Streetworker suchen die Begegnung mit Jugendlichen, die sich in einem Treppenhaus unterhalten

Ihr Alltag findet draußen statt: Streetworker sind unterwegs, um mit Kindern und Jugendlichen Kontakte zu knüpfen, Vertrauen aufzubauen und Unterstützung anzubieten.

„Frag doch mal …“ wie Kommunen und Jugend eine Basis finden

KOMMUNALtopinform hinterfragt Beispiele gelungener Jugendpolitik

Sie „napflixen, haben Borderitis und cornern“. Typisch Jugend. Sich zu verstehen ist nicht nur im Familienleben eine Herausforderung. Kommunen und Sozialarbeiter zeigen Beispiele, wann Jugendliche Interesse entwickeln und sich gerecht verstanden fühlen.

 

Während der Pandemie hatten es Kinder und Jugendliche alles andere als leicht. Sie mussten teilweise monatelang auf ein Treffen mit ihren Freunden und Schulkameraden verzichten, durften im weiteren Verlauf höchstens zu zweit, zu dritt etwas gemeinsam unternehmen. Kaum eine Altersgruppe hatte in den letzten zweieinhalb Jahren auf so viel zu verzichten wie Kinder und Jugendliche zwischen drei und 18 Jahren. Für Kinder- und Jugendbeauftragte war es daher wichtig, neue Wege zu gehen und sich seither ganz besonders für die Jüngeren unserer Gesellschaft zu engagieren.

Steffi Findeisen hat einen Blick auf die Arbeit verschiedener Institutionen geworfen und Verantwortliche nach ihren Möglichkeiten befragt.

 

Streetworker ernten die Früchte ihrer Arbeit oft erst Jahre später

Christiane Hillig, die Geschäftsführerin von LAG Mobile Jugendarbeit/Streetwork BW e. V., Stuttgart

Christiane Hillig ist die Geschäftsführerin von LAG Mobile Jugendarbeit/Streetwork BW e. V. in Stuttgart.

Christiane Hillig: „Mobile Jugendarbeit ist keine Sozial-Feuerwehr.“

„Mobile Jugendarbeit wird in Baden-Württemberg seit mehr als 50 Jahren entwickelt. Als Vater des Konzepts gilt der 2021 verstorbene Walther Specht, der 1967 in Stuttgart-Freiberg mit einer parteilichen und aufsuchenden Jugendarbeit begann. Im Blick waren damals wie heute Jugendliche und junge Erwachsene, die als gefährdet oder sozial benachteiligt gelten. Was tut mobile Jugendarbeit, um junge Menschen zu erreichen und zu unterstützen?

Wir nehmen Kontakt zu Jugendlichen auf, die wir in öffentlichen Räumen antreffen und stellen uns vor. Dabei sind wir stets Gäste in deren Lebenswelt. Ob wir gerade erwünscht sind oder ein Gespräch zustande kommt, liegt allein bei den jungen Menschen. Es geht darum, Vertrauen aufzubauen. Wir begegnen den Jugendlichen nicht mit erhobenem Zeigefinger, wir hören zu und interessieren uns für ihre Themen. Deshalb können und dürfen wir keine ordnungspolitischen Aufträge annehmen. Erst wenn ein stabiles Vertrauensverhältnis geschaffen wurde, besteht die Chance, dass sich die Jugendlichen öffnen und Unterstützung annehmen. Mit Cliquen im öffentlichen Raum werden Formen von Gruppenarbeit möglich – von Projekten über regelmäßige Treffen bis zu großen Freizeiten. Dabei setzen wir immer auf die Fähigkeit von Gruppen, Einzelne zu unterstützen, voneinander und miteinander zu lernen und sich zu entwickeln. Die Fachkräfte arbeiten akzeptierend, parteilich und vertraulich und setzen sich im Gemeinwesen für die Bedürfnisse der jungen Menschen ein. In schwierigen Situationen stehen wir ihnen zur Seite, begleiten sie und entwickeln gemeinsam Perspektiven. Oft gilt es, Rückschläge auszuhalten, zu verarbeiten und neu Anlauf zu nehmen. Die Früchte der Arbeit werden häufig erst nach Jahren geerntet.

Unsere Arbeit gestaltete sich unter den Pandemiebedingungen der letzten beiden Jahre oftmals schwierig. Junge Menschen standen in der Öffentlichkeit mehr als sonst in der Kritik als ‚Krawallmacher‘ und es wurde erwartet, dass sie Rücksicht nehmen und funktionieren. Viele Möglichkeiten, die Jugendarbeit bietet, fanden nicht oder nur äußerst eingeschränkt statt. Streetworker in Städten und Gemeinden standen den jungen Menschen durchgehend zur Seite. Unsere Arbeit wurde als systemrelevant eingestuft. Gerade Kontakte zu Behörden wären ohne Unterstützung für die jungen Menschen und ihre Familien gescheitert. Wir benötigen gut qualifizierte, engagierte und belastbare Fachkräfte, die einen langen Atem mitbringen. Zu den Momenten, die uns berühren, gehören beispielsweise auch die Erlebnisse eines Kollegen, der in unserem Praxishandbuch 2020 seine Momente so geschildert hat: Es seien viele Kleinigkeiten, die ihn beeindruckt haben. Zum Beispiel, wenn man sich von Jugendliche verabschieden will, weil die sagen, dass sie jetzt weiterziehen und ihre Reaktion lautet: ‚Wie? Ihr geht nicht mit uns?‘  Und er spricht über Erlebnisse, bei denen er Leuten begegnet ist, die ihn fragen, ‚Eye – kennst du mich noch?‘ und ihm dann erzählen, wie ihr Leben verlaufen ist und was sie daraus gemacht haben.“

 

Ein alter, zerschlissener Sessel steht in einer versteckten, von Pflanzen überwucherten Nische zwischen Brückenmauer und Grundstückszaun:

Ein alter, zerschlissener Sessel in einer versteckten Nische zwischen Brückenmauer und Grundstückszaun: Solche Plätze sind Streetworkern vertraut. Sie sind Gäste an den Rückzugsorten ihrer Jugendlichen, die denen Heimat sind.

 

Kontaktdaten:

Landesarbeitsgemeinschaft Mobile Jugendarbeit/Streetwork BW e. V.
Heilbronner Str. 180, 70191 Stuttgart
Tel.: +49 711-1656-474
servicestelle@lag-mobil.de
www.lag-mobil.de

 

 

Weitere Statements zum Thema von:
Nadia Lazar, Fachreferentin für Kinder- und Jugendbeteiligung
Jürgen Ziegler, Kreisjugendpfleger und Geschäftsführer des Kreisjugendrings Kulmbach
Ralf Broß, Oberbürgermeister von Rottweil

Wir bedanken uns ganz herzlich dafür!

 

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Diskutieren Sie mit!

 

Welche Möglichkeiten kennen Sie, Kinder und Jugendliche zu erreichen und aus schwierigen Situationen herauszuholen?
Welche weiteren Institutionen haben es sich zur Aufgabe gemacht, unsere jüngsten Altersgruppen mit Hilfestellungen zu unterstützen?
Führen Sie selbst so eine Institution?

Wir sind gespannt auf Ihre/Eure Erfahrungen!

 


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Redaktion KOMMUNALtopinform
Verlag und Medienhaus Harald Schlecht
Auf dem Schildrain 8
78532 Tuttlingen

E-Mail. info@kommunaltopinform.de
Web. www.kommunaltopinform.de/frag-doch-mal

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15. Juni 2022


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