Wertheims Wunder ist eine Klinik
Als „Innovationsort 2025“ ausgezeichnet: Eine Kommune rettet ihr Krankenhaus selbst – mit Mut, Millionen aus der Region und Signalwirkung
Als „Innovationsort des Jahres 2025“ ist Wertheim ausgezeichnet worden. Das Informationsnetzwerk „Die Deutsche Wirtschaft“ würdigt damit die gemeinschaftliche Rettung des örtlichen Krankenhauses nach Insolvenz und Schließung – ein Projekt, das über den ländlichen Raum hinaus Beachtung findet und als Beispiel für kommunale Innovationskraft gilt.
Während in Baden-Württemberg vielerorts Klinikschließungen hingenommen, Holding-Modelle geprüft oder Reformen des Bundes abgewartet werden, entschied sich Wertheim für einen eigenständigen Weg. Die Stadt erwarb das Areal der ehemaligen Rotkreuzklinik und vermietet die Immobilie an private Betreiber. „Wir bekommen ein voll funktionsfähiges Krankenhaus, und jeder Quadratmeter des Klinikgebäudes wird gut genutzt“, sagte Oberbürgermeister Markus Herrera Torrez.
Vom Insolvenz-Aus zur kommunalen Weichenstellung
Nach der Insolvenzanmeldung der Rotkreuzklinik im Herbst 2023 und der Schließung des Betriebs im Juni 2024 stand die Region vor einem erheblichen Versorgungsproblem. Für rund 50.000 Einwohner drohten bei Notfällen Fahrzeiten von über 30 Minuten zu den nächstgelegenen Kliniken in Würzburg, Lohr oder Bad Mergentheim.
Stadtverwaltung, Gemeinderat, Ärzteschaft und engagierte Bürger setzten daraufhin einen Prozess in Gang, der bundesweit bislang kaum Parallelen hat. Die Kommune übernahm die Verantwortung für die Immobilie und entwickelte ein neues Nutzungskonzept. Wertheims Oberbürgermeister zitierte das sogenannte Wunder von Wertheim, das „keine Erfindung der Verwaltung“ sei. Tatsächlich sei es „bundesweit einmalig, dass ein im ländlichen Raum geschlossenes Krankenhaus nach so kurzer Zeit wieder öffnet und inzwischen voll funktionsfähig arbeitet“.


im November 2024 statt. Bei der Unterzeichnung durch die Vertragspartner waren auch die Vertreter der Gemeinderatsfraktionen anwesend. Bild: Stadt Wertheim
Neustart als Bürgerspital
Auf Grundlage der kommunalen Eigentümerschaft wurde der Standort medizinisch neu ausgerichtet. Das im Januar 2025 durch die Westfalenklinikgruppe eröffnete „Bürgerspital Wertheim“ kombiniert Grund- und Regelversorgung in Innerer Medizin und Chirurgie mit einer Notfallversorgung inklusive Stroke Unit sowie einer Fachabteilung für Adipositas-Behandlung. Weitere Partner sind Mediclin mit einer stationären neurologischen Rehabilitation sowie der Weiterbetrieb des bereits bestehenden Dialysezentrums.
Die Trennung von Immobilieneigentum und medizinischem Betrieb gilt als zentrales Element des Modells.
Wirtschaftliche Stärke als Erfolgsfaktor
Um die Notfallversorgung sicherzustellen, hat sich die Stadt zu einer Defizitbeteiligung von maximal 2,75 Millionen Euro pro Jahr verpflichtet. Die Finanzierung stützt sich wesentlich auf lokale Akteure.
Unternehmen, Vereine und Bürger sammelten dazu 2025 über eine Million Euro an Spenden. Allein aus der Wirtschaft kamen bislang rund 800.000 Euro. Nachbargemeinden, deren Bürger ebenfalls von der Notfallversorgung profitieren, beteiligen sich. Ein Krankenhausförderverein wuchs binnen weniger Monate von 300 auf über 1100 Mitglieder. Regionale Winzer haben eine Wein-Sonderedition aufgelegt, von der ein Zehntel des Erlöses der Notfallversorgung zugutekommt.
Wertheim verfügt über eine hohe Dichte an Industrie-
unternehmen mit Weltmarktführerschaft. 13 dieser Firmen engagierten sich auch für den Klinikstandort. „Das ‚Wertheimer Modell‘ ist grundsätzlich übertragbar – allerdings nicht eins zu eins und nur unter Berücksichtigung der jeweiligen lokalen Rahmenbedingungen“, erklärt Andreas Weber, Fachbereichsleiter Finanzen der Stadt Wertheim. Voraussetzung seien eine handlungswillige Kommune, politischer Rückhalt und engagierte Partner. „Die Bürgerschaft wollte unbedingt, dass sich die Stadt engagiert“, sagte Weber.

Rechtlicher und finanzieller Rahmen
Entscheidend für den Neustart waren formale Schritte. Im September 2024 wurde das Bürgerspital als Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung und Zentraler Notaufnahme in den Landeskrankenhausplan aufgenommen. Zudem genehmigte das Regierungspräsidium Stuttgart eine Ausgleichs- und Betrauungsvereinbarung, die die kommunale Unterstützung für die defizitäre Notfallversorgung ermöglicht.
Da diese Mittel aus dem städtischen Haushalt finanziert werden müssen, spielte auch die Bewertung der dauerhaften finanziellen Leistungsfähigkeit der Kommune eine zentrale Rolle. Förderprogramme kamen bei der Krankenhausrettung nicht zum Einsatz. Sie beruht auf kommunaler Verantwortung, vertraglicher Absicherung und breiter Unterstützung aus Wirtschaft, Bürgerschaft sowie dem regionalen Umfeld.
„Gleichzeitig zeigt das Modell, dass Kommunen – ohne formal für die Sicherstellung der stationären Gesundheitsversorgung zuständig zu sein – mehr Gestaltungsmöglichkeiten haben, als häufig angenommen wird“, betont Weber. Die Trennung von Eigentum und Betrieb könne insbesondere im ländlichen Raum ein tragfähiger Ansatz sein. „Wir verstehen das Modell daher weniger als Patentrezept, sondern als Blaupause für Standorte mit vergleichbaren Voraussetzungen – und als Ermutigung, neue Wege zu gehen.“

Regionale Bedeutung und Ausblick
Das Bürgerspital verzeichnet inzwischen steigende Auslastung. Ergänzend plant die Stadt mit dem „Gesundheitszentrum Reinhardshof“ einen weiteren Baustein, der Fachpraxen, Apotheken und Pflegeangebote bündeln soll. Ziel ist ein integriertes Versorgungsnetz, das über den Krankenhausbetrieb hinaus wirkt.
Die Jury des Wirtschaftspreises würdigte das Projekt als Beispiel solidarischer Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum. Für Oberbürgermeister Markus Herrera Torrez ist der wirtschaftliche Rückhalt entscheidend: „Wir sind mutig und tatkräftig vorangegangen, um die Gesundheitsversorgung der Menschen in Wertheim und Umgebung sicherzustellen. Und wir sind dankbar, dass uns dafür verlässliche Partner zur Seite stehen.“
In einem Umfeld, das vielerorts vom Rückzug stationärer Versorgung geprägt ist, zeigt Wertheim, dass kommunale Gestaltungskraft, wirtschaftliche Stärke und bürgerschaftliches Engagement gemeinsam neue Strukturen schaffen können – auch jenseits der großen Zentren. [ dlu ]
Weitere Informationen zum Bürgerspital Wertheim:
www.buergerspital-wertheim.de
www.buergerspital-wertheim.de/unser-krankenhaus/geschichte

Stadtverwaltung Wertheim
Mühlenstraße 26
97877 Wertheim











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