Damit der Obersee die Oberhand behält

SOS-Einsatz in der Gemeinde Kißlegg wichtiger denn je

Die malerische Landschaft der Gemeinde Kißlegg im Württembergischen Allgäu ist von Hügeln, Seen, Weihern und Mooren geprägt. Der Ort liegt an einer Perlenkette von vier eiszeitlichen Seen. Der größte von ihnen ist mit einer Wasserfläche von 25 Hektar und einer Tiefe von 16 Metern der Obersee. Die Kißlegger lieben ihren Obersee, der jährlich zwischen 50.000 und 100.000 Badegäste und Erholungssuchende anlockt.

Sein Oberlauf ist von Moorböden geprägt, die in früheren Zeiten entwässert und urbar gemacht wurden. Diese typische Allgäuer Kulturlandschaft mit ihren Einzelhöfen, Wiesen und Weideflecken und dazwischen eingestreuten Wäldern, Mooren und Seen ist das touristische Kapital Kißleggs, und zugleich das größte Problem des Obersees.

Das Sanierungsprogramm Oberschwäbische Seen (SOS) beschäftigt sich deshalb bereits seit 1989 mit dem Obersee. Der Einsatz verlief erfolgreich, bis es nun zu einer traurigen Trendwende kam, die zeigt: Die Arbeit zum Erhalt des Obersees ist noch lange nicht beendet.

Zwischen 1928 und 1990 hatte sich die Sichttiefe von rund zwei Metern auf unter einen Meter verringert, die Vielfalt an Fauna und Flora schrumpfte. Die Blaualgen wucherten, und die Sorgen um das beliebte Gewässer nahmen zu. Der Einsatz von SOS war deshalb von Anfang an wichtig. 1986 begann man mit den ersten limnologischen Untersuchungen und leitete die bis heute andauernde Untersuchungs- und Maßnahmenreihe ein.

Seither gilt ein Diätplan zur Nährstoffreduzierung in den Zuflüssen. Im Fokus befinden sich die häuslichen Abwässer, die Flächendüngung und die entwässerten Moorflächen. Die Kanalisation mit dem Obersee-Umgehungskanal wurde auf- und ausgebaut, die Kleinkläranlagen wurden ertüchtigt. Weitere Maßnahmen dienten der Wiedervernässung von Moorflächen und der Renaturierung von Seezuflüssen. Durch den Bau von zwei Schlammauffangbecken wurden weitere Belastungsquellen ferngehalten. Auch die intensive Beratung der Landwirte durch Mitarbeiter der Landwirtschaftsbehörde spielt bis heute eine wichtige Rolle.

Der Erfolg stellte sich tatsächlich ein. Bis 2013 halbierte sich der Phosphorgehalt im See.

 

Aus der Luft ist kaum auszumachen, wie hoch der Phosphorwert des Obersees in Kißlegg inzwischen wieder liegt und wie dringend der See erneut professionelle Hilfe benötigt.

Aus der Luft ist kaum auszumachen, wie hoch der Phosphorwert des Obersees in Kißlegg inzwischen wieder liegt und wie dringend der See erneut professionelle Hilfe benötigt.

Traurige Trendwende und neue Strategie

2017 lösten die neuesten Untersuchungen jedoch einen Schock aus. Der durchschnittliche Phosphorwert war seit 2013 wieder um rund 40 Prozent gestiegen. Offenbar war der bisherige Diätplan an seine Grenzen gestoßen. Dafür gab es mehrere Gründe.

Die Milchbauern setzen heute vermehrt auf Silomilch. Das führt zu häufigeren Mahden und mehr Güllegaben. Schließlich kamen durch die Energiewende und durch den gewerblichen Biogasanlagenausbau zusätzliche Nährstoffrationen in das Gebiet. Der Klimawandel mit den immer häufiger auftretenden Starkniederschlägen spielt ebenfalls eine zunehmende Rolle. Die zentrale Mischwasserkanalisation kann die großen und plötzlichen Niederschlagsmengen nicht aufnehmen und die dezentralen Kleinkläranlagen stoßen an ihre Reinigungsgrenzen. Außerdem schwemmen starke Regenfälle Nährstoffe von den Feldern und Wiesen ab.

Die zukünftige Strategie muss deshalb – um dauerhaft erfolgreich zu sein – an zwei Stellen ansetzen: Ursachen und Symptome müssen gleichzeitig bekämpft werden.

Einerseits müssen die Nährstoffeinträge weiter reduziert werden, andererseits müssen die von den Starkregen rasch in den See eingetragenen Nährstoffe schneller aus dem See ausgeleitet werden.

Zur Ursachenbekämpfung wurde inzwischen ein Flurbereinigungsverfahren gestartet, das weitere Zuläufe des Obersees ins Visier genommen hat. Ziel ist es, Gewässerrandstreifen an der westlichen Hangflanke und unmittelbar am See aufzukaufen und zu extensivieren. Fachleute diskutieren außerdem zur Zeit den Einbau einer Tiefenwasserableitung (TWA) in den 16 Meter tiefen See.

Mit einer TWA könnte man die in der Tiefe rückgelösten Nährstoffe effektiv ausleiten. Erfahrungen aus anderen Seen zeigen, dass sich die Gefahr einer Blaualgenblüte zur Badesaison nach Installation einer TWA verringert. Offen ist jedoch, ob eine TWA Auswirkungen auf den unmittelbar nachgelagerten Zeller See haben könnte.

Außerdem gibt es noch das Finanzierungsproblem, da die Kosten je nach Schätzung bis zu 500.000 Euro betragen könnten. Das ist für eine steuerschwache Gemeinde kein Zuckerschlecken und nur mit staatlichen Fördermitteln realisierbar.

Wenn der Kißlegger Obersee die Oberhand behalten will, braucht er jedoch weiterhin Kümmerer, die mit viel Leidenschaft und Engagement für die Erhaltung dieser Perle der Allgäuer Natur kämpfen.

 

A. Trautmann (SOS)


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4. Dezember 2018


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