbesondere die Abdichtung der Entwässerungsanlagen, um den Eintritt von Grundwasser dauerhaft zu minimieren und die hydraulische Leistungsfähigkeit des Systems zu erhalten.
Neue Formen der Investitionsabwicklung für kommunale Infrastrukturmaßnahmen
Dr.-Ing. Christian Falk, Stadtentwässerung Dortmund, stellte neue Formen der Investitionsabwicklung für kommunale Infrastrukturmaßnahmen vor. Im Mittelpunkt des Vortrags „Umsetzung umfangreicher Kanalbau- und Sanierungsmaßnahmen über Totalunternehmer – Erfahrungsbericht aus Dortmund“ stand dabei das Modell der Projektträgerschaft beziehungsweise des Totalunternehmers. Hierbei werden Planung, Bauleistungen und ergänzende Dienstleistungen gebündelt durch einen Projektpartner übernommen, der gleichzeitig wesentliche Bauherrenfunktionen ausübt. Anhand der bisherigen Erfahrungen aus Dortmund erläuterte Dr. Falk die Vorteile dieser Vorgehensweise insbesondere vor dem Hintergrund knapper personeller Ressourcen in den Kommunen. Das Modell ermögliche eine deutliche Entlastung der Stadtentwässerung und beschleunige die Projektabwicklung, eigne sich wirtschaftlich jedoch insbesondere für größere Maßnahmenpakete mit Investitionsvolumina ab etwa fünf Millionen Euro.
Aktuelle Erkenntnisse zu Kanalreinigung und -inspektion
Christian Bone, IKT – Institut für Unterirdische Infrastruktur gGmbH, Gelsenkirchen, berichtete über „Aktuelle Erkenntnisse zu Kanalreinigung und -inspektion aus dem KomNetAbwasser“. Im Mittelpunkt des Vortrags standen dabei der Wissenstransfer zwischen den Netzbetreibern sowie neue technische Entwicklungen wie der Einsatz von Drohnen zur Inspektion von Abwasseranlagen. Herr Bone erläuterte, dass Drohneneinsätze weniger ein Datenschutz- als vielmehr ein Zweckbindungsproblem darstellten und hierzu bereits Dienstanweisungen, Satzungsbausteine und organisatorische Handlungsempfehlungen für Betreiber erarbeitet wurden.

Innovationen - Aussteller präsentierten sich
Auch in diesem Jahr fand das mittlerweile traditionelle Aussteller Speed-Forum statt. Folgende Unternehmen stellten in kompaktem Format innovative Systeme und spannende Methoden rund um die Themen Reinigung, Inspektion und Sanierung vor:
- bluemetric software GmbH
- BRAWO SYSTEMS GmbH
- Cansol GmbH
- FFG Umwelttechnik GmbH & Co. KG
- Geiger Kanaltechnik GmbH & Co. KG
- HST Systemtechnik GmbH & Co. KG
- JT-elektronik GmbH
- KAISER AG
- WIEDEMANN enviro tec GmbH
Das Aussteller Speed-Forum konnte somit auch 2026 die Relevanz und Praxisnähe des Lindauer Seminars unterstreichen.
Digitalisierung
Der dritte Vortragsblock wurde durch Nora Blase, Institute of Smart City Engineering (ISCE) der FH Aachen, mit ihrem Beitrag über „Kanalmanagement und Datenaustausch – Potentiale von Open-Source Werkzeugen für kleine und mittlere Netzbetreiber“ eröffnet. Frau Blase stellte Möglichkeiten zum wirtschaftlichen Einsatz offener Softwarelösungen in der Siedlungsentwässerung vor. Vor dem Hintergrund steigender Anforderungen an Dokumentation, Eigenkontrolle und Datenaustausch erläuterte sie insbesondere die Potenziale von der Open-Source-Lösungen, wie QGIS und das vom ISCE entwickelte Plugin QKan für die Datenverwaltung, Zustandsbewertung, hydraulische Nachweisführung sowie die Sanierungsplanung von Kanalnetzen. Vorteile lägen insbesondere in offenen Datenformaten, geringer Herstellerabhängigkeit sowie niedrigen Lizenzkosten.
Das digitale Projektrisiko des Zwillings
Im anschließenden Vortrag widmete sich Carl Philipp Friedinger, Universität der Bundeswehr München, dem Einsatz eines „Digitalen Projektrisiko-Zwillings“ zur Unterstützung der Entwicklung komplexer Infrastrukturmaßnahmen. Anhand des vorgestellten Ansatzes zur integrierten Betrachtung von Kosten, Terminen, Risiken und Budgetentwicklungen innerhalb eines digitalen Projektmodells wurde erläutert, wie digitale Werkzeuge genutzt werden können, um Projektrisiken frühzeitig zu identifizieren, Szenarien zu bewerten und die Steuerung umfangreicher Bau- und Sanierungsmaßnahmen zu verbessern. Ziel sei eine transparentere und belastbarere Projektabwicklung insbesondere bei langfristigen Infrastrukturvorhaben.
BIM und digitale Modelle in der Siedlungsentwässerung
Prof. Dr.-Ing. Florian Winter, Hochschule Landshut, widmete sich in seinem Vortrag „BIM und digitale Modelle in der Siedlungsentwässerung“ der zunehmenden Bedeutung digitaler Planungs- und Datenmodelle. Dabei wurde aufgezeigt, dass Building Information Modeling (BIM) im Hochbau bereits weitgehend etabliert sei, im Bereich der Abwasserinfrastruktur bislang jedoch noch vergleichsweise selten Anwendung finde. Im Mittelpunkt seines Vortrages standen Ansätze zur Weiterentwicklung klassischer Kanalinformationssysteme hin zu BIM-basierten Modellen durch die Ergänzung digitaler Bauteilmodelle und strukturierter Objektinformationen.

Anhand verschiedener Praxisbeispiele berichtete Maximilian Erb, aquadocs Ingenieurgesellschaft mbH, in seonem Vortrag „Digitale Zusammenarbeit – Chancen und neue Wege“ über hauseigene WebGIS-Anwendungen, die einen vereinfachten Datenaustausch zwischen Auftraggebern, Ingenieurbüros und Dienstleistern ermöglichen. Unter anderem würden die Festlegung von Inspektionsgebieten für TV-Untersuchungen sowie die Live-Visualisierung des Fortschritts laufender TV-Inspektionen unterstützt. Darüber hinaus wurden Ansätze zur automatisierten Erstellung und Visualisierung von Sanierungskonzepten mit stratIS-Kanal vorgestellt, mit denen Sanierungsarten, Maßnahmen und Kosten transparent und räumlich nachvollziehbar dargestellt werden können.
Perspektiven der KI - Künstliche Intelligenz im Kanalmanagement
Phillip Grimm, Pluvion GmbH, stellte neue Ansätze zur tagesaktuellen Analyse und Lokalisierung von Fremdwasser in Kanalnetzen vor. Grundlage des Systems sind bereits vorhandene Messdaten wie Füllstände, Durchflussdaten, Pumpwerksdaten, Niederschlagsinformationen und Wasserstände, die mithilfe von Machine-Learning-Methoden ausgewertet und in digitale Modelle integriert werden. Die in seinem Vortrag „KI-gestütztes Fremdwasser-Monitoring für Abwassernetze“ vorgestellten Ergebnisse können unter anderem zur Priorisierung von TV-Inspektionen, zur Lokalisierung von Fehlanschlüssen sowie zur Identifizierung von Drainageeinleitungen genutzt werden und ermöglichen damit eine gezieltere Planung von Untersuchungs- und Sanierungsmaßnahmen.
Im Anschluss wurden mit dem Beitrag „Digitale Basiskriterien – Technische Möglichkeiten zur Inspektion von Abwasserkanälen“ aktuelle Entwicklungen bei bildbasierten Inspektionsverfahren mittels sphärischer Kamerasysteme vorgestellt und diese hinsichtlich Eignung zur vollständigen visuellen Erfassung von Kanalbauwerken bewertet. Roman Streubel, JT-elektronik GmbH, zeigte in diesem Zusammenhang auch Möglichkeiten zur Erzeugung visueller Punktwolken aus sphärischen Bilddaten auf. Nach einer manuellen Bereinigung und Nachbearbeitung der Datensätze können die erzeugten Punktwolken mit vorhandenen Bestandsdaten überlagert werden, um geometrische Abweichungen, Krümmungen oder Einragungen sichtbar zu machen und die Qualität der digitalen Repräsentation von Kanalhaltungen zu bewerten.
KI in der Kanalzustandsbewertung – Potenziale, Grenzen und Praxislösungen
Kai Gantenbrinker, Leiter der Stadtentwässerung Hamm beim Lippeverband, berichtete in seinem Vortrag „KI in der Kanalzustandsbewertung – Potenziale, Grenzen und Praxislösungen“ aktuelle Erfahrungen mit KI-gestützten Verfahren zur automatisierten Zustandsklassifizierung von Kanalnetzen vor. Dabei wurden insbesondere Unterschiede zwischen klassischen Schwenkkopfkameras und 360-Grad-Kameras mit automatisierter Auswertung erläutert. Die KI-gestützte Bewertung ermögliche eine standardisierte Schadensklassifizierung und führe im praktischen Einsatz zu einer Effizienzsteigerung von rund 20 %. Gleichzeitig machte Herr Gantenbrinker deutlich, dass auch bei automatisierten Verfahren weiterhin eine manuelle Nachbewertung erforderlich sei. Die Erkennungsquote der KI für Schäden, Anschlüsse und Auffälligkeiten liege derzeit im Mittel bei etwa 70 %. Zudem zeigten die bisherigen Erfahrungen, dass KI-basierte Bewertungen tendenziell schlechtere Zustandsklassen ermitteln als klassische manuelle Bewertungen und dadurch Sanierungsbedarfe konservativer eingeschätzt werden.
In seinem zweiten Vortrag „KI, Daten & Sicherheit“ beleuchtete Moritz Samrock die zunehmenden Herausforderungen beim sicheren Einsatz Künstlicher Intelligenz in Unternehmen und kritischen Infrastrukturen. Dabei zeigte er auf, dass Sicherheitsrisiken nicht nur durch technische Schwachstellen, sondern insbesondere auch durch Endnutzer sowie durch die Nutzung ungesicherter Cloud-Speicherlösungen entstehen. Zudem wurden Probleme bei Zugriffs- und Berechtigungskonzepten im Zusammenhang mit KI-Anwendungen thematisiert. Im weiteren Verlauf erläuterte er, dass KI-basierte Verfahren zunehmend auch zur Unterstützung von Cyberangriffen und Schadsoftware eingesetzt würden und dadurch die Wirksamkeit von Malware weiter steige. Abschließend betonte er, dass KI-Technologien trotz der bestehenden Risiken sinnvoll genutzt werden sollten, sofern Datensicherheit, Zugriffsschutz und organisatorische Sicherheitsmaßnahmen konsequent berücksichtigt werden.

Eine Ära des "Lindauer Seminars" endet
Mit der 38. Veranstaltung endete zugleich die langjährige Tätigkeit von Prof. Dr.-Ing. Max Dohmann als wissenschaftlicher Leiter des Lindauer Seminars. Über viele Jahrzehnte prägte er die fachliche Ausrichtung der Veranstaltung maßgeblich und setzte durch seine wissenschaftlichen Beiträge, seine hohe fachliche Expertise sowie sein persönliches Engagement wesentliche Impulse für die Weiterentwicklung des Seminars. Dabei gelang es ihm stets, aktuelle Herausforderungen der Siedlungswasserwirtschaft frühzeitig aufzugreifen und neue Themenfelder in das Veranstaltungsprogramm zu integrieren.
Durch seinen kontinuierlichen Einsatz entwickelte sich das Lindauer Seminar in den vergangenen Jahrzehnten zu einer der bedeutendsten Fachveranstaltungen Deutschlands im Bereich Planung, Bau und Instandhaltung von Entwässerungssystemen. Die Verbindung wissenschaftlicher Erkenntnisse mit praxisnahen Lösungsansätzen sowie der intensive fachliche Austausch zwischen Kommunen, Ingenieurbüros, Hochschulen und Unternehmen prägen die Veranstaltung bis heute und sind eng mit dem Wirken von Prof. Dohmann verbunden.
Aktuelles aus der Kanalsanierungsbranche
Daniel von Bernstorff, SYSCribe GmbH, eröffnete den zweiten Seminartag mit seinem Vortrag „Schlauchlining – intelligente Datennutzung in allen Leistungsphasen“ und stellte Ansätze zur Digitalisierung von Schlauchlining-Prozessen vor. Im Mittelpunkt stand die Plattform „MATE“, mit der unterschiedliche Datenquellen, Maschinen und Projektbeteiligte in einer gemeinsamen digitalen Umgebung vernetzt werden können. Ziel sei es, Routineaufgaben zu automatisieren, die Dokumentation zu vereinfachen sowie Bauabläufe transparenter und effizienter zu gestalten. Darüber hinaus wurden Möglichkeiten der direkten Maschinenanbindung, der Live-Datenübertragung sowie der sensorgestützten Prozessüberwachung während der Linerhärtung vorgestellt. Anhand datenbasierter Auswertungen erläuterte er, wie Temperatur-, Zeit- und Intensitätsdaten für Arbeitsplanung, Qualitätssicherung und Prozesssteuerung genutzt werden können. Gleichzeitig wurde deutlich, dass digitale Systeme künftig einen wichtigen Beitrag leisten können, um trotz Fachkräftemangel die Leistungsfähigkeit und Dokumentationsqualität bei Sanierungsmaßnahmen aufrechtzuerhalten.
UV-Lichtinduzierte Härtung von Schlauchlinern
Niklas Ernst, Bluelight GmbH, setzte sich in seinem Vortrag „UV-Lichtinduzierte Härtung von Schlauchlinern in der Diskussion“ kritisch mit aktuellen Qualitätsdiskussionen im Bereich lichthärtender Schlauchlinersysteme auseinander. Im Mittelpunkt standen dabei neue technische Vertragsbedingungen, verschärfte Qualitätsanforderungen sowie die Diskussion um Rest-Styrolgehalte, Wanddicken und Temperaturmessungen während der Härtung. Ernst erläuterte, dass die Qualität der Polymerisation nicht allein über maximale Reaktionstemperaturen bewertet werden könne, sondern wesentlich von der abgestimmten Kombination aus Harzsystem, Lichtintensität, Belichtungsdauer und Temperaturverlauf abhänge. Darüber hinaus wurde auf praktische und messtechnische Grenzen bei der Überwachung von Härtungsprozessen hingewiesen. Kritisch bewertet wurden insbesondere zusätzliche Regelungen und Sanktionskataloge in Ausschreibungen, die aus Sicht des Referenten zu einer Überregulierung führen könnten.

Kanalmanagement und Nachhaltigkeit
Prof. Dr.-Ing. Karsten Kerres, Institute of Smart City Engineering (ISCE) der FH Aachen, stellte aktuelle Ansätze zur Bilanzierung von Treibhausgasemissionen in der Siedlungsentwässerung vor. Vor dem Hintergrund der angestrebten Klimaneutralität im Tiefbau erläuterte er in seinem Vortrag mit seinem Vortrag „CO₂-Emissionen als Bewertungsgröße für die (strategische) Kanalinstandhaltung – Ein neuer Nachhaltigkeitsansatz!?“ verschiedene Betrachtungs- bzw. Bilanzierungsebenen von der Unternehmensbilanzierung über projektbezogene Emissionsabschätzungen bis hin zu strategischen Lebenszyklusanalysen für Kanalnetze. Im Mittelpunkt standen Methoden zur Abschätzung spezifischer CO₂-Emissionen unterschiedlicher Bauweisen und Instandhaltungsstrategien. Dabei wurde deutlich, dass insbesondere offene Bauweisen und Straßenwiederherstellungen erhebliche Emissionsanteile verursachen können, während grabenlose Verfahren Potenziale zur Emissionsreduktion bieten. Prof. Kerres machte zugleich deutlich, dass belastbare absolute Bewertungen derzeit noch durch uneinheitliche Bilanzgrenzen und fehlende Standards erschwert würden, Vergleiche und Sensitivitätsanalysen jedoch bereits heute eine wichtige Grundlage für strategische Entscheidungen in der Kanalinstandhaltung darstellen.
Abwasserwärmenutzung im Kontext des Kanalmanagements
Prof. Dr.-Ing. Karsten Körkemeyer, RPTU Kaiserslautern-Landau, Lehrstuhl für Baubetrieb und Bauwirtschaft, widmete sich in seinem Vortrag „Abwasserwärmenutzung im Kontext des Kanalmanagements“ den technischen und betrieblichen Herausforderungen bei der Integration von Wärmetauschersystemen in Abwasserkanälen. Vor dem Hintergrund steigender Anforderungen an Klimaschutz und kommunale Wärmeplanung stellte er unterschiedliche Systeme zur Abwasserwärmenutzung sowie Möglichkeiten nachträglich installierbarer und rohrwandintegrierter Wärmetauscher vor. Er erläuterte die Auswirkungen solcher Systeme auf Inspektion, Betrieb und Selbstüberwachung von Kanalnetzen und führte die regulatorischen Anforderungen aus WHG, Landeswassergesetzen und DWA-Regelwerk auf. Trotz eingebauter Wärmetauscher müsse eine ausreichende Zustandserfassung der Kanäle gewährleistet bleiben. Hierzu wurden verschiedene technische Lösungsansätze vorgestellt, darunter spezielle Kamerasysteme zur Inspektion des Sohlenbereichs unterhalb der Wärmetauscher sowie konstruktive Anpassungen an den Wärmetauschersystemen selbst.
Die Fachkraft für Rohr-, Kanal- und Industrieservice (RKI)
Dr. Linda Schlusemann, Hans-Schwier-Berufskolleg der Stadt Gelsenkirchen, stellte die Weiterentwicklung des Berufsbildes und die damit verbundenen Veränderungen in Ausbildung und öffentlicher Wahrnehmung vor. In ihrem Vortrag „Von der Fachkraft für Rohr-, Kanal- und Industrieservice (RKI) zum Umwelttechnologen / zur Umwelttechnologin für Rohrleitungsnetze und Industrieanlagen (URI)“ fokussierte sie die Modernisierung der Ausbildungsinhalte, neue Prüfungsstrukturen sowie die stärkere Ausrichtung auf Digitalisierung, Arbeitssicherheit, Nachhaltigkeit und handlungsorientierten Unterricht. Gleichzeitig wurde auf deutlich steigende Ausbildungszahlen und die wachsende Bedeutung des Berufs für die Sicherung kritischer Infrastruktur hingewiesen. Ergänzend erläuterte sie Maßnahmen zur stärkeren gesellschaftlichen Sichtbarkeit und Anerkennung des Berufsbildes. Vorgestellt wurden unter anderem Social-Media-Kampagnen, E-Learning-Plattformen, VR-Anwendungen sowie neue Formate zur Nachwuchsgewinnung und Wissensvermittlung. Besonderes Augenmerk lag auf der stärkeren Vernetzung zwischen Betrieben, Berufsschulen, Hochschulen, Herstellern und überbetrieblichen Ausbildungsstätten, um neue Technologien schneller in Ausbildung und Praxis zu integrieren und den Wissenstransfer innerhalb der Branche nachhaltig zu stärken.
Instandhaltung und optimierte Betriebsplanung
Dipl.-Ing. Arno Bauer, KASSELWASSER – Eigenbetrieb der Stadt Kassel, berichtete in seinem Vortrag „Bedarfsgerechte Kanalinspektion“ über die Entwicklung und praktische Umsetzung einer zustandsorientierten Inspektionsstrategie für kommunale Kanalnetze. Ausgangspunkt waren umfangreiche Zustandsanalysen und Investitionsbetrachtungen, die für das Kasseler Kanalnetz trotz hoher Reinvestitionsquoten einen insgesamt guten baulichen Zustand bestätigten. Vor diesem Hintergrund wurde eine Strategie entwickelt, mit der Inspektionsintervalle für Kanäle in guten Zustandsklassen unter bestimmten Voraussetzungen verlängert werden können. Herr Bauer erläuterte die hierzu erforderlichen rechtlichen Rahmenbedingungen nach der hessischen Eigenkontrollverordnung sowie die Genehmigung verlängerter Inspektionsfristen durch die Aufsichtsbehörde. Ergänzend wurden technische Lösungen zur vereinfachten Zustandskontrolle vorgestellt, darunter digitale Kanalspiegel, mobile Dokumentationssysteme sowie Schnittstellen zum Kanalinformationssystem BaSYS. Ziel sei eine wirtschaftlichere und gleichzeitig zielgerichtete Zustandserfassung, bei der weitergehende TV-Inspektionen nur bei Auffälligkeiten durchgeführt werden. Nach den vorgestellten Berechnungen lassen sich hierdurch erhebliche Kosten einsparen, ohne die langfristige Werterhaltung des Kanalnetzes zu gefährden.
Durch Value Engineering – strukturierte Entscheidungs- und Bewertungsmethoden
Jörg Otterbach, Wasserverband Eifel-Rur, widmete sich in seinem Vortrag „Value Engineering – die optimale Lösung finden“ der Anwendung strukturierter Entscheidungs- und Bewertungsmethoden bei komplexen Infrastrukturprojekten. Value Engineering wurde dabei als interdisziplinärer Ansatz beschrieben, mit dem technische, wirtschaftliche und organisatorische Anforderungen systematisch analysiert und optimierte Lösungsvarianten entwickelt werden können. Im Mittelpunkt standen strukturierte Prozessschritte von der Projektanalyse über Variantenuntersuchungen bis hin zur Bewertung und Entscheidungsfindung unter Berücksichtigung von Qualität, Kosten, Zeit und Risiken.
Anhand verschiedener Praxisbeispiele aus der Wasser- und Abwasserwirtschaft erläuterte Herr Otterbach die Einsatzmöglichkeiten der Methodik bei Sanierungsprojekten, KRITIS-Vorsorge und Digitalisierungsprozessen. Vorgestellt wurden unter anderem die Sanierung eines 12 km langen Hauptsammlers mit erheblichen Einsparpotenzialen sowie Ansätze zur strukturierten Entwicklung digitaler Prozesslandschaften. Dabei wurde deutlich, dass insbesondere bei komplexen Projekten mit vielen Beteiligten und unterschiedlichen Randbedingungen eine frühzeitige Einbindung verschiedener Fachdisziplinen zu wirtschaftlicheren und belastbareren Lösungen beitragen kann.
Die langfristige Sanierungsplanung für kommunale Entwässerungssysteme ist wichtig
In seinem Vortrag „Sanierungskonzeption – Vorteile für die Praxis“ verdeutlichte Michael Mahr, Zweckverband München-Südost, Ottobrunn, die Bedeutung strategischer und langfristiger Sanierungsplanungen für kommunale Entwässerungssysteme. Ausgehend vom allgemeinen Sanierungsstau in Deutschland zeigte er auf, dass jahrzehntelange Unterfinanzierung, komplexe Planungsverfahren und langsame Umsetzungsprozesse zunehmend zu Herausforderungen bei der Erhaltung der Infrastruktur führten. Im Mittelpunkt stand dabei die strukturierte Vorgehensweise aus Lagebeurteilung, Bewertung, Entscheidungsfindung und Ausführung als Grundlage einer zielgerichteten Sanierungsstrategie. Betrachtet wurden unter anderem die Zustände von Steinzeug- und Ortbetonkanälen, die Relevanz undichter Muffenverbindungen sowie unterschiedliche Strategien zwischen Reparatur, Renovierung und Erneuerung. Herr Mahr erläuterte, dass Sanierungskonzeptionen durch die interdisziplinäre Berücksichtigung technischer, rechtlicher, organisatorischer und finanzieller Aspekte eine bedarfsgerechte und nachhaltige Infrastrukturplanung ermöglichen. Gleichzeitig böten sie Vorteile für die Praxis, insbesondere durch eine verbesserte Haushaltsplanung, die Vermeidung von Fehlinvestitionen sowie die Grundlage für eine zukunftsorientierte Sanierungsstrategie.
Die Einsatzmöglichkeiten digitaler Schacht-Zoom-Kameras
Jan Döring, HAMBURG WASSER, stellte abschließend die Einsatzmöglichkeiten digitaler Schacht-Zoom-Kameras für die betriebliche Zustandserfassung von Kanalnetzen vor. Das Verfahren ermöglicht es, ohne Einstieg in die Schächte den Zustand angeschlossener Haltungen zu beurteilen und dabei Ablagerungen, Fremdwasser, Verstopfungen, Rückstau oder sonstige Auffälligkeiten schnell zu erkennen. Döring erläuterte in seinem Vortrag „Optimierte Betriebsplanung mit dem Einsatz des elektronischen Kanalspiegels“, dass der elektronische Kanalspiegel insbesondere für kurzfristige Betriebsbewertungen eine kostengünstige und ressourcenschonende Alternative zur klassischen TV-Inspektion darstellen kann.
FAZIT
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Referentinnen und Referenten nicht nur zahlreiche Herausforderungen benannt, sondern zugleich praxisnahe und zukunftsorientierte Lösungsansätze für Ingenieurbüros, Dienstleister und Netzbetreiber aufgezeigt haben. Das 39. Lindauer Seminar findet am 11. und 12.03.2027 statt.
JT-elektronik GmbH
Robert-Bosch-Str. 26
88131 Lindau











Youtube