„Eine Lektion in unglaublichem Mut und Haltung erhalten“
Im Interview: Igor Sapozhko, Bürgermeister der Stadt Browary in der Ukraine, Dr. Florian Janik, ehemaliger Oberbürgermeister der Stadt Erlangen, und Dr. Thomas Nitzsche, Oberbürgermeister der Stadt Jena.
Seit 2022 verbindet eine Solidaritätspartnerschaft die Stadt Browary, rund zwölf Kilometer von Kiew entfernt, mit den deutschen Städten Erlangen in Mittelfranken und Jena in Thüringen. Wie kam es zu Ihrem Engagement und zum Aufbau der Partnerschaft?
Florian Janik: Der Auslöser für die Solidaritätspartnerschaft mit Browary war die russische Vollinvasion in die Ukraine im Februar 2022. Sie hat auch auf kommunaler Ebene deutlich
gemacht, wie wichtig internationale Solidarität und konkrete Unterstützung sind.
Was zeichnet die Dreieckspartnerschaft aus?
Thomas Nitzsche: Ihre doppelte Verwurzelung: Jena und Erlangen verbindet bereits seit 1987 eine der ersten Städtepartnerschaften zwischen einer west- und einer ostdeutschen Stadt – eine Beziehung, die sich insbesondere nach der Wende sehr dynamisch entwickelt hat, und die bis heute intensiv gelebt wird. Auf diesem gewachsenen Vertrauen konnten wir aufbauen, als wir gemeinsam beschlossen, Browary in der Ukraine beizustehen. Dieses Dreierbündnis funktioniert dabei nicht nur symbolisch: Wir bündeln Ressourcen, koordinieren Projekte gemeinsam und ergänzen uns inhaltlich – das macht uns effektiver, als es jede Stadt für sich allein wäre.

Wie ist die Partnerschaft in der Zivilgesellschaft und der lokalen Wirtschaft verankert?
Igor Sapozhko: Die Partnerschaft stützt sich nicht nur auf die Kommunen, sondern vor allem auf die Menschen. Die stärksten Brücken zwischen den Städten entstehen nicht durch Schriftstücke, sondern sie werden durch persönliche Begegnungen und Beziehungen gebaut. In die Zusammenarbeit eingebunden sind Bildungseinrichtungen, Sportvereine, Wohltätigkeitsstiftungen, Freiwilligen-Organisationen, kommunale Unternehmen und lokale
Wirtschaft.
Florian Janik: Die Bereitschaft zu helfen ist in Erlangen und Jena nach wie vor groß – sowohl bei Bürger*innen als auch in Vereinen und Initiativen. Gerade in den ersten Kriegsjahren haben Unternehmen durch großzügige Spenden – etwa zur Beschaffung von Generatoren – wichtige Unterstützung geleistet. Weitere Unternehmen haben Projekte wie Erholungsfreizeiten für Kinder ermöglicht. Es entstehen auch zunehmend fachliche Kooperationen, etwa im Bereich der Abwasserwirtschaft oder bei Energiefragen. Grundlage dafür sind immer die konkreten Bedarfe, die aus Browary gemeldet werden.

In welchem Bereich gelingt gegenseitiges Lernen besonders gut?
Thomas Nitzsche: In Browary leben rund 20.000 Binnen-Vertriebene. Das sind etwa zehnmal so viele Menschen, wie Jena Geflüchtete aus der Ukraine aufgenommen hat. Und Browary bereitet sich auf weitere Geflüchtete vor. Hierbei lernen auch wir: Wie organisiert eine Stadt unter Kriegsbedingungen die Grundversorgung, Integration und kommunale Resilienz? Diese Fragen beschäftigen uns als Kommunen in Deutschland, die zunehmend Krisen-Szenarien in ihre Planungen einbeziehen müssen. Außerdem gelingt der fachliche Austausch in den Bereichen ÖPNV, Stadtentwicklung, Zivilschutz und Gesundheitsversorgung besonders gut – auch wenn die Rahmenbedingungen grundverschieden sind.

Gab es ein persönliches Erlebnis, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Igor Sapozhko: Für mich war es die Teilnahme an der siebten Deutsch-Ukrainischen Kommunalen Partnerschaftskonferenz 2025 in Münster. Dort wurde mir bewusst: Unsere Stadt wird als gleichberechtigter Partner wahrgenommen, dessen Erfahrungen im Bereich der Resilienz für andere Kommunen von großem Wert sind. Es war ein Moment, der uns neues Vertrauen in die Zukunft unserer Stadt geschenkt hat.
Florian Janik: Ein besonders eindrücklicher Moment war die Zuschaltung des Bürgermeisters aus Browary in eine Sitzung des Erlanger Stadtrats. Mitten in dieser kommunalpolitischen Sitzung wurde plötzlich sehr konkret, was diese Partnerschaft bedeutet. Die direkten Worte aus einer Stadt im Krieg, die Dankbarkeit, aber auch die Entschlossenheit vor Ort – das hat viele im Raum tief bewegt.
Thomas Nitzsche: Im Mai 2025 hatte ich die Gelegenheit, trotz des Kriegszustandes eine kleine Delegation aus Jena in die Ukraine zu führen. Wir reisten dorthin, um Unterstützung zu zeigen, doch wir selbst haben eine Lektion in unglaublichem Mut und Haltung erhalten. Die Zerstörung zu sehen ist schwer. Aber Menschen zu erleben, die inmitten all dessen ihren Lebenswillen nicht verloren haben, das berührt zutiefst. Wir trafen auch auf einen unbeugsamen Willen zum Wiederaufbau. Die überwältigende Gastfreundschaft und die Würde, mit der unsere Partner*innen trotz allem in die Zukunft blicken, haben uns tief beeindruckt.

Visionär gedacht: Wo sehen Sie Ihre Stadt in zehn Jahren?
Igor Sapozhko: In zehn Jahren sehe ich Browary als eine moderne, energieunabhängige und inklusive europäische Stadt – mit einer modernisierten Infrastruktur, einer starken Wirtschaft und einer hohen Lebensqualität. Browary hat alle Voraussetzungen, um zu einem der erfolgreichsten kommunalen Vorzeige-Projekte der Ukraine zu werden. Auch unsere kommunale Partnerschaft wird sich weiterentwickeln: von einer Form der Krisenhilfe hin zu einem starken, innovativen Bündnis von Städten, das Vorbildcharakter für ganz Europa haben kann.
Interesse an einer Solidaritätspartnerschaft geweckt?
Förderung, Beratung, Begleitung und Vernetzung bietet die SKEW von Engagement Global im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Melden Sie sich telefonisch oder per Mail unter u.s. Kontaktdaten.
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