Städte am Bodensee suchen die Balance
Wie Kommunen den Tourismus neu steuern und den Blick weg von reinen Zahlen lenken
Der Blick über den Bodensee gehört zu den stärksten touristischen Bildern Deutschlands: Segelboote vor Alpenpanorama, Uferpromenaden voller Menschen, Radwege entlang des Wassers. Für viele Städte und Gemeinden ist der Tourismus ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Doch zwischen Konstanz, Friedrichshafen und Lindau verändert sich der Blick auf die Branche. Nicht mehr allein die Zahl der Gäste entscheidet über den Erfolg einer Region. Immer stärker geht es um Lebensqualität, Akzeptanz und nachhaltige Entwicklung.
Ein Beispiel dafür ist die Wiedereröffnung der Marienschlucht am Überlinger See Ende März 2026. Nach mehr als zehn Jahren Sperrung infolge von Erdrutschen und von einem tödlichen Unglück wird das beliebte Naturziel wieder zugänglich gemacht. Ein neuer Panoramasteg mit 280 Stufen, fünf Aussichtsplattformen und 56 Metern Höhenunterschied soll Besucher sicher durch die Schlucht führen.
Das Projekt zeigt exemplarisch, wie sich der Tourismus am Bodensee verändert. Naturerlebnis, Sicherheit, Besucherlenkung und Mobilität werden zunehmend gemeinsam gedacht. Die Marienschlucht ist an den Premiumwanderweg SeeGang sowie an das regionale Rad- und Wanderwegenetz angebunden. Besucher sollen möglichst ohne Auto anreisen.
Tourismus als Teil der Daseinsvorsorge
Der Zeitpunkt passt zur insgesamt stabilen Entwicklung der Region. Nach Angaben der internationalen Bodenseestatistik verzeichnete die Vierländerregion 2024 rund 22,3 Millionen Übernachtungen – der höchste Wert seit 2005. Auch für 2026 rechnen Tourismusorganisationen mit einer konstant hohen Nachfrage.
Für Kommunen stellt sich damit immer stärker die Frage, wie Besucherströme gelenkt und Infrastruktur langfristig finanziert werden können. „Tourismus ist für viele Kommunen längst keine reine Freizeitaufgabe mehr, sondern Teil der Standortentwicklung“, heißt es aus dem Umfeld regionaler Tourismusorganisationen.
Die Internationale Bodensee Tourismus GmbH setzt deshalb verstärkt auf nachhaltige Mobilität und grenzüberschreitende Angebote. Dazu gehören E-Bike-Routen, neue Paddelangebote oder Formate wie „Hike & Taste“. Parallel wird das Bodensee-Ticket weiterentwickelt, um den länderübergreifenden öffentlichen Personennahverkehr zu vereinfachen.
Auch infrastrukturell verändert sich die Region. Im Landkreis Konstanz wird derzeit ein 860 Kilometer umfassendes Radwegenetz neu beschildert. Für viele Rathäuser ist das mehr als ein touristisches Projekt. Radwege, Aufenthaltsqualität oder barrierefreie Angebote gelten zunehmend als Teil moderner Daseinsvorsorge.

Hohe Wertschöpfung durch Tagesgäste
Wie stark der Tourismus wirtschaftlich wirkt, zeigt eine aktuelle Studie des Deutschen Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts für Fremdenverkehr (dwif) zur Region Bodensee-Hegau. Für das Jahr 2023 weist die Untersuchung rund 9,3 Millionen Übernachtungen sowie zusätzlich 27,5 Millionen Tagesbesuche aus. Daraus errechnet das dwif einen touristisch induzierten Bruttoumsatz von 1,98 Milliarden Euro. Rund 28.550 Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt vom Tourismus ab.
Besonders relevant für Kommunen ist der Tagestourismus. Laut Studie entstehen allein dadurch Umsätze von 841 Millionen Euro. Viele Gemeinden profitieren wirtschaftlich, obwohl sie nur wenige Hotels oder klassische Übernachtungsangebote besitzen.
Gleichzeitig steigt der Druck auf die kommunale Infrastruktur. Tagesgäste verursachen Verkehrsaufkommen, belasten öffentliche Räume und erhöhen die Anforderungen an Parkplätze, Toiletten, Beschilderung und Aufenthaltsqualität.
„Die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus wird unterschätzt, wenn nur auf Übernachtungszahlen geschaut wird“, betont das dwif. Gerade Mobilität, öffentliche Räume und Innenstadtentwicklung seien eng mit touristischer Nachfrage verbunden.
Wenn Lebensqualität zum Maßstab wird
Mit den steigenden Besucherzahlen wächst auch die Diskussion über Belastungsgrenzen. Besonders an Spitzentagen geraten Uferbereiche, Ortskerne und Verkehrsachsen an ihre Kapazitäten. Debatten über „Overtourism“, bislang eher aus Großstädten oder Mittelmeerregionen bekannt, erreichen inzwischen auch den Bodensee.
Doch hohe Gästezahlen führen nicht automatisch zu Ablehnung. Entscheidend scheint zu sein, ob Infrastruktur, Kommunikation und Nutzen für die Bevölkerung erkennbar sind.
„Es gibt harte und weiche Erfolgskriterien“, sagte Martin Balas, Professor für nachhaltiges Destinationsmanagement in Eberswalde, während der Fachmesse CMT in Stuttgart. Lange seien vor allem Übernachtungen und Umsätze gemessen worden. Heute gehe es stärker um die Frage, wie Tourismus und Alltag zusammenpassen. „Der Konsens von Fakten und Gefühl kann als Basis für Entscheidungen dienen“, erklärte Balas.
Viele Kommunen versuchen deshalb, Tourismus stärker mit Lebensqualität zu verbinden. Neue Radwege, bessere Busverbindungen oder barrierefreie Zugänge kommen schließlich Einheimischen ebenso zugute wie Gästen.

Neue Kennzahlen für nachhaltigen Tourismus
„Nachhaltiger Tourismus bedeutet für uns, Lebensqualität für Einheimische und Gäste gemeinsam zu denken“, erklärt Jennifer Frahm von der Deutschen Bodensee Tourismus GmbH. Wie sich nachhaltige Tourismusentwicklung messen lässt, untersucht derzeit das bundesweite Förderprojekt „Nachhaltigkeit im Tourismus messen, kommunizieren und wertschätzen“. Die Deutsche Bodensee Tourismus GmbH gehört zu den sechs Pilotregionen.
Erstmals wurden bundesweit einheitliche Kennzahlen entwickelt, die ökologische, wirtschaftliche und soziale Aspekte gemeinsam erfassen. Dazu zählen unter anderem Gästezufriedenheit, Tourismusakzeptanz, Barrierefreiheit, touristische Saisonalität oder die durch An- und Abreise entstehenden Treibhausgasemissionen.
„Zum ersten Mal gibt es in Deutschland eine einheitliche Methodik, um den Tourismus und die Fortschritte in den Tourismusregionen ganzheitlich und einheitlich zu messen“, erklärt Norbert Kunz, Geschäftsführer des Deutschen Tourismusverbandes (DTV).
Der sogenannte Tourismusakzeptanzsaldo misst dabei, wie Einwohner die Auswirkungen des Tourismus bewerten. Bundesweit liegt der Wert aktuell bei plus 41 Punkten. Interessant ist vor allem: Regionen mit hoher Tourismusintensität schneiden nicht automatisch schlechter ab. Entscheidend ist offenbar, ob Kommunen die Entwicklung aktiv gestalten.

Der Bodensee als kommunales Reallabor
Am Bodensee wird dieser Wandel bereits sichtbar. Immer mehr Städte und Gemeinden setzen auf klimafreundliche Mobilität, sanften Naturtourismus und saisonunabhängige Angebote. Digitale Besucherlenkung, regionale Wertschöpfung und nachhaltige Infrastruktur gewinnen an Bedeutung.
Unterstützung soll die Nationale Tourismusstrategie 2026 des Bundes bringen. Vorgesehen sind Investitionen in ÖPNV, Radwege, Ladeinfrastruktur und digitale Angebote. Vor allem kleinere Kommunen hoffen dadurch auf neue Fördermöglichkeiten.
Für viele Rathäuser ist der Tourismus damit längst mehr als ein Marketingthema. Es geht um die Frage, wie Regionen attraktiv und lebenswert bleiben – für Gäste ebenso wie für die Menschen, die dort zuhause sind.
Das verändert den Blick auf viele Projekte. Neue Radwege, bessere Busverbindungen oder barrierefreie Angebote helfen nicht nur Urlaubern. Sie verbessern auch den Alltag der Menschen vor Ort. Genau darin sehen viele Kommunen die große Chance nachhaltiger Tourismusentwicklung.
Die Bodensee Studie zeigt: Wenn Kommunen Tourismus systematisch erfassen und bewerten, erhalten sie ein deutlich schärferes Bild der wirtschaftlichen Rolle dieser Branche und eine solide Grundlage für künftige Entwicklungsentscheidungen.
Am Bodensee zeigt sich bereits, wie stark sich die Branche verändert. Immer mehr Kommunen setzen auf klimafreundliche Mobilität, saisonunabhängige Angebote und sanften Naturtourismus. Wander- und Radangebote gewinnen an Bedeutung, ebenso digitale Besucherlenkung und regionale Wertschöpfung.
Der Tourismus der Zukunft soll nicht größer werden, sondern besser. Für viele Städte und Gemeinden am Bodensee ist nicht nur ein Marketingthema. Es geht um die Frage, wie Heimat attraktiv bleibt – für Gäste ebenso wie für die Menschen, die dort leben.
Die Marienschlucht könnte dafür zum Symbol werden: spektakulär inszenierte Natur, kombiniert mit Besucherlenkung, nachhaltiger Mobilität und moderner Infrastruktur. Genau darin sehen viele Kommunen am Bodensee inzwischen die eigentliche Zukunftsfrage des Tourismus. [ dlu ]

Weitere Informationen zur Tourismusbranche
Wie lässt sich die Tourismusentwicklung in Deutschlands Regionen einheitlich messen? Bisher zählten vor allem wirtschaftliche Kennziffern wie Ankünfte und Übernachtungen. Doch das Bewusstsein wächst, dass für eine erfolgreiche Tourismusentwicklung qualitatives Wachstum nötig ist. Das Förderprojekt „Nachhaltigkeit im Tourismus messen, kommunizieren und wertschätzen: Kennzahlenset für den Deutschlandtourismus“ hat erstmals bundesweite Kennzahlen festgelegt, um Nachhaltigkeit in Tourismusregionen einheitlich zu erfassen.
Das Projekt wird im Rahmen der Fördermaßnahme LIFT Transformation des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie umgesetzt. Projektträger ist der Deutsche Tourismusverband. Projektpartner sind reCET create.empower.transform., TourCert mit der Exzellenzinitiative Nachhaltige Reiseziele sowie die Hochschule München.
Neun Kennzahlen geben Tourismusregionen eine gemeinsame Messbasis – von Gästezufriedenheit über Tourismusakzeptanz bis Treibhausgasemissionen. Die Werte decken ökologische, ökonomische, soziale und managementbezogene Aspekte der Tourismusentwicklung ab und sind unter www.nachhaltiger-tourismus.info abrufbar.
Deutsche Bodensee Tourismus GmbH
Karlstraße 13
88045 Friedrichshafen











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