Glasfaser bis zur letzten Milchkanne
Ein Dorf im Landkreis Paderborn setzt Maßstäbe
Nicht ohne Grund wird Deutschland manchmal als digitale Wüste bezeichnet. Aber es gibt auch Oasen. Ein Dorf im Landkreis Paderborn hat vor wenigen Wochen sogar der Metropole Hongkong Digitalisierung vorgemacht. Ein Gespräch mit Ulrich Ahle, Ortsvorsteher des Dorfes Etteln, Gemeinde Borchen, Landkreis Paderborn.
Etteln wird mittlerweile in einem Atemzug mit Hongkong genannt. Was ist da passiert?
Wir haben uns als kleines Dorf mit knapp 2.000 Bewohnern an einem Smart City Contest beworben, organisiert von der IEEE, dem weltweiten Berufsverband von Ingenieuren, Technikern, Wissenschaftlern und angrenzender Berufe wie Elektrotechnik und Informationstechnologie. Wir konnten das leicht verstaubte Image Deutschlands in Sachen Digitalisierung mit dem ersten Platz – vor Hongkong – ein wenig aufpolieren.
Seitdem geben sich die Besucher bei Ihnen die Klinke in die Hand?
Nicht im wortwörtlichen Sinne, aber das Interesse an unserem kleinen Ort hat deutlich zugenommen.
Punkten konnte Etteln zum Beispiel mit einer digitalen Mitfahrbank. Wie funktioniert sie?
Normalerweise können Bürgerinnen und Bürger mithilfe einer Klappe oder einer Tafel anzeigen, wohin sie mitgenommen werden möchten. Wir haben über der Bank eine digitale Tastatur, auf der man den Zielort eingeben kann. Dieser erscheint dann gut sichtbar auf einer digitalen Anzeigetafel. Das Besondere: Der Zielort leuchtet gleichzeitig für 15 Minuten auf unserer Dorf-App auf und jeder Nutzer und jede Nutzerin, der oder die mit seinem Auto dasselbe Ziel hat, weiß sofort, dass er jemanden mitnehmen kann.

Womit wir beim nächsten Highlight wären: Ihre Dorf-App.
Etwa die Hälfte unserer Bürgerinnen und Bürger nutzen diese auch fleißig. Unser Problem: Als wir sie vor fünf Jahren eingeführt haben, gab es nur zwei Anbieter, einer in Deutschland und einer in der Schweiz. Mittlerweile gibt es in Salzkotten, wenige Kilometer von uns, ein neues Start-up namens „Heimat Digital“. Diese regionale Lösung nutzen schon 400 Dörfer. Das ist jetzt keine Besonderheit von Etteln.
In manchen ländlichen Regionen ist schnelles Internet noch kaum in Sichtweite. In Etteln gibt es Glasfaser bis zur „letzten Milchkanne“. Wie konnte das bei Ihnen gelingen?
Das ist sogar in nur sechs Monaten gelungen. 2018 wollte der damalige Bürgermeister von Borchen nicht mitmachen, als es darum ging, Fördermittel für den Glasfaserausbau im Kreis Paderborn einzuwerben. Die Förderquote betrug 90 Prozent, aber allein unser Dorf hätte einen Eigenanteil von 10 Prozent von 2,7 Millionen übernehmen müssen. Aber Glasfaser wollten wir dennoch. Also haben wir 30 Kilometer Glasfaser für 55 Haushalte und landwirtschaftliche Betriebe in Eigenregie verlegt.
Wahrscheinlich für einen weniger stolzen Preis.
Für sehr viel weniger. 100.000 Euro und 3.500 Stunden ehrenamtlicher Arbeit von Seiten unserer Bürgerinnen und Bürger. Dazu fünf Bagger aus privater Hand und jede Menge Frauen und Männer mit Hacken und Schaufeln. Für die sogenannte Buddelkasse haben wir zusätzlich 10.000 Euro Spenden eingeworben: für Versicherungen, Treibstoff, Bier und Fleischwurst. Das gehört für uns zum Schaffen dazu.
Wie haben Sie als Ortsvorsteher die Ettelner zum selbst Anpacken gebracht?
Das war gar nicht so schwer, weil es zum Charakter der Menschen hier gehört. Erklären kann man das mit einer schönen Anekdote: 1935 ging ein Ingenieur zum Bürgermeister und erklärte, dass die Ettelner Volksschule einsturzgefährdet sei. Als der Bürgermeister einige Tage später mit dem Landrat sprach, sagte dieser: Dann reißt sie doch einfach ab. Das war nicht wirklich ernst gemeint. Als der Landrat wenig später nach Etteln kam, war die Schule bereits niedergerissen und die Ettelner bauten im Ehrenamt die damals modernste Schule im Kreis – mit Schwimmbad im Keller. Darin habe ich als Kind noch schwimmen gelernt.

Etteln verfügt sogar über einen sogenannten digitalen Zwilling. Was muss man sich darunter vorstellen?
Das ist ein digitales 3-D-Modell unseres Dorfes. Es gibt sowohl ein Winter- als auch ein Sommer-Luftbild. Damit können wir Daten zu Grundwasserstand, Flusspegel, Bodenfeuchtigkeit oder Niederschlagsmenge verarbeiten und Hochwasser- und Starkregen-Simulationen erstellen. Ein wichtiges Instrument der Daseinsvorsorge, auch wenn uns die Ergebnisse nicht immer Freude machen.
Ein Beispiel?
Vor einiger Zeit haben wir ein neues Baugebiet ausweisen müssen. Einige Häuser standen beziehungsweise stehen auch bereits. Das war dringend notwendig, weil wir keine Verdichtungsflächen im Dorf mehr haben, wir von Landschaftsschutzgebieten umgeben sind und Etteln als Wohnort sehr beliebt geworden ist.
Eine Simulation mit dem Digitalen Zwilling hat dann aber ergeben, dass ein Starkregen von 90 Millimetern pro Stunde nicht nur unser neues Baugelände fluten würde, sondern dass mit dem Nicht-Abfließen des Wassers auch andere bebaute Gebiete gefährdet wären. Dieses Projekt werden wir aufgeben müssen, aber das ist immer noch besser, als später die Schäden zu beheben.
Warum ist es für das Dorf eine gute Investition, ein E-Lastenfahrrad und ein E-Auto den Bürgerinnen und Bürgern zur Verfügung zu stellen – und das kostenlos?
Weil so viele unserer Bewohner so ohne Probleme auf den im ländlichen Raum üblichen Zweitwagen verzichten können. 35 Prozent der Anschaffungskosten hat die Kommune ge-
tragen, 65 Prozent kamen aus der LEADER-Förderung. Die Fahrzeuge sind mit dem Internet verbunden und können per Smartphone geordert werden. 2.000 Mal wurden die Fahrzeuge bereits ausgeliehen. Die Betriebskosten werben wir schon seit fünf Jahren erfolgreich durch Spenden ein und grüner Strom ist ja normalerweise bei uns reichlich vorhanden.
Weil Ihr Dorf das 34-fache des Eigenbedarfs an Erneuerbaren Energien produziert.
Richtig. Der Strom kommt aus einem Mix aus Biogasanlage, Solar und Wind. Wenn nichts davon vorhanden ist, dann ist unser Stromspeicher, der ebenfalls in Etteln gebaut wurde, von der Kapazität ein bisschen zu klein. Solarpanels hat schon jedes dritte Haus auf dem Dach. Aber vorwiegend sind wir eine Region mit sehr viel Wind und etwa 400 Windrädern im Kreis Paderborn. Eines ist ganz besonders: Ein Rechenzentrum, integriert in einem Windrad, produziert den Strom, den es selbst verbraucht. Nachhaltiger kann man nicht planen.
Was steht für die nächsten Jahre in Sachen Digitalisierung noch auf dem Programm?
Wir sind noch lange nicht am Ende. Wir wollen ein System für einen dynamischen Strompreis entwickeln. Damit wir in Etteln E-Autos dann laden, wenn der Strom vorhanden und damit günstig ist. Weil unser Hausarzt keinen Nachfolger gefunden hat, planen wir eine digitale Praxis. Das Ziel sind 80 Prozent digitale Diagnosestellungen mithilfe von medizinischen Fachkräften, die nicht vor Ort sind. Außerdem sind wir beteiligt an einem Programm im Landkreis, das mit autonom fahrenden Fahrgastzellen den letzten Kilometer zwischen Zuhause und dem Öffentlichen Nahverkehr umweltfreundlich erschließen soll. Angedacht ist auch eine Art digitale, mobile Bühne für Kultur und Unterhaltung. An Ideen mangelt es uns nicht.
Warum gelingt in Etteln, was in anderen Kommunen und besonders auf Bundesebene nur so schleppend vorankommt?
Das hat sicherlich einige Gründe. Auf Bundes- und Landesebene sicherlich unter anderen Aspekten den Föderalismus, der einheitliche Standards ausbremst. So sind Strategien von Kommunen aus dem einen Bundesland für Kommunen in einem anderen Bundesland schon nicht mehr übertragbar. Vielleicht fehlt es auch an einer gesamtdeutschen Vision. Wenn Sie sich zum Beispiel den Digitalisierungsgrad in Tallin ansehen, dann sind die Esten uns auch deshalb um zehn Jahre voraus.
Und auf kommunaler Ebene?
Hilfreich bei uns ist sicherlich, dass ich als Ortsvorsteher selbst aus der IT-Branche komme und in Sachen Digitalisierung weltweit unterwegs bin. Im Kleinen geht immer dann etwas, wenn eine starke Gemeinschaft dahintersteht, die das, was im analogen Zeitalter geklappt hat, auch im digitalen gelingen lässt. Wenn Sie eine erhöhte Lebensqualität mit effizientem Ressourceneinsatz und sozialem Mehrwert multiplizieren – haben Sie in Sachen Digitalisierung auch die Bevölkerung mit im Boot.
Das Interview führte Annette Lübbers [ al ]

Weitere Informationen:
Ortsvorsteher Ulrich Ahle
[email protected]
www.borchen.de/de/gemeinde/gemeindeinfos/ortsteile/etteln.php
Etteln – Ortsteil der Gemeinde Borchen
Bürgerhaus – Kirchstraße 31
33178 Borchen-Etteln











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