Neuer Wohnraum in alten Gemäuern
Wie Heidelberg aus US-Stützpunkten zukunftsfähige Quartiere schafft
Heidelberg hat vieles zu bieten: eine schöne Altstadt, ein attraktives Umland und viel Lebensqualität. Alles Gründe, warum Heidelberg auch ein Wohnraumproblem hat. Aber die Stadt hat Lösungen und die könnten 2025 preisgekrönt werden.
Von 1945 bis 2014 war die Stadt am Neckar eine der wichtigsten Dienststellen der US-Armee in Europa. Vor 11 Jahren zogen die Verbündeten ab und hinterließen 200 Hektar Gelände. Was also tun mit Kasernen, alten Wohngebäuden, Stallungen und Übungsplätzen? Professor Dr. Eckart Würzner, Oberbürgermeister der Stadt Heidelberg, beschreibt die damalige Lage so: „In jeder Krise steckt eine Chance – diese Weisheit hat sich im Falle des US-Truppenabzugs bewahrheitet. Als die Nachricht kam, dass die Army Heidelberg verlässt, standen sorgenvolle Fragen im Raum. Doch schnell wurde klar: Wir erhalten hier eine Jahrhundertchance!“ Und die hat man in Heidelberg bestens genutzt. Für die Entwicklung innovativer, ökologisch ausgerichteter neuer Quartiere mit einem großen Anteil an sozialem Wohnraum. Insgesamt geht es um fünf Konversionsflächen: das Mark-TwainVillage und die Campbell Barracks, das Patrick-Henry-Village, der Sonderlandeplatz, das Kasernengelände Patton Barracks sowie das Gelände des Militär-Krankenhauses.

und Leiter des Baudezernats der Stadt
Heidelberg Bild: Steffen Diemer
Das Gelände des Mark-TwainVillage und der Campbell Barracks erweitern nun die Heidelberger Südstadt um mehr als 40 Hektar. Etwa 1.500 neue Wohnungen sind entstanden, inklusive gemeinschaftlich organisierter Wohnprojekte. Mitgeplant sind Krippen- und Kitaplätze, Bürgerzentrum und Kulturangebote. Im Mai 2022 wurde nach zwei Jahren planen, umgestalten, säen und pflanzen „DER ANDERE PARK“ in der Südstadt eröffnet. Herausgekommen ist ein „einzigartiges Freiraumprojekt“ auf einem Teil des ehemaligen US-Militärstützpunktes. Eine der Besonderheiten: Die ehemalige militärische Nutzung – zuerst Kaserne in der Zeit des Nationalsozialismus, dann NATO-Hauptquartier und Kaserne der US-Streitkräfte – wurde nicht „verbaut“, sondern als Ort des Erinnerns in die Gestaltung miteingebunden.
Zusätzlich hat das soziale Dienstleistungsunternehmen der Stadt Heidelberg in der Südstadt ein „Ausbildungshaus“ in einem ehemaligen Wohn- und Bürohaus für US-amerikanische Militärs und ihre Angehörigen eingerichtet. 66 junge Menschen in Ausbildung finden hier günstigen Wohnraum. „Seit 2016 haben 250 Auszubildende hier gewohnt, die Wohndauer liegt zwischen einem Monat und vier Jahren“, erläutert Sara Mühl, Projektleiterin der Heidelberger Dienste gGmbH. Und fügt an: „Immer mehr Städte fragen nach unserem Modell.“

16. Stadtteil von Heidelberg: ein Projekt mit Vorbildcharakter
Das Patrick-Henry-Village, kurz PHV, die ehemalige Wohnsiedlung für Militärangehörige, hat die größte aller Konversionsflächen und wird zum 16. Stadtteil Heidelbergs. Hier entsteht eine „Wissensstadt von Morgen“ mit Wohnraum für 10.000 Menschen und bis zu 5.000 Arbeitsplätzen. Etwa 75 Prozent des neuen Quartiers sind – Stand Anfang des Jahres – bereits fertiggestellt. Geplant wurde das Viertel von Anfang an autoarm und ohne jeden Autostellplatz. Zwar ist das Quartier befahrbar, aber die Autos parken in Quartiersgaragen. Im Fokus der Mobilität: der öffentliche Nahverkehr, das Fahrrad sowie Carsharing, Leih- und Lastenräder. Neben günstigem Wohnraum, und einer modernen Mobilität stehen auch zukunftsfähige ökologische Standards im Fokus des Gesamtkonzeptes. Jürgen Odszuck, erster Bürgermeister und Leiter des Baudezernats der Stadt Heidelberg, unterstreicht: „In diesem neuen Stadtteil gehen wir ganz neue Wege und wollen damit Vorbildcharakter für den Städtebau des 21. Jahrhundert haben. Die geplanten Wasserkreisläufe sind nachhaltig und erfüllen die Maßgaben einer Schwammstadt. Außerdem nutzen wir das Konzept des Urban Mining. Gebäude, die wir nicht umnutzen können, dienen als Rohstofflager für neue Gebäude oder für den Straßenbau.“ Manches in den Konversionsflächen darf ohnehin nicht abgerissen werden, weil die Gebäude unter Denkmalschutz stehen.
Die grüne Lunge direkt vor der Haustür
Zum Konzept für das Patrick-Henry-Village gehören auch sogenannte grüne Finger. Damit gemeint sind etwa 50 Meter breite Grünstreifen, die eine Art natürliche Wildnis im Quartier schaffen sollen. „Die grünen Finger sind Gebiete, in denen die Bewohnerinnen und Bewohner die Natur unmittelbar erleben können“, sagt Carla Jung-König, seit 2018 Projektleiterin für das Quartier bei der Internationalen Bauausstellung (IBA) Heidelberg. „Gleichzeitig erfüllen sie mehrere Funktionen für unterschiedliche Bedürfnisse: Sie sind Rückzugs- und Erholungszonen, Begegnungs- und Lernräume sowie Spielflächen mit Wasser und Grün. Als Frischluftschneisen sorgen sie für ein gutes Stadtklima und als Biotope für Artenvielfalt und Naturschutz.“
Über die Nutzung des Sonderlandeplatzes ist noch nicht entschieden. Auf dem Gelände der Patton Barracks entsteht der „Heidelberg Innovation Park“ – eine Gewerbefläche für Unternehmen, die sich mit Zukunftstechnologien befassen. Angestrebt ist ein „Modellort für den Einsatz digitaler Technologien, innovativer Mobilitätskonzepte sowie klimaneutraler Energieversorgung“. Rund um das ehemalige Hospital wird ein neues Quartier mit etwa 600 Wohneinheiten innerhalb einer Parkanlage errichtet. Die Kommune unterstreicht: „Bei 40 Prozent dieses Wohnraums soll auch hier der Grundsatz gelten, dass die Mieterinnen und Mieter nur 30 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für die Warmmiete bezahlen müssen. Rund 10 Prozent des Wohnraums sollen zudem um 10 Prozent unter Marktwert als Eigentumswohnungen veräußert werden.“
Mit dem gesamten Konversionsprojekt ist Heidelberg unter mehr als 80 Bewerbern für den Deutschen Städtebaupreis 2025 nominiert worden. [ al ]

Weitere Informationen zu den Projekten:
www.heidelberg.de/150139.html
www.heidelberg.de/site/HD_Microsite/get/params_E
336641137/2201405/20_pdf_broschuere_10_jahre_konversion_by_HD.pdf
Stadt Heidelberg
Marktplatz 10
69117 Heidelberg











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