Sicherheitsgefühl im öffentlichen Raum
Baden-Württemberg gilt als Vorreiter: Kommunen setzen auf systematische Analyse und Prävention
Die Stärkung des Sicherheitsgefühls in Städten und Gemeinden bleibt eine zentrale Herausforderung kommunaler Präventionsarbeit. Während in größeren Städten vor allem Konflikte im öffentlichen Raum, Sucht- und Drogenkonsum sowie das subjektive Sicherheitsgefühl der Bürger im Mittelpunkt stehen, kämpfen kleinere Kommunen häufig mit Verwahrlosungserscheinungen wie Müll sowie Vandalismus im öffentlichen Raum und Graffiti.
Marcus Kober, Experte der Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention (DFK), rät Kommunen, sich zunächst darauf zu verständigen, „worin eigentlich das Problem vor Ort genau besteht“. Dabei sind die Perspektiven zum Beispiel von Polizei, kommunalem Ordnungsdienst, Verwaltung oder sozialer Arbeit nicht selten ganz unterschiedlich. Beispielsweise mag jemand eine Gruppe Jugendlicher im öffentlichen Raum als Problem ansehen, während andere das Problem darin erkennen, dass den Jugendlichen Treffpunkte fehlen. „Hier gilt es ein gemeinsames Problemverständnis zu entwickeln“, betont Kober.
Eine fundierte Sicherheitsanalyse sei ein weiterer, entscheidender Schritt, um gezielt handeln zu können. „Leider wird dieser Schritt häufig unterlassen“, erklärt Kober. Eine solche Analyse sollte neben statistischen Daten insbesondere die Befragung zentraler Akteure umfassen. „Besonders geeignet ist eine Befragung der Bürgerinnen und Bürger zu jenen örtlichen Bereichen, die als besonders unsicher wahrgenommen werden“, betont Kober.
Ein Blick nach Baden-Württemberg zeigt, wie systematische Präventionsarbeit funktionieren kann. Das Land gilt laut Kober als vorbildlich, weil dort einige Kommunen regelmäßig Sicherheitsanalysen durchführen. Unterstützung erhalten sie dabei von der gemeinsamen Zentralstelle Kommunale Kriminalprävention sowie dem Institut für Kriminologische Forschung Baden-Württemberg (KriFoBW) an der Hochschule für Polizei Baden-Württemberg. (https://www.kkp-bw.de, https://www.krifobw.de/projekte).
Gemeinsam mit dem Programm Polizeiliche Kriminalprävention und den Landeskriminalämtern ist aktuell der „Werkzeugkasten für Kommunen“ digitalisiert worden, der Kommunen praxisnahe Maßnahmen und Handlungshilfen zur Verfügung stellen soll.
Was ist der Werkzeugkasten Prävention?
Der „Werkzeugkasten für Kommunen“ ist eine umfassende Maßnahmensammlung zur kommunalen Kriminalprävention. Dieses Instrument geht auf das Forschungsprojekt „SiBa – Sicherheit im Bahnhofsviertel“ zurück, das unter Federführung der Stiftungsprofessur für Kriminalprävention und Risikomanagement der Universität Tübingen entstand.
Der Werkzeugkasten enthält eine Sammlung von Einzelmaßnahmen, stellt deren Chancen und Herausforderungen vor und illustriert diese an Hand von Praxisbeispielen.
Es sind mehr als 230 Präventionsmaßnahmen systematisch aufgeführt, die unterschiedlichen Handlungsfeldern und Themenbereichen – wie subjektive Sicherheit, städtebauliche Aspekte, Sozialkontrolle, Risikogruppen – zugeordnet sind (https://www.polizei-beratung.de/werkzeugkasten-fuer-kommunen/werkzeugkasten-tool/).
Was sind Voraussetzungen für Präventionsarbeit?
Die Voraussetzungen für erfolgreiche Präventionsarbeit sind vielfältig und hängen stark von den jeweiligen lokalen Gegebenheiten ab. „Je nach Problemstellung sind die Anforderungen unterschiedlich“, sagt Kober. An Bahnhöfen beispielsweise stehe häufig das Gefühl der Unsicherheit im Vordergrund. Einige Städte haben sich intensiv mit dieser Thematik befasst und nachhaltige Lösungen entwickelt, etwa durch bauliche Veränderungen, gezielte Präsenzmaßnahmen von Ordnungshütern oder verstärkte Kooperationen mit Verkehrsbetrieben.
Präventionsgremien auf Landesebene bieten Kommunen eine Plattform, um erfolgreiche Ansätze kennenzulernen und voneinander zu lernen. Kober empfiehlt etwa einen Blick auf das sächsische Projekt ASSKomm. In Sachsen arbeiten mittlerweile mehr als 65 Kommunen aktiv mit ASSKomm zusammen, 143 Städte und Gemeinden wurden beratend vom Landespräventionsrat begleitet. Dort wurden praxisnahe Strategien und Maßnahmen entwickelt, etwa um Verwahrlosung und Sachbeschädigung im öffentlichen Raum systematisch zu begegnen.
Praktische Hinweise und bewährte Maßnahmen aus unterschiedlichen Städten sind in einem digitalen Leitfaden gebündelt, den das DFK gemeinsam mit Landespräventionsgremien erarbeitet hat (https://kompraev.kriminalpraevention.de/digitaler-leitfaden.html). Die Module sollen Kommunen dabei unterstützen, passgenaue Konzepte für ihre jeweiligen Herausforderungen zu entwickeln – von der Analysephase über die Beteiligung der Bevölkerung bis hin zur Umsetzung und Evaluation.
Damit sich Präventionsgremien vor Ort erfolgreich etablieren und dann wirksam arbeiten können, braucht es neben methodischem Wissen vor allem eine klare Struktur, interdisziplinäre Zusammenarbeit und politische Unterstützung. Der Weg dorthin beginnt mit einer nüchternen Bestandsaufnahme: dem genauen Hinschauen.
Welche Trends gibt es?
In der aktuellen Lage lassen sich mehrere Trends erkennen, die das Aufgabenfeld der Präventionsgremien erweitern. Auf Bundes- und Länderebene wird zunehmend das Auftreten von Formen der Radikalisierung beobachtet. Diese Entwicklung erfordert neue Ansätze in der Präventionsarbeit und eine stärkere Verzahnung mit sozialen und bildungspolitischen Maßnahmen.
Ein stabiler und zugleich zentraler Trend bleibt die vorbeugende Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Frühzeitige Prävention gilt als eine der wirksamsten Strategien, um problematisches Verhalten und gesellschaftliche Spannungen langfristig zu reduzieren.
In den Städten und Gemeinden sind es insbesondere Nutzungskonflikte im öffentlichen Raum, der Umgang mit Sucht- und Drogenkranken sowie Straftaten zum Nachteil älterer Menschen, mit denen sich die Präventionsgremien beschäftigen (https://www.kriminalpraevention.de/files/DFK/dfk-publikationen/2019_kommunale_krirminalpraevention_in_deutschland.pdf).
Weiterhin von hoher Bedeutung ist das subjektive Sicherheitsgefühl der Bevölkerung. Die Dunkelfeldstudie „Sicherheit und Kriminalität in Deutschland“ (SKiD) des Bundeskriminalamts hat bestätigt, dass das persönliche Empfinden von Sicherheit unabhängig von objektiven Kriminalitätsraten in Teilen der Bevölkerung sehr unterschiedlich ausfällt (https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Forschung/ForschungsprojekteUndErgebnisse/Dunkelfeldforschung/SKiD/Ergebnisse/Ergebnisse_node.html).
Was besagt die Dunkelfeldstudie?
Die bundesweite Befragung zum Sicherheitsempfinden zeigt, dass die Mehrheit der Bürger sich sicher fühlt, jedoch Unterschiede in der Wahrnehmung bestehen. In der Umfrage unter 30.000 Bürgern gaben die meisten an, sich tagsüber und nachts sicher zu fühlen, wobei das Sicherheitsgefühl nachts abnimmt. In der eigenen Wohngegend fühlen sich nachts und ohne Begleitung nur knapp drei Viertel der Bevölkerung sicher, im öffentlichen Personennahverkehr ist es sogar weniger als die Hälfte. Frauen fühlen sich im Vergleich zu Männern bei Dunkelheit in der Öffentlichkeit deutlich unsicherer. Besonders gilt dies zudem für die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel in der Nacht.
42 Prozent der Bevölkerung sind beunruhigt, Opfer von Betrug im Internet zu werden. Diese Sorge ist deutlich stärker verbreitet als die Beunruhigung, von anderen Straftaten betroffen zu sein. Die Ergebnisse bestätigen jedoch eine insgesamt geringe Kriminalitätsfurcht in Deutschland im internationalen Vergleich.
Was tun bei größeren Veranstaltungen?
Vor eine besondere Herausforderung stellt die Kommunen seit einigen Jahren die Absicherung von Veranstaltungen mit größeren Menschenmengen, etwa Stadtfesten oder Volksfesten. Hier hat das „Programm Polizeiliche Kriminalprävention“ (ProPK) Ratgeber für Kommunen erarbeitet (https://www.polizei-beratung.de/themen-und-tipps/staedtebau/schutz-vor-ueberfahrtaten/). Sie sollen helfen, Risiken frühzeitig zu erkennen und geeignete Schutzmaßnahmen zu treffen. Dazu stehen den Kommunen Checklisten für Gefährdungsanalysen zur Verfügung, mit denen Risiken systematisch bewertet werden können.
In Einzelfällen bleibt auch die Absage einer Veranstaltung ein mögliches – wenn auch extremes – Mittel. Dieses Vorgehen ist vor allem dort erforderlich, wo Sicherheitsanalysen ein zu hohes Risiko ergeben, das durch organisatorische oder technische Maßnahmen nicht ausreichend reduziert werden kann oder zu hohe Kosten verursacht.
Wie wird Prävention zum Erfolgsfaktor?
„Eine Institutionalisierung der Präventionsarbeit ist sehr sinnvoll“, betont Kober. Ob und in welcher Form dies gelingt, hängt jedoch stark von der Größe und Struktur der Kommune ab. Deutlich zu erkennen ist, dass Gremien systematischer zusammenarbeiten und dadurch auch auf lokaler Ebene an Effizienz gewinnen.
Zentral bleibt dabei, relevante Akteure frühzeitig einzubeziehen – von der Polizei über die Verwaltung bis hin zu Schulen, sozialen Einrichtungen und Bürgerinitiativen. „Wichtig ist, gemeinsam zu klären, ob es Probleme gibt und wo diese liegen“, sagt Kober. Diese Bestandsaufnahme sollte stets am Anfang jeder präventiven Maßnahme stehen.
Als besonders hilfreich gilt die Einbeziehung der Bevölkerung, etwa durch Befragungen in den Sozialräumen und Quartieren. Dort lasse sich am besten ermitteln, welche Themen die Menschen tatsächlich beschäftigen und welche Maßnahmen sinnvoll erscheinen.
Ziel aller Bemühungen ist es, die Wohlfühlqualität im öffentlichen Raum zu steigern. Dazu gehört, systematisch zu untersuchen, wo die Punkte des Unwohlseins liegen und wer an welcher Stelle zur Verbesserung beitragen kann. Die so gewonnenen Erkenntnisse helfen, Maßnahmen gezielt zu planen und Prioritäten zu setzen.
Kober betont, dass bereits im Vorfeld besonders an die Lebensqualität gedacht werden sollte: „Wenn Lebensqualität von Beginn an einbezogen wird, kann die Prävention nicht nur Sicherheit schaffen, sondern das städtische Umfeld insgesamt positiv beeinflussen.“
So verstanden, wird kommunale Präventionsarbeit zu einem integrativen Bestandteil moderner Stadtentwicklung – mit dem Ziel, Sicherheit, Lebensqualität und gesellschaftlichen Zusammenhalt gleichermaßen zu fördern. [ dlu ]











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