Job und Familie geht auch entspannter: „New Work“ verfolgt eher eine Work-Life- Integration mit Gestaltungsmöglichkeiten und größeren Handlungsspielräumen für Führungskräfte und Mitarbeitende.

Job und Familie geht auch entspannter: „New Work“ verfolgt eher eine Work-Life- Integration mit Gestaltungsmöglichkeiten und größeren Handlungsspielräumen für Führungskräfte und Mitarbeitende.

Familienfreundlichkeit zwischen Corona und New Work

Flexibles Reagieren und Umdenken in der Pandemie wurden oft zum Stresstest, bieten aber auch positives Potenzial für den zukünftigen Berufsalltag

Vereinbarkeit von Familie und Beruf – ein alter Hut? Ganz im Gegenteil behaupten Ines Hansen und Heike Krutoff. Beide sind für die Kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement tätig, kurz KGSt. Im Interview geben sie Tipps, wie Städte, Kreise und Gemeinden eine Kultur des Miteinanders etablieren können.

Heike Krutoff, Referentin Programmbereich Personalmanagement der KGSt

Nach Ihren Erfahrungen führen die Corona-Pandemie oder das noch wenig bekannte New-Work-Konzept zu einem neuen Bewusstsein für Familienfreundlichkeit. Bedeutet das, es wird sich manches im Verständnis von Job und Familie ändern?

Krutoff: Die mit der Corona-Pandemie verbundenen Einschränkungen haben vieles auf den Kopf gestellt, was an Infrastruktur und Maßnahmen für Familien und vor allem Frauen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie geschaffen worden ist: Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen waren geschlossen, Pflegedienste teilweise stark eingeschränkt und Homeoffice für viele verpflichtend statt selbstgewählt.

Studien warnten schnell vor einer „Re-Traditionalisierung von Geschlechterrollen“, also einer „Krise der Gleichstellung“. Das gründete auf der Beobachtung, dass die zusätzlich anfallende Sorgearbeit auch in Familien mit einer vormals gleichberechtigten Verteilung unbezahlter Arbeit nun vor allem die Frauen übernahmen.

In diesen Ausnahmesituationen mussten Arbeitgeber schnell und flexibel reagieren. Sind dadurch nachhaltige Ideen entstanden?

Hansen: Das ist ein Ansatz, der in einer neuen Normalität beibehalten werden sollte. Zu den Maßnahmen gehörten insbesondere passgenaue Arbeitszeitmodelle mit flexiblen Tages- oder Wochenarbeitszeiten bis hin zu Arbeitszeitkonten mit flexiblen Jahresarbeitszeiten. In manchen Kommunen wurden stadtinterne Notbetreuungen zur Verfügung gestellt oder Einzelbüros organisiert, sodass Kinder zeitweise mit ins Büro gebracht werden konnten. Die technische Ausstattung zum mobilen Arbeiten wurde aufgestockt und professionalisiert.
Insbesondere Führungskräfte wurden für die besonderen Herausforderungen von pflegenden oder betreuenden Mitarbeitenden sensibilisiert – nicht selten waren sie selbst betroffen. Das sind einige Beispiele, wie kommunale Arbeitgeber ihre Mitarbeitenden in der Pandemie unterstützt haben, Familie und Beruf bestmöglich miteinander zu vereinbaren.

Das würde bedeuten, dass in der Pandemie Stärken und Schwächen mehr denn je deutlicher wurden …

Krutoff: Eindeutig. Es zeigt sich, dass eine familienfreundliche Personalpolitik ein relevanter Produktivitätsfaktor ist und sich Schwächen bei dieser Thematik direkt auf das Arbeitsergebnis auswirken können. Die Mitarbeitenden wiederum haben erlebt, dass sie selbst aktiv werden und im Dialog mit dem Arbeitgeber passende Lösungen für die Vereinbarkeit erarbeiten können.

Eine familienfreundliche Personalpolitik ist wichtig für den Erfolg einer Verwaltung.

Eine familienfreundliche Personalpolitik ist wichtig für den Erfolg einer Verwaltung.

Und wie kann eine neue Normalität im Arbeitsleben aussehen?

Hansen: In diesem Kontext ist „New Work“ in aller Munde und bezeichnet ein neues Verständnis von Arbeit, das sich durch die Sinnhaftigkeit der Arbeit, die Flexibilisierung von Methoden und Instrumenten, einem neuen Führungsverständnis und diversen Organisationsformen ausdrückt. Ein Schwerpunkt des Konzeptes liegt in einer selbstbestimmten und eigenverantwortlichen Gestaltung der Arbeitsbedingungen. Sie ermöglicht den Beschäftigten einen Einklang zwischen beruflichen Verpflichtungen und den Anforderungen aus dem privaten Bereich.

Bisher war „Work-Life-Balance“ in aller Munde. Folgt jetzt nahtlos die nächste Stufe?

Krutoff: Ja, denn nach dem bisherigen Verständnis ging es um eine möglichst klare Grenze zwischen Beruf und Familie. „New Work“ verfolgt eher eine Work-Life-Integration mit Gestaltungsmöglichkeiten und Handlungsspielräumen für Führungskräfte und Mitarbeitende. Die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben werden durchlässiger und variieren nach allgemeinen Lebensphasen, nach konkreten Lebenssituationen und auch nach dem individuellen Sinn von Arbeit und Privatleben.

Ines Hansen, Leiterin Programmbereich Personalmanagement der KGSt

Ines Hansen, Leiterin Programmbereich Personalmanagement der KGSt

Welchen Gestaltungsrahmen können kommunale Arbeitgeber zukünftig setzen?

Hansen: Kommunale Arbeitgeber erweitern ihre Rahmenbedingungen für flexibles Arbeiten und ermöglichen damit ihren kommunalen Beschäftigten, zu aktiven, selbstorganisierten Akteuren in einer familienfreundlichen Arbeitskultur für Mütter, Väter und pflegende oder betreuende Angehörige zu werden.

Wie sieht das konkret in der Praxis aus, welche Bausteine und Ideen werden eine Rolle spielen?

Krutoff: Individuelle Lösungen stehen vor starren Konzepten. Dazu ein paar Stichworte: Mitarbeitende mit und ohne Familienpflichten haben gleiche Entwicklungs- und Aufstiegschancen. Mitarbeitende in Teilzeit sind keine Kollegen zweiter Klasse. Führungskräfte ermuntern, familienfreundliche Maßnahmen in Anspruch zu nehmen. Auch Führungspositionen werden familienfreundlich. Beim Top Sharing teilen sich zwei Teilzeitkräfte eine Führungsstelle. Schwangerschaft oder Pflege sind kein „Makel“. Die Kommune bietet ab Bekanntwerden von sich aus Unterstützungsmaßnamen an. Vereinbarkeitsmaßnahmen werden regelmäßig überprüft, ob sie noch zu den Bedürfnissen der Mitarbeitenden passen. Anregungen werden konstruktiv aufgenommen.

Ist „New Work“ schon im Alltag angekommen?

Hansen: Die Corona-Pandemie hat das Bewusstsein geschärft, wie relevant eine familienfreundliche Personalpolitik für den Erfolg einer Verwaltung ist. Und mit „New Work“ erhält die Vereinbarkeit neue Vorzeichen, indem Arbeitsbedingungen so weit flexibilisiert werden, dass Führungskräfte und Mitarbeitende weitestgehend selbstbestimmt und aufgabenorientiert wählen können, wie, wann und wo sie arbeiten. Diese Kultur wird noch nicht überall so gelebt. Auch in Kommunen gibt es dazu noch einiges zu tun. Aber die Erfahrungen aus der Pandemie zeigen, dass viele Kommunen auf einem guten Weg hin zu einer gelebten familienfreundlichen Verwaltungskultur sind. [ sf ]


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26. August 2022


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