Miteinander spielen – Nürnberger Leitlinien für Qualität und Inklusion
Stadt geht bei der Planung von Spielplätzen, Spielhöfen und Aktionsflächen voran / Leitlinien gelten bundesweit als vorbildlich
Mehr als 300 Spielplätze laden in Nürnberg Kinder zum Spielen ein. Im Rahmen der kommunalen Spielleitplanung hat Nürnberg alle Spielflächen bewertet sowie verbindliche Kriterien für künftige Planungen entwickelt. Die fränkische Stadt folgt damit der UN-Kinderrechtskonvention mit dem Recht auf Spiel sowie dem Sozialgesetzbuch. Als „Interessenvertreter der Kinder“ gehen Michaela Hillebrand vom Jugendamt und Sebastian Ertel als Landschaftsarchitekt im Servicebetrieb Öffentlicher Raum der Stadt Nürnberg mit großem Einsatz an die Umsetzung der großen Aufgabe.
Wenn Hillebrand und Ertel vorab gewusst hätten, auf welches Abenteuer sie sich mit der Entwicklung der Nürnberger Leitlinien einlassen, dann hätten sie vielleicht gezögert.
Der Austausch von Entscheidern ist unerlässlich
Nachdem das Engagement ins Rollen kam, ist es ihnen ein Anliegen, die Erkenntnisse auch mit anderen Kommunen und Planern zu teilen. Sie verstehen sich als Multiplikatoren: Die Nürnberger Leitlinien für Qualität und Inklusion auf Spielplätzen, Spielhöfen und Aktionsflächen stehen zum Download bereit. Es gibt kostenfreie Online-Seminare, Broschüren mit Praxisbeispielen und eine gemeinsame E-Mail-Adresse beider kommunaler Dienststellen, um fachliche Fragen zu antworten.
Diese Spielleitplanung ermöglicht seit 2022 verbindliche Regelungen und überprüfbare Zielwerte für Qualität und Inklusion auf Spielflächen. Das ist deutschlandweit einzigartig. Federführend in Nürnberg sind das Amt für Kinder, Jugendliche und Familien (Jugendamt) sowie der Servicebetrieb Öffentlicher Raum Nürnberg (SÖR), der unter anderem für Planung, Bau und Unterhalt von Spielflächen zuständig ist. Dadurch sind zwei Professionen eingebunden, die sich gegenseitig ergänzen.
„Wir müssen immer miteinander reden“, erklärt Hillebrand, „denn die Wünsche, die im Rahmen der Kinderbeteiligung von den Kindern und Jugendlichen kommen, müssen in eine bauliche Struktur und Planung transformiert werden.“ Und Ertel ergänzt: „In der wissenschaftlichen Literatur dominiert die Pädagogik, während aus baulicher Sicht wenig zu finden ist. Beide betonen, diese Zusammenarbeit als Gewinn zu empfinden.
„Als Grundlage unserer Arbeit dient die Inklusionsmatrix der DIN 18034“, erläutert die Sozialpädagogin Hillebrand. Denn viele Spielgeräte sind zwar an sich bereits inklusiv, aber manche Kinder können diese aufgrund von Einschränkungen nicht erreichen. „Seit fünf Jahren bearbeiten wir diesen Themenbereich“, erklärt Landschaftsarchitekt Ertel.
Selbst aus Corona kann etwas Positives entstehen: Als während der Pandemie die Spielplätze vorübergehend geschlossen worden sind, hatten beide die Aufgabe, diese aus pädagogischer und auch aus baulicher Sicht zu prüfen und zu bewerten. So machten sie sich auf den Weg: „Sieben bis zehn Spielplätze haben wir pro Tag geschafft“, erzählt Hillebrand von der erschöpfenden „Tour de Nürnberg“.
Um die Bewertung zu objektivieren, entstand eine Matrix an Qualitätskriterien. „Wir werten den Spielwert, um das Ergebnis vergleichbar zu machen“, sagt Ertel. Auch die Planungsnorm für Spielflächen nach DIN 18034 wurde zur Hilfe herangezogen. Dann war schließlich der Schritt nicht mehr weit, im Normenausschuss selbst Mitglied zu werden und an der Ausgestaltung dieser Norm mitzuarbeiten.
Nürnberg setzt gemäß der DIN 18034 auf das Zwei-Wege- und Zwei-Sinne-Prinzip. Das Leitsystem gibt vor, dass sich alle mindestens über zwei deutlich wahrnehmbare Sinne – wie Sehen, Hören, Tasten – durchgängig orientieren können.

Inklusion wird bei Spielflächen von vorne herein eingeplant
Die Nürnberger Leitlinien wurden seit 2022 um einen einführenden Erläuterungsteil zur Spielflächenplanung ergänzt, sie bieten jetzt auch Praxisbeispiele sowie Anforderungen verschiedener Gruppen und des Spielflächenunterhalts. Nürnberg setzt auf die Planung inklusiver Spielflächen – sie sollen Erlebnis- und Begegnungsort für alle Kinder, Jugendlichen und Familien sein. Als Kerngedanke wurde formuliert: Spielplätze bieten für alle etwas im Rahmen der individuellen Fähigkeiten und nicht alles für alle. Herausforderungen, die sich steigern, machen die Flächen für unterschiedliche Fähigkeiten attraktiv. Ein Schlüssel liegt im Augenmerk auf Qualität und auf der konsequenten Partizipation bei Entwicklung und Umsetzung.
Inklusion ist teuer: Das ist ein weit verbreitetes Vorurteil, auf das die Nürnberger Spielplatzexperten häufig stoßen. „Das ist Quatsch!“ formuliert Ertel es sehr direkt. „Inklusion muss in die Fläche“, sagt er. Die Matrix ist hierfür als Stufenmodell entwickelt: „Stufe 1 kann kostenneutral umgesetzt werden. Das hat sogar unseren Kämmerer überzeugt, und die zuständigen Ausschüsse haben das Konzept verbindlich beschlossen.“ Folglich muss jetzt bei allen Neuplanungen eines Spielplatzes in Nürnberg Stufe 1 der Inklusion umgesetzt werden. Für die Qualität muss Note 3 erfüllt sein.
Menschen mit einer Behinderung haben es beispielsweise schwer, mit dem Rollstuhl zu einem Spielgerät zu gelangen. „Da hilft es nicht, dass das Spielgerät inklusiv ist – wenn das Kind gar nicht erst dorthin gelangen kann“, erzählt Hillebrand. Gleichzeitig kämpft sie gegen Vorurteile – beispielsweise, dass Holzhäckselflächen nicht berollbar seien. „Wir haben sie in einer Qualität gefunden, die auch das Berollen ermöglicht“, sagt sie.

Höhere Anforderungen an Spielplätze
Spielplatz, das war „früher ein möblierter Raum für Kinder“, so Ertel. Das Thema Spielen an sich wurde an die Hersteller von Spielgeräten ausgelagert. Heute braucht ein Spielplatz einen stärkeren Aufforderungscharakter und muss verschiedene Bewegungsdefizite kompensieren beziehungsweise zur Bewegung animieren. „Der Landschaftsarchitekt ist gefordert, in Leitsystemen zu denken und das Spielen über die komplette Anlage zu betrachten.“ Was hat sich im Lauf der Zeit beim Thema Spielplatz verändert? „Die Planung: weg von reinen Ausstattungselementen, hin zu vielfältigen Spiellandschaften“, schildert Ertel den heutigen Zustand. „Früher wurden Flächen möbliert mit einzelnen Inseln von Spielgeräten. Heute entwickelt man vernetzte Spielflächen mit sich steigernden Herausforderungen zum Fördern und Fordern aller Kinder im Rahmen ihrer Fähigkeiten.“
Interessierte Planer in den Kommunen finden die Nürnberger Leitlinien zum Download und Hinweise auf Termine der Seminare bei unserem Online-Artikel. [ dlu ]

Weitere Informationen:
Michaela Hillebrand, Diplom-Sozialpädagogin (FH)
Tel.: +49 911 231-20333, michaela.hillebrand@stadt.nuernberg.de
www.jugendamt.nuernberg.de/spielflaechen.html
Servicebetrieb Öffentlicher Raum Nürnberg
Planung und Bau Grün / SÖR/1-G/2 (Eigenbetrieb der Stadt Nürnberg)
Sulzbacher Straße 2-6, 90489 Nürnberg
Sebastian Ertel, Landschaftsarchitekt ByAK
Tel.: 0911 231-10449, sebastian.ertel@stadt.nuernberg.de
Servicebetrieb Öffentlicher Raum: www.soer.nuernberg.de
Stadt Nürnberg - Jugendamt
Dietzstraße 4
90443 Nürnberg











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