Reisen als Standortfaktor
Nationale Tourismusstrategie: Der Erfolg entscheidet sich in Städten und Gemeinden / Infrastruktur als Schlüssel
Die Nationale Tourismusstrategie der Bundesregierung soll den Tourismusstandort Deutschland wettbewerbsfähiger, digitaler und nachhaltig machen. Ob aus den politischen Zielen konkrete Verbesserungen entstehen, entscheidet sich vor allem vor Ort. Städte und Gemeinden stehen vor der Aufgabe, touristische Infrastruktur zu erhalten und auszubauen – häufig unter schwierigen finanziellen Rahmenbedingungen. Genau dort sieht der Deutsche Tourismusverband (DTV) den entscheidenden Hebel.
Die Bundesregierung hat mit der Nationalen Tourismusstrategie einen langfristigen Rahmen für die Entwicklung des Deutschlandtourismus geschaffen. Im Mittelpunkt stehen eine bessere Erreichbarkeit von Reisezielen, weniger Bürokratie, Digitalisierung, Nachhaltigkeit sowie die Sicherung von Fachkräften. Die Strategie versteht Tourismus ausdrücklich als Wirtschafts- und Standortfaktor und bindet ihn stärker in Infrastruktur-, Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik ein.
Kommunen im Fokus
Für Kommunen ergeben sich daraus Chancen – gleichzeitig aber auch erhebliche Herausforderungen. Denn attraktive Reiseziele entstehen nicht allein durch Marketing oder neue Angebote. Entscheidend sind funktionierende Rad- und Wanderwege, moderne Besucherzentren, gepflegte Promenaden, barrierefreie Einrichtungen und digitale Informationssysteme. Von diesen Investitionen profitieren Gäste ebenso wie die Bevölkerung vor Ort.

Finanzierungsdruck wächst
Gerade hier wächst jedoch der Druck. Viele Städte und Gemeinden verfügen nur über sehr begrenzte finanzielle Spielräume. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Infrastruktur, Mobilität und Aufenthaltsqualität. Ohne langfristig gesicherte Finanzierung droht die Umsetzung der politischen Ziele hinter den Erwartungen zurückzubleiben. Darauf weist der Deutsche Tourismusverband (DTV) anlässlich der Beratungen zur Nationalen Tourismusstrategie im Bundestag hin.
DTV-Präsident Reinhard Meyer begrüßt zwar die strategische Ausrichtung der Bundesregierung, sieht den Erfolg jedoch an eine zentrale Voraussetzung geknüpft:
„Mit der Nationalen Tourismusstrategie setzt die Bundesregierung wichtige Impulse für die Zukunft des Deutschlandtourismus.“ Jetzt komme es darauf an, die formulierten Ziele „mit den notwendigen finanziellen und strukturellen Voraussetzungen zu hinterlegen“.
Reinhard Meyer, DTV-Präsident
Aus Sicht des Verbandes reicht eine politische Strategie deshalb nicht aus. Entscheidend sei, dass Bund und Länder den Kommunen dauerhaft verlässliche Finanzierungsinstrumente zur Verfügung stellen. Der DTV begrüßt in diesem Zusammenhang die geplante Studie zur Tourismusfinanzierung, die bestehende Finanzierungsmodelle analysieren und Perspektiven für eine langfristige Finanzierung touristischer Aufgaben entwickeln soll. Die Untersuchung kann eine wichtige Grundlage schaffen, um Investitionen künftig planbarer zu machen und Kommunen mehr Handlungssicherheit zu geben.

Wirtschaftliche Impulse für Regionen
Ein weiteres zentrales Instrument bleibt nach Einschätzung des Verbandes die Gemeinschaftsaufgabe »Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur« (GRW). Sie unterstützt insbesondere strukturschwächere Regionen beim Ausbau touristischer Infrastruktur und stärkt gleichzeitig regionale Wertschöpfung sowie Beschäftigung. Investitionen in touristische Einrichtungen wirken häufig weit über den Tourismus hinaus: Bauwirtschaft, Handwerk, Einzelhandel und Gastronomie profitieren ebenso wie kommunale Dienstleister.
Wie groß der wirtschaftliche Hebel öffentlicher Tourismusförderung ist, verdeutlicht aus Sicht des DTV die GRW. Das Förderinstrument unterstützt Investitionen in touristische Infrastruktur und trägt zugleich zur wirtschaftlichen Entwicklung ländlicher und strukturschwacher Regionen bei. Für viele Kommunen ist die GRW deshalb mehr als ein klassisches Tourismusprogramm – sie schafft Voraussetzungen für Beschäftigung, regionale Wertschöpfung und private Folgeinvestitionen.
DTV-Präsident Meyer verweist auf diesen breiten Nutzen: Die GRW sei »weit mehr als ein Tourismusförderprogramm«. Investitionen in touristische Infrastruktur setzten Impulse für Gastgewerbe, Einzelhandel, Handwerk und zahlreiche weitere Wirtschaftszweige. Aus Sicht des Verbandes sollte das Instrument deshalb stärker ausgestattet werden.

Planungssicherheit erforderlich
Für die Kommunen geht es nicht nur um zusätzliche Fördermittel, sondern um Planungssicherheit. Touristische Infrastruktur entsteht über Jahre hinweg und verursacht dauerhaft Betriebs- und Instandhaltungskosten. Finanzschwache Städte und Gemeinden benötigen verlässliche Finanzierungsmodelle, wenn sie den steigenden Anforderungen an Mobilität, Digitalisierung, Barrierefreiheit oder Klimaanpassung gerecht werden wollen. Die Nationale Tourismusstrategie liefert dafür den politischen Rahmen – sie ersetzt jedoch keine langfristige Investitionsstrategie.
Hinzu kommt, dass die Strategie zahlreiche kommunale Aufgaben unmittelbar berührt. Verbesserte Verkehrsangebote, digitale Besucherinformationen, nachhaltige Mobilitätskonzepte oder eine stärkere Besucherlenkung liegen überwiegend in der Verantwortung der Städte und Gemeinden. Ob diese Maßnahmen umgesetzt werden können, hängt deshalb wesentlich von der finanziellen Leistungsfähigkeit der Kommunen und den verfügbaren Förderprogrammen ab.
Auch der angekündigte Bürokratieabbau wird sich erst in der Praxis bewähren müssen. Schnellere Genehmigungs- und Planungsverfahren könnten Investitionen beschleunigen und Kommunen entlasten. Gleichzeitig bleibt abzuwarten, wie die Ziele der Strategie in konkrete Programme, Zuständigkeiten und messbare Ergebnisse übersetzt werden. Die Strategie formuliert ambitionierte Handlungsfelder – von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz über Fachkräftesicherung bis hin zu Nachhaltigkeit und Resilienz – benennt bislang jedoch nur begrenzt überprüfbare Zielgrößen.
Ein Signal für die Kommunen
Für Kommunen ist die Nationale Tourismusstrategie deshalb vor allem als Signal zu verstehen: Der Bund erkennt Tourismus stärker als Wirtschafts- und Standortfaktor an. Daraus entstehen neue Möglichkeiten, Infrastrukturmaßnahmen politisch zu begründen und Fördermittel einzuwerben. Entscheidend wird jedoch sein, ob aus den strategischen Zielen dauerhaft finanzierte Programme werden.
Die eigentliche Bewährungsprobe hat mit dem Beschluss der Strategie begonnen. Ob Deutschland als Tourismusstandort an Wettbewerbsfähigkeit gewinnt, entscheidet sich nicht allein in Berlin, sondern in den Regionen.
Dort müssen Kommunen Radwege modernisieren, touristische Einrichtungen erhalten, digitale Angebote ausbauen und Mobilitätskonzepte umsetzen. Ohne ausreichende Investitionen bleiben viele Ziele der Strategie politische Absichtserklärungen. Mit einer verlässlichen Finanzierung könnten sie dagegen zum Impuls für eine nachhaltige Modernisierung des Tourismusstandorts Deutschland werden.
[ dlu ]
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