Gemeinsam und solidarisch
Eine kommunale Allianz ist gemeinsam stark – und für eine Kommune in Tunesien
Internationale Partnerschaften werden normalerweise zwischen Städten geschlossen. Die Baunach-Allianz besteht aus elf Kommunen und kommt zusammen auf gerade einmal 25.000 Bürger. Als Allianz engagieren sich die Bürgermeister für eine Kommune in Tunesien. Eine internationale Entwicklungszusammenarbeit, sagt Manfred Deinlein, Bürgermeister von Reckendorf, die sich für alle lohnt.
Seit 2018 gibt es die Baunach-Allianz, der Ihre Kommune und zehn weitere angehören. Was sind die Schwerpunkte der Arbeit?
Manfred Deinlein: Wir teilen unser Wissen und unsere Ressourcen vorrangig in den Bereichen Biodiversität, Nachhaltigkeit, Entwicklung des natürlichen Raumes und kooperieren in allen Bereichen des kommunalen Bauhofs. Entstanden ist die Idee aus dem Bewusstsein heraus, dass sich viele Dinge in der ländlichen Entwicklung nur gemeinsam voranbringen lassen. Schließlich sind unsere Landwirte und ihre genutzten Flächen auch nicht an eine Gemeinde gebunden. Allianzen wie die unsere gibt es mittlerweile viele. Das Ungewöhnliche ist nur, dass wir über Landkreisgrenzen und sogar über Regierungsbezirksgrenzen hinaus zusammenarbeiten, auch wenn das die Arbeit nicht immer einfach macht.
Ungewöhnlich ist, dass diese kommunale Allianz sich auch in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit engagiert. Was tun Sie mit und für wen?
Wir verfolgen den Ansatz, unsere Bevölkerungen für die Wichtigkeit der internationalen Zusammenarbeit zu sensibilisieren. Das Verständnis dafür wachsen zu lassen, dass es nur eine Welt gibt und dass wir nur in solidarischem Handeln gemeinsam Fortschritte für alle erzielen können. Derzeit versuchen wir in der tunesischen Gemeinde El Maamoura eine Photovoltaik-Anlage aufzubauen. Sehr schwierig.
Warum das?
Zunächst hat sich unsere Koordinatorin für dieses Projekt einen neuen Wirkungskreis gesucht. Sie können sich vorstellen, dass kleinere Kommunen wie die unseren mit nur sehr wenig Personal eine solche Zusammenarbeit nicht ohne professionelle organisatorische Hilfe stemmen können. Mittlerweile haben wir eine neue Koordinatorin eingestellt, aber dann kam der Regierungswechsel in Berlin. Die zugesagten Fördermittel wurden kurzerhand auf Eis gelegt. In unseren Kommunen ist halt nicht nur die Personaldecke dünn, wir haben auch nicht die Mittel, solche Projekte internationaler Zusammenarbeit alleine finanzieren zu können. So langsam wird uns das Tauziehen für das bereits beschlossene Projekt gegenüber unseren tunesischen Partnern schon ein wenig peinlich.

Formal werden Partnerschaften zwischen Städten und nicht mit regionalen Zusammenschlüssen gebildet. Was können Sie als Allianz tun, was die offizielle deutsche Partnerstadt nicht tun kann?
Offiziell ist die Gemeinde Ebern die Partnerstadt von El Maamoura. Als 2.000-Seelen-Ort, mehr Einwohner hat Reckendorf nicht, würde eine solche Zusammenarbeit uns überfordern. Die Baunach-Allianz kommt zusammen auf etwa 25.000 Einwohner. Mit diesem Rückhalt lässt sich schon eher ein Projekt wie dieses stemmen.
Treibt Sie und Ihre Kollegen in den Rathäusern auch das schlechte Gewissen? Immerhin sind die westlichen Industrienationen im Wesentlichen für den Klimawandel verantwortlich, während die Länder des Südens aktuell deutlich stärker unter den Auswirkungen leiden.
Das ist zwar richtig, aber nicht unser Antrieb. Mir persönlich wäre das ein zu vergangenheitsbezogener Ansatz. Als Kommunalpolitiker sehen wir unsere Aufgabe weniger in der Aufarbeitung fehlerhafter Kolonial- oder Nationalpolitik. Wir denken sehr praktisch, wollen gemeinsam in die Zukunft gehen und uns solidarisch verhalten, eben weil das in der Vergangenheit viel zu selten geschehen ist.
Wie ist die Baunach-Allianz mit der Gemeinde El Maamoura in Kontakt gekommen?
Vermittelt wurde uns der Kontakt von der Hans Seidel Stiftung, die die Kooperation mit den nordafrikanischen Staaten betreut. Wir hatten Angebote afrikanischer und südamerikanischer Kommunen und haben uns dann für die tunesische Gemeinde entschieden, weil uns beide ein ressourcensensibler Ansatz in der Zusammenarbeit wichtig ist. Die Gemeinde El Maamoura hatte damals gerade ihre Lagune in Eigenleistung der Bewohner von allem Plastikmüll befreit. Das fanden wir beeindruckend und genau auf unserer umweltpolitischen Linie. Und Nordafrika ist auch leichter zu erreichen als Mittel- oder Südamerika.

Warum machen Sie persönlich diese Arbeit – als Kommunalpolitiker und als Mensch?
Als Kommunalpolitiker und als Mensch bin ich davon überzeugt: Alles, was wir hier tun, hat Auswirkungen auf die Welt. Wir können als Individuen nicht überleben und diese Welt verträgt unsere individualistisch motivierten Handlungen nicht. Wir sind alle vernetzt und aufeinander angewiesen, ob wir wollen oder nicht. Vielleicht hat meine Betrachtungsweise auch mit meiner Erfahrung und Tätigkeit in einem kirchlichen Jugendverband zu tun, in der ich dafür sensibilisiert wurde, die Welt als Ganzes zu betrachten und über den Tellerrand zu sehen. Damals war ich in der Jugendarbeit aktiv und habe als Referent auch eine Reise auf die Philippinen organisiert. Das war ein großartiges, prägendes Erlebnis.
Welche Erfahrungen verdanken Sie diesem Engagement, die Sie in ihrem normalen politischen Umfeld so nicht hätten machen können?
Bei meinem ersten Besuch in Tunesien war Afrika für mich absolutes Neuland und vermittelte mir erste Eindrücke in einem arabisch-muslimischen Umfeld. Ich denke, es kann niemandem, ob Politiker oder nicht, schaden, sich aus der eigenen Seifenblase zu lösen und andere Lebenswelten bewusst zur Kenntnis zu nehmen.
Wie schwierig oder wie einfach war es, elf Bürgermeister und Bürgermeisterinnen für diese Arbeit zu begeistern?
Das war gar nicht so schwierig. Nach den Neuwahlen 2020 gab und gibt es schon ein, zwei Kollegen, die eine internationale Entwicklungszusammenarbeit jetzt nicht als ihren vorrangigen inneren Auftrag ansehen. Aber das muss auch nicht sein. Wir haben natürlich auch Verständnis dafür, dass manche Kolleginnen oder Kollegen andere Schwerpunkte setzen müssen, einfach weil die Kapazitäten sowohl wirtschaftlich wie personell begrenzt sind.
Und wie bringen sich die Bürger ein?
Ohne unsere Bürgerinnen und Bürger würde das gar nicht gehen. Eine solche Zusammenarbeit kann man nicht von oben verordnen. Die persönlichen Kontakte zwischen unseren Gemeinden und der tunesischen sind enorm wichtig, und unsere Koordinatorin leistet da auch hervorragende Arbeit. Wir wollen uns alle gemeinsam als solidarisch erweisen und das gelingt nur, wenn alle diesen Gedanken mittragen. Wie haben in Baunach und in Ebern zwei größere Nachhaltigkeitsgruppen und noch einige kleinere Initiativkreise. Dazu kommt ein Steuerungskreis mit sehr engagierten Leuten, die sich auch in die Flüchtlingsarbeit bei uns einbringen. Unser Engagement – auch das für die internationale Entwicklungszusammenarbeit – ist stark eingebettet in die Bevölkerung.
Ländlichen Regionen sagt man ja eher nach, dass sie wenig weltoffen und eher geschlossene Entitäten sind. Warum ist das bei Ihnen anders?
Das lässt sich sicherlich für einige ländliche Regionen, aber längst nicht für alle so feststellen. Wir sind hier in Reckendorf ja auch vom Land, aber unsere Bevölkerung ist traditionell schon sehr aufgeschlossen. Vielleicht liegt das daran, dass wir bis zum Beginn der Naziherrschaft einen guten Austausch mit unseren recht zahlreichen jüdischen Mitbürgerinnen und -bürgern hatten.

Sie selbst sind auch kein gebürtiger Reckendorfer…
Das stimmt. Ich bin vor 15 Jahren hierher gezogen und durfte schon nach vier Jahren Zugehörigkeit Bürgermeister werden.
Sie haben als Baunach-Allianz bei zwei großen Wettbewerben der Servicestelle Kommunen für die Eine Welt (SKEW) zwei Mal den Publikumspreis abgeräumt. Wie ist das gelungen?
Uns als kleine Kommunen fällt es einfach leicht, Bürgernähe herzustellen. Die Kontakte zu unseren Vereinen, Initiativgruppen – etwa zum Eine Welt Laden – sind sehr eng und sehr schnell hergestellt. Dazu trägt auch unser Info-Netzwerk via WhatsApp entscheidend bei. Wir haben insgesamt viel kürzere Wege als große Kommunen mit ihren großen Verwaltungsapparaten.
Nun werden viele kommunale Amtsträger sagen: Wir haben schon mit unseren Alltagsaufgaben genug zu tun. Welche Gründe sprechen für kommunales Engagement in der Entwicklungszusammenarbeit?
Auch wenn die finanziellen und personellen Ressourcen begrenzt sind: Ein Blick über den Tellerrand lohnt sich immer und Projekte, die uns zeigen, wie wichtig Solidarität mit anderen ist, werden noch mehr an Bedeutung gewinnen. Jedenfalls dann, wenn wir uns für eine gerechte und gute Entwicklung für alle Menschen auf diesem Planeten stark machen wollen. Zusammenarbeit mit dem globalen Süden ist heute keine Einbahnstraße mehr. Und wir können auch sehr viel von den Erfahrungen anderer Kulturen lernen.
Welche Projekte stehen in den kommenden Jahren auf der Agenda?
Jetzt müssen wir erst einmal die Fördergelder aus Berlin für die Photovoltaik-Anlage freibekommen. In der Vergangenheit haben wir mit El Maamoura schon einen sehr schönen Bücheraustausch für unsere Bibliotheken hinbekommen. Das war ein spannendes Projekt. Aktuell planen wir einen Handel mit tunesischen Gewürzmischungen, aber auch das gestaltet sich schwierig. Nicht spezifizierte Produkte mit den EU-Einfuhrbestimmungen in Einklang zu bringen – das ist wieder ein hartes Brett. Einfacher werden wahrscheinlich andere Projekte: ein Schüleraustausch, ein gemeinsames Fußballturnier und ein kulturelles Austauschprogramm. Meine Kommune wird in diesem Bereich in Zukunft noch mehr Verantwortung übernehmen und die Arbeit noch stärker in die Allianz integrieren.
Das Interview führte Annette Lübbers. [ al ]
Baunach-Allianz e.V.
Rittergasse 3
96106 Ebern
Telefon: +49 9531 629-0
Email: henneberger@baunach-allianz.de
Webseite: https://www.baunach-allianz.de











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