Konstanz im Spiegel der Verkehrswende
Die Stadt am Bodensee zeigt sich als Leuchtturm für aktive Mobilität
Eine Stadt ganz im Süden Deutschlands hat die Klimapolitik besonders im Blick: Konstanz. Dort geht der Autoverkehr zurück, während der Radverkehr zunimmt. Die Stadt setzt erfolgreich auf ein Bündel von Maßnahmen, um den Anteil nachhaltiger Mobilität zu erhöhen und damit zur lokalen Klimaneutralität bis 2035 beizutragen. Die Stadt am Bodensee wird deshalb oft als Vorreiter für die Verkehrswende in Baden-Württemberg angesehen.
Eine große Hilfe dabei ist der Klimamobilitätsplan 2035, der hinter allen Maßnahmen steht und Fördermöglichkeiten bietet, die bis zu 75 Prozent betragen können. „Das Bündel der Maßnahmen zählt – es ist alles wichtig“, weist Stephan Fischer auf das integrierte Gesamtverkehrskonzept hin. Der Abteilungsleiter Mobilität und Leiter der strategischen Verkehrsplanung bei der Stadtverwaltung Konstanz ist der zentrale Kopf für die Verkehrswende und seit acht Jahren diesbezüglich engagiert. „Unsere Strategie ist umfassend und zielt auf ein Zusammenwirken der verschiedenen Mobilitätsangebote hin.“
Ein wesentliches Maßnahmenfeld ist die Verbesserung des öffentlichen Verkehrs, der aber finanziert werden muss. Allerdings zeichnet auch der Haushalt von Konstanz ein kritisches Bild, wie es die Bertelsmann-Studie „Kommunaler Finanzreport“ 2025 bereits allgemein signalisiert. Demnach verzeichneten die Kommunen 2024 das größte Defizit in der Geschichte der Bundesrepublik. Die weiterhin mangelnde Unterstützung von Land und Bund erfordert Kürzungen, obwohl viele Städte gerne die Klimamaßnahmen vorantreiben möchten. „Sogar für den Eigenanteil für geförderte Maßnahmen reicht es oft nicht mehr“, sagt Fischer.
Der Stadtbusverkehr in Konstanz umfasst drei Millionen Fahrplankilometer auf 15 Linien beziehungsweise 231 Kilometern Liniennetz, hinzu kommen regionale Linien, die finanziell unterstützt werden. Bis Ravensburg und St. Gallen in der Schweiz reichen die Verbindungen und sie helfen ein wenig, die schlechte Erreichbarkeit von Konstanz durch Fernstreckenstillegungen bei der Deutschen Bahn aufzufangen. Zur Verbesserung der Erreichbarkeit hilft auch der Fernbusbahnhof mit Stellplätzen für Reisebusse. „Mobilitätssäulen“ an zentralen Orten bieten gebündelt Informationen zu nachhaltigen Angeboten wie öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV), Carsharing und Leihräder, um auch Gäste für umweltschonende Mobilität zu gewinnen.

Bessere Infrastruktur für den ÖPNV und die E-Mobilität
Der ÖPNV ist in Konstanz durch einen Viertelstundentakt auch für die Bevölkerung im zwölf Kilometer entfernten Stadtteil Wallhausen attraktiv. Neue Haltestellen und kostenfreier Shuttlebus erleichtern den Umstieg in Kombination mit Park+Ride-Angeboten. „Mit den unterschiedlichen Mobilitätsangeboten wollen wir auch die Verkehrsgerechtigkeit verbessern“, betont Fischer. Konstanz hat sich das Ziel gesetzt, „eine lebenswerte Stadt“ zu sein. Hierzu gehört auch die Umgestaltung des öffentlichen Raums zugunsten nachhaltiger Mobilität.
Der Klimamobilitätsplan hat alle Verkehrsmittel im Blick. Das private Auto spielt weiter eine Rolle, die jedoch zurückgefahren wird. Bis 2035 soll der Autobesitz auf die Hälfte der Haushalte sinken, dennoch soll jeder über ein Auto verfügen können, wenn er eines benötigt. Dazu kann die Ausweitung von Carsharing von jetzt 60 auf künftig 900 Fahrzeuge einen Beitrag leisten. „Damit wollen wir die Verkehrswende schaffen“, erläutert Fischer.
Die Attraktivität für Elektromobilität soll künftig linksrheinisch verbessert werden, indem die Infrastruktur in der sogenannten Elektromobilitätszone ausgebaut wird. Zahlreiche Ladepunkte sind bereits im öffentlichen Straßenraum und in Parkhäusern entstanden. Mithin ist es selbstverständlich, dass die Fuhrparks der Stadtverwaltung auf E-Mobilität setzen: „Bereits die Hälfte der Busse fährt elek-
trisch“, sagt Fischer.
Selbst vor dem Bau eines großen Parkhauses hat die Stadt nicht zurückgeschreckt. Das „Vorzeigeprojekt“, wie Fischer sagt, ersetzt 500 andere Parkplätze. Denn die zur Verfügung stehende Fläche der Stadt ist durch den Bodensee, Naturschutzgebiete und die Schweizer Landesgrenze stark eingeschränkt. Gleichzeitig ist die Stadt eine große Touristenattraktion. „An Samstagen beispielsweise reichen die 2000 Stellplätze in der Innenstadt ab den Mittagsstunden nicht aus, so dass Parksuchverkehr die Stadt belastet“, schildert Fischer die Lage. Heute helfen Verkehrskadetten, den Verkehr zu lenken, künftig hilft das dynamische Verkehrsleitsystem, das bereits in der Schweiz beginnt, und die Grüne Welle für den ÖPNV.

„Aktive Mobilität“
Mit dem fahrradfreundlichen Umbau des öffentlichen Raums, zum Beispiel durch eine mehr als zwei Kilometer lange Fahrradstraße vom Stadtteil Paradies bis nach
Petershausen, hat die Stadt die Bedingungen für den Radverkehr verbessert. Sie testet dabei auch neue Lösungen. Zum Beispiel soll eine von Radfahrenden im Alltag stark genutzte zwischengemeindliche Straße ohne Radwege als Fahrradstraße ausgewiesen werden, die Erkenntnisse sollen landesweit als Beispiel dienen.
Seit dem Bau einer Radbrücke vor vier Jahrzehnten – auf Initiative des damaligen Bürgermeisters – ist es gelungen, den Radverkehr stetig voranzubringen. Etwa 30.000 Radfahrer auf den drei Brücken – auf der Fahrradstraße bis zu 17.000 am Tag – lassen die Kapazitäten für Radler an ihre Grenzen stoßen. Der Radverkehr ist seit zehn Jahren zum „Leitverkehr“ erkoren, und er bekommt auch besondere Aufmerksamkeit im Rathaus, denn ein Mitarbeiter der Abteilung Mobilität kümmert sich ausschließlich um diese Angelegenheiten. Eine weitere Person kümmert sich ausschließlich darum, dass auch Fußverkehr überall sicher und komfortabel unterwegs sein kann.
Flächendeckend bietet Konstanz nicht nur 150 Fahrräder zum Mieten an, sondern auch 70 Lastenräder sowie ausreichend Abstellanlagen für die Zweiräder. Für die Vermietung sind die Stadtwerke zuständig. Zusätzliche Abstellanlagen an Bushaltestellen, die als Mobilpunkt gelten, sorgen für eine gute Verknüpfung mit dem öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV).
Folglich nutzt die Konstanzer Bevölkerung für ihre Wege nur noch zu 22,5 Prozent das Auto und ist ansonsten zu Fuß, mit dem Rad oder öffentlichen Verkehr unterwegs. Gemäß Klimamobilitätsplan sind rechnerisch 83,9 Prozent Reduktion an CO2 bis 2035 möglich, „aber 64 Prozent sind nur durch Vorgaben übergeordneter Ebenen beeinflussbar“, erläutert Fischer. Sie sind zwar erforderlich, um das Ziel zu erreichen, aber die Stadt selbst hat lediglich auf 20 Prozent Einfluss. Im Fokus von Bund und Land muss künftig die Förderung des ÖPNV stehen, die Stadt Konstanz wird sich weiterhin um Rad- und Fußverkehr kümmern sowie um die Umgestaltung des öffentlichen Raums und die anderen Maßnahmen der Mobilitätsstrategie. [ dlu ]

Weitere Informationen unter:
Amt für Stadtplanung und Umwelt
Untere Laube 24, 78462 Konstanz
Stephan Fischer, Leiter Abteilung Mobilität
Tel. +49 7531 900-2859
mobilitaet@konstanz.de
Konstanz hat den Verkehrsplanungspreis 2024 erhalten.
Ein Video von der Konstanzer Mobilitätsstrategie findet man unter:
www.youtube.com/watch?v=ymr1O528qTM&feature=youtu.be


Stadt Konstanz / Rathaus
Kanzleistraße 15
78459 Konstanz











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