Staat setzt auf Smart Country
Digitaler Wandel: Die SCCON gibt Impulse für Kommunen und Verwaltung wird neu gedacht
Künstliche Intelligenz (KI) entwickelt sich in der öffentlichen Verwaltung vom Pilotprojekt zum praktischen Werkzeug. Erste Kommunen setzen generative KI für Verwaltungsprozesse ein, automatisieren Antragsprüfungen oder nutzen den digitalen Zwilling für die Stadtentwicklung. Gleichzeitig bremsen Datenschutz, Fachkräftemangel und komplexe Beschaffungsverfahren den flächendeckenden Einsatz. Welche Anwendungen bereits funktionieren, wo die größten Effizienzgewinne liegen und welche Themen die diesjährige Smart Country Convention (SCCON) prägen werden, erläutert Sven Wagner, Bereichsleiter Public Sector und Referent Smart City beim Digitalverband Bitkom, im Interview.
Er spricht über den Nutzen von KI in Genehmigungsprozessen, den „Agentic AI Hub“ als kommunales Reallabor sowie über die Voraussetzungen, dass KI- und Cloud-Lösungen in Städten und Gemeinden zuverlässig, rechtskonform und skalierbar eingesetzt werden können. Die SCCON findet vom 13. bis 15. Oktober in Berlin statt.

In der öffentlichen Verwaltung hält KI Einzug. Welche konkreten Anwendungen werden bei der SCCON eine Rolle spielen?
Sven Wagner: Der Einsatz von KI-Technologien in der Verwaltung nimmt deutlich zu. Die daraus entstehenden, vielfältigen Anwendungsfälle möchten wir auch in unserem Programm widerspiegeln. Ein gutes Beispiel hierfür sind die ausgewählten Best Practices. Beispielsweise wird die Landeshauptstadt München zur erfolgreichen Implementation von generativer KI in ihrer Verwaltung sprechen. Die Stadt Wuppertal zeigt, wie klimaangepasste Stadtentwicklung mit KI gelingen kann, und „IT.NRW“ stellt vor, wie KI historische Bauwerkunterlagen analysiert und die gewonnenen Daten mit einem digitalen Zwilling verfügbar werden.
Was ist aus Ihrer Sicht das interessanteste Pilotprojekt in den Verwaltungsprozessen?
Sven Wagner: Ganz klar der „Agentic AI Hub“. Über dieses Projekt hat das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung, BMDS, ganz unterschiedliche KI-Lösungen in Kommunen von München bis Flensburg erprobt. Neun Startups und 19 Kommunen haben teilgenommen, ausgewählt aus zahlreichen Bewerbungen. Dabei gingen die KI-Anwendungen in sehr unterschiedliche Richtungen. Von der KI-unterstützten Pflege der E-Mail-Konten bis hin zu Prozessmodellierung und automatisierter Antragsvorprüfung war vieles dabei. Ich nenne hier ganz bewusst einen breit angelegten Test statt einzelne Anwendungen. Transformativ und interessant ist am Ende nicht die Anwendung, die besonders ausgefallen und innovativ klingt, sondern die echte Erleichterung für die Verwaltung, für Unternehmen und für Bürgerinnen und Bürger bringt. Welche das ist? Dafür müssen wir den Dialog mit Verwaltung, Wirtschaft sowie Bürgerinnen und Bürgern in den Mittelpunkt stellen. Der „Agentic AI Hub“ geht übrigens bald in die nächste Runde.

Wo sind die schnellsten Ergebnisse und echter Zeitgewinn zu beobachten?
Sven Wagner: Nach allem, was wir hören, in der Vollständigkeits- und Vorprüfung komplexer Unterlagen. Statt sich von Hand durch Dokumente zu wühlen, schafft man sich mittels KI zuerst einen Überblick. Was ist richtig ausgefüllt, welche Unterlagen sind eingereicht, wo gibt es Lücken? Gerade in aufwendigen Genehmigungsverfahren kann viel Zeit gespart werden – das BMDS spricht von 90 Prozent Zeitersparnis im Agentic AI Hub. Auch wenn die Zahl optimistisch gewählt sein sollte – das macht einen Unterschied.
Leider geht an anderer Stelle immer noch viel Zeit verloren. Bis neue Anwendungen überhaupt in der Verwaltung nutzbar sind, muss Aufmerksamkeit für sie entstehen, die Beschaffung organisiert werden, Prozesse müssen erprobt und Anschlüsse an andere Anwendungen aufgesetzt werden. Hier sagen auch Bitkom-Mitgliedsunternehmen, dass das alles andere als einfach ist. Daher unterstützen wir laufende Bemühungen, mit dynamischen Beschaffungssystemen und Marktplätzen einen besseren und schnelleren Einkauf für die öffentliche Hand zu ermöglichen.

Wo liegen die Hürden und Grenzen beim Einsatz von KI?
Sven Wagner: Der Wille ist da, auch bei den Bürgerinnen und Bürgern. Zwei Drittel wünschen sich, dass eine KI ihre Anträge bearbeitet, 65 Prozent wollen die Verwaltung als Vorreiter bei KI sehen. In den Städten kommt das an. 45 Prozent der Großstädte setzen bereits KI-Chatbots für Bürgeranfragen ein.
Die Bremsen sind bekannt und überall dieselben. Anforderungen an den Datenschutz (77 Prozent), Fachkräftemangel (70 Prozent) und Anforderungen an die technische Sicherheit (61 Prozent) sind die größten Hemmnisse. Dazu kommen in Kommunen knappe Haushalte, fragmentierte Fachverfahren und uneinheitliche Aufsichtspraxis. Was hilft: klare Anwendungsfälle statt Leuchttürme, Nachnutzung statt Eigenentwicklung, KI-Kompetenzaufbau nach Artikel 4 der KI-Verordnung.

Welche Themen werden bei der SCCON im Vordergrund stehen?
Sven Wagner: Wie jedes Jahr sind die Themen während der Smart Country Convention breit gefächert und orientieren sich an aktuellen Pain Points und Lösungsansätzen aus dem öffentlichen Sektor. Besonderes Augenmerk richten wir in diesem Jahr auf die Themen Resilienz, digitale Sicherheit und digitale Teilhabe. Dies zeigt sich nicht zuletzt in einem umfangreichen Programm zu diesen Schwerpunkten. Beispielsweise widmen wir dem Thema Cybersicherheit und Resilienz einen eigenen Programmtag auf unserer Hauptbühne. Ergänzt werden die Bühnensessions durch thematische Deep Dives in Form von Workshops und anderweitigen Weiterbildungsangeboten.
Eines der zentralen Themen ist „KI und Cloud“. Wie kann dafür gesorgt werden, dass KI zuverlässig, rechtskonform und skalierbar wird?
Sven Wagner: KI ist der stärkste Cloud-Treiber überhaupt. Heute beziehen 42 Prozent KI-Dienste aus der Cloud, in fünf Jahren sollen es 69 Prozent sein. Ohne Cloud keine skalierbare KI, auch in der Verwaltung.

Die wichtigsten Punkte sind:
- zuverlässig: Bei einem Cloud-Ausfall müsste fast die Hälfte der Organisationen (46 Prozent) den Betrieb einstellen, neun Prozent sofort. Notfallpläne und Ausweichwege gehören in jede Cloud-Strategie.
- rechtskonform: 87 Prozent vermissen Transparenz über Datenverarbeitung und Zugriffsrechte, 51 Prozent fehlen einheitliche europäische Gütesiegel. Souveränität braucht verbindliche Kriterien, keine Bekenntnisse.
- skalierbar: 90 Prozent fordern, dass staatliche Stellen stärker auf europäische oder souveräne Cloud-Lösungen setzen, 79 Prozent sehen den Staat als Vorreiter. Kommunen sind hier Nachfragemacht – über Vergabe, gemeinsame Rahmenverträge und Deutschland-Stack.
Weitere Infos zum Thema
Infos zur Fachmesse Smart Country Convention
Zum Thema
Thema: "Wenn Städte einen digitalen Zwilling bauen" - Link:
Thema: "Digitalisierung der Wirtschaft: Fast jedes Unternehmen beschäftigt sich mit KI" - Link
[ dlu ]
Kontakt zum Veranstalter:
Smart Country Convention (SCCON)
Messe Berlin GmbH
Messedamm 22
14055 Berlin
Tel +49 30 3038 2300
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