Bilder, die unser Gewissen geprägt haben: Plastikmüll im Ozean. Obwohl nach Expertenmeinung nicht der private, sondern eher der gewerbliche Plastikmüll Verursacher der Vermüllung unserer Meere ist, entbrannte eine rege Diskussion um das geplante Verbot von Einkaufstüten aus Kunststoff.

Bilder, die unser Gewissen geprägt haben: Plastikmüll im Ozean. Obwohl nach Expertenmeinung nicht der private, sondern eher der gewerbliche Plastikmüll Verursacher der Vermüllung unserer Meere ist, entbrannte eine rege Diskussion um das geplante Verbot von Einkaufstüten aus Kunststoff.

Pro und Contra Plastiktüte – ein Interview mit Kurator Frank Lang

Die Tüte gilt als Sündenbock für die Umwelt im Kunststoffbereich, obwohl ihr Anteil in den Meeren im Promillebereich liegt

„Adieu Plastiktüte“ – eine Hommage auf eine bunt bedruckte Tüte aus Polyethylen, die seit über 50 Jahren bepackt und getragen wird. In einer charmanten Ausstellung im Museum für Alltagskultur Schloss Waldenbuch, einem Museum des Landesmuseums Württemberg, wagt man einen Blick zurück auf die bewegte Geschichte der Plastiktüte, die uns seit mehreren Jahrzehnten in verschiedenen Formen, Farben und Mustern begleitet. Ein Gespräch mit Kurator Frank Lang.

Vielfalt und zahlreiche Tüten – wie ist ein derart großer Bestand in Ihre Hände gekommen?

Das war schon vor zirka zehn Jahren, als ich 3000 Tüten von einem Sammler bekam, der als Schüler im Kunstunterricht auf die künstlerisch gestalteten Aufdrucke der Tüten von seinem Lehrer aufmerksam gemacht wurde. Etwas später erhielt ich eine noch umfangreichere Sammlung von einer Frau. Seither sind wir in Besitz von zirka 50.000 Plastiktüten.

Ich war euphorisch, bekam aber zum Glück eine Ausstellung nicht so schnell unter. Dann kam die Gelegenheit und wir hatten dazu noch das Glück, dass das Thema inzwischen hochbrisant ist. Hätten wir die Ausstellung 2012 geöffnet, wäre die Resonanz sicher nicht so groß.

 

Bei der Materialfülle ist die Entwicklung eines Konzepts sicher nicht einfach. Wo fängt man an und wo hört man auf?

Eine gründliche Sichtung war bei der Menge wirklich schwierig. Uns kam die Idee, die Sichtung während der Ausstellung vorzunehmen. Das heißt, wir wechseln alle vier Wochen die Tüten für eine neue Präsentation. In der Zwischenzeit wird eine weitere Sichtung nach Kategorien vorgenommen. Bei den Vorarbeiten habe ich über 100 Kategorien gebildet, nach denen die Tüten sortierbar sind. Und so tauschen wir jetzt immer sechs thematisch unterschiedliche Felder aus. Auf diese Weise wird im Laufe der Ausstellung der gesamte Bestand gesichtet. Man kommt auf immer neue Möglichkeiten.

Kürzlich hatten wir viele Tüten mit dem Begriff „leben“. Darauf stand zum Beispiel besser leben …, gut leben …, für unser Leben …. Da passiert was, da entsteht eine Aussage. Man erfährt, wie Marketing und Werbebotschaften funktionieren, wie damit Leute angesprochen werden, wie man Konsumenten gewinnt. Interessant, wie sich das über die letzten 50 Jahre mit der Tüte entwickelt hat.

 

Sehen Sie die Tüte plötzlich aus einem anderen Blickwinkel?

Wir haben verschiedene Blicke auf die Ausstellungsstücke. Ich hatte beispielsweise die Tüte eines Textilunternehmens, das auf der Rückseite über neueste Filme und Videospiele informierte. Das spiegelte die unterschwellige Botschaft wieder: „Wir haben immer das Neueste und so ist auch unsere Mode.“ Solche Entdeckungen sind für uns spannend.

Bei den Hängungen entsteht in einem selbst etwas Besonderes. Dann zum Beispiel, wenn auf einem der sechs Felder nur schwarzen Tüten zu sehen sind … mal mit Schrift, mal diagonal gestreift. Das hat Wirkung auf die Betrachter. Wir haben auch richtig sentimentale Tüten, mit denen Einkaufserinnerungen wachgerufen werden. Deutlich wurde das mit unserem Themenbereich Stuttgart und Tübingen. Aus diesen Orten kamen die Sammler. Deshalb haben wir aus den 70er- und 80er-Jahren auch Tüten von Läden, die es heute nicht mehr gibt. Das überrascht Ausstellungsbesucher und sie erinnerten sich beispielsweise an frühere Schallplattenkäufe.

Im Gespräch schlugen uns Besucher weitere Kategorien vor. Wir haben gespürt, dass jeder eigentlich seine eigenen Wege durch die Ausstellung findet und die Menschen sagen uns, was ihnen gefällt und was nicht.

 

Parallel zur Ausstellung bieten Sie zusätzlich ein ungewöhnlich abwechslungsreiches Aktionsprogramm … 

Unser kreatives Team hatte viele Ideen und ständig entwickelten sich neue. Zum Beispiel haben wir einen Raum eingerichtet, in dessen Mitte ein Wühltisch mit Doubletten vorhandener Tüten steht. Die Besucher können wählen und selbst Tüten mit Magneten an der Wand anbringen. Zusätzlich haben wir die Fragen nach guten und nach schlechten Tüten und nach Erinnerungstüten gestellt. Wir wollten auch wissen, warum sich die Leute so entschieden haben. Das Ergebnis: Bei guten Tüten hängen schöne, positive und toll gestaltete Tüten. Bei schlechten Tüten geht es den Leuten um was Anderes. Da hat sich beispielsweise ein elfjähriges Mädchen zu einer Haribotüte geäußert. Weil Gelatine in den Produkten ist, war die Tüte für sie schlecht. In dem Bereich wurden Exemplare aufgehängt, die für eine Firma oder Produkte werben, die Besucher als negativ werten. Bei den Erinnerungstüten geht es um persönliche Erlebnisse. Die Menschen entfalten viel Kreativität beim Anblick unserer Ausstellung. Beispielsweise hat jemand einen Teppich aus Tüten geknüpft und der sieht wirklich aus wie echt orientalisch.

 

Der Kurator Frank Lang über die Ausstellung „Adieu Plastiktüte“: „Es ist schon verrückt, die Welt will die Tüte loswerden und wir wollen sie für die Zukunft aufbewahren.“

Der Kurator Frank Lang über die Ausstellung „Adieu Plastiktüte“: „Es ist schon verrückt, die Welt will die Tüte loswerden und wir wollen sie für die Zukunft aufbewahren.“

 

Das klingt alles nach viel Sympathie für Plastiktüten …

Es gibt auch andere Ideen. Gemeinsam mit dem Gewerbeverein haben wir eine Aktion „Waldenbucher Tütle“ gestartet. Die Gewerbetreibenden geben eine Tüte aus, die man stempeln lassen kann, wenn man sie beim nächsten Einkauf wieder mitbringt und benutzt. Bei drei Stempeln bekommen die Leute bei uns ein Einweckglas, sozusagen als Alternative zur Plastikdose für den Einkauf beim Metzger. Das wurde sehr gut angenommen und nebenbei macht jeder seine Erfahrungen beim Einkauf.

 

Wie ist die Resonanz im Gästebuch?

Die Reflexionen im Besucherbuch sind durchweg positive. Da gibt es auch Aussagen wie „Gott sei Dank ist die Ära vorbei“. Manche Besucher interessieren sich ausschließlich für die Ästhetik. Viele kommen aber auch aus Umweltaspekten. Wenn ein Thema in der wissenschaftlichen Diskussion ist, und das ist die Plastiktüte, dann wird es sehr interessant, weil man selbst handeln und seinen Beitrag leisten kann.

Die Tüte ist ja quasi zum Sündenbock für die Umwelt im Kunststoffbereich geworden, obwohl ihr Anteil in den Meeren im Promillebereich liegt. Viele kommen aus dem Anlass, um sich Informationen zu holen, aber auch, um ihre Haltung zu der Diskussion bestärkt zu sehen. Und das ist bei uns möglich.

 

Und wie sieht die Realität solcher Möglichkeiten aus?

In einer Zone der Ausstellung haben wir große Papiertüten auf den Boden gestellt, in denen Zettel mit Informationen stehen. Das ist sozusagen unser Tüten-Wiki. Der Bereich wird sehr frequentiert und ist ein gutes Spannungsfeld auf einer anderen Ebene. Die Leute haben Interesse an Informationen, um sich in die Diskussion der Gesellschaft einzubringen. Wir haben unter anderem Infos vom Bundesumweltamt, von der Umwelthilfe und von großen Zeitschriften, bei denen solide Recherchen dahinterstehen. Dazu haben wir natürlich auch die Quellen genannt.

 

Für Verwunderung sorgt doch sicher die Tüte vom WWF, die so heute keiner erwartet. Wie wurde die denn von den Besuchern aufgenommen?

Das ist für mich die interessanteste Tüte. Die Info des WWF ist auf der Rückseite einer Tengelmanntüte. Die haben das häufig gemacht und Themen wie Naturschutz, Denkmalpflege, Kinderhilfswerk und ähnliches als Appelle abgebildet. Das war in den 70er- und 80er-Jahren.

Auf der Tüte sind die Probleme der Zeit, die Luftverschmutzung, der saure Regen, die oft nicht vorhandenen Klärwerke und die toten Flüsse. Viele der Probleme sind heute teils gelöst. Was das Marketing angeht, ist es genau das, was die Tüte ausmacht. Die Leute tragen eine Meinung. Das ist wie ein Button oder Aufkleber. Damals war die Plastiktüte nicht böse, das wurde sie erst um 2016.

 

Mitten in Ihre ungewöhnliche Ausstellung, die eigentlich Anfang Juli schließen sollte, kam die Corona-Krise. Können Sie sozusagen in die Verlängerung gehen?

Ja, zum Glück. Obwohl sie nicht riesig ist, hatten wir in den ersten Monaten bereits 10.000 Besucher und sie wird sicher unsere beste Veranstaltung der letzten 20 Jahre werden. Leider mussten wir zwischendurch die Ausstellung schließen. Und jetzt haben wir tatsächlich die Möglichkeit, bis zum 8. November zu verlängern. Das große Interesse am Beginn hat uns darin bestärkt. Wir wollen ja mit unserer Arbeit auch einen Beitrag zur gesellschaftlichen Diskussion leisten. Nicht immer schafft man das so wie mit der Tüte.  Allerdings beschäftigt uns noch die Frage, welche konservatorischen Bedingungen wir schaffen müssen, um die Tüten einzulagern. Wärme, Sauerstoff und Sonnenlicht sind für die Tüte schädlich. Es ist schon verrückt, die Welt will die Tüte loswerden und wir wollen sie für die Zukunft aufbewahren.

 

Vor zirka zehn Jahren erhielt Frank Lang 3000 Tüten von einem Sammler, der als Schüler im Kunstunterricht auf die künstlerisch gestalteten Aufdrucke der Tüten von seinem Lehrer aufmerksam gemacht wurde. Etwas später kam eine noch umfangreichere Sammlung von einer Frau dazu. Seither ist das Landesmuseum Württemberg in Besitz von zirka 50.000 Plastiktüten.

Vor zirka zehn Jahren erhielt Frank Lang 3000 Tüten von einem Sammler, der als Schüler im Kunstunterricht auf die künstlerisch gestalteten Aufdrucke der Tüten von seinem Lehrer aufmerksam gemacht wurde. Etwas später kam eine noch umfangreichere Sammlung von einer Frau dazu. Seither ist das Landesmuseum Württemberg in Besitz von zirka 50.000 Plastiktüten.

 

Kurator Frank Lang vom Museum für Alltagskultur Waldenbuch zur Ausstellung „Adieu Plastiktüte (Landesmuseum Stuttgart)

Für Rückfragen:
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presse@landesmuseum-stuttgart.de
www.landesmuseum-stuttgart.de

 

Den Hauptartikel, alle Statements und übrigen Interviews zum Thema „Pro und Contra Plastiktüte“ finden Sie unter folgenden Links:

>> Kommt das nun in die Tüte oder nicht? <<, Hauptartikel

>> Interview mit Dr. Regina Dube <<, Leiterin der Abteilung Wasserwirtschaft und Ressourcenschutz beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU)

>> Interview mit Aldi Süd <<

>> Statement von Dr. Oliver Möllenstädt <<, Hauptgeschäftsführer Gesamtverband Kunststoffverarbeitende Industrie e. V. (GKV)

>> Statement von Dr. Michael Jedelhauser <<, Referent für Kreislaufwirtschaft, NABU

>> Statement von Thomas Fischer <<, Leiter Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe e.V.


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